Schwanzvergleich der Systeme

Die russische Leichtathletin Jelena Tschurakowa wurde 2013 wegen Dopingeinnamhe disqualifiziert. Foto: RIA Novosti.

Die russische Leichtathletin Jelena Tschurakowa wurde 2013 wegen Dopingeinnamhe disqualifiziert. Foto: RIA Novosti.

Der Ulenspiegel kommentiert die jüngste Enthüllungen über Doping in Westdeutschland.

Die Aufregung um Doping habe ich nie verstanden. Wenn sich Sportler den Körper ruinieren lassen, um ein paar Hundertstelsekunden schneller zu sein als die Konkurrenz, dann bitte. Wo ist das Problem? Sollen halt alle das Zeug schlucken, dann sind die Chancen wieder gleich. Es ist ohnehin lächerlich, zu glauben, Leistungssport hätte etwas mit Fairness zu tun. Leistungssport ist ein Geschäft, und so wie es im Geschäftsleben nun mal zugeht, so sind auch die Sitten unter den Athleten.

Aber, so sagen die Verfechter eines sauberen Sports, was ist mit der Vorbildfunktion der Sportler? Wenn junge Leute sich nun für das Schulsportfest mit Eigenblut dopen lassen, weil die Großen es ihnen vormachen? Es tut mir leid, aber das kann ich noch weniger nachvollziehen. Wer sich Sportler zum Vorbild nimmt! Ein junger, moralisch ungefestigter Fußballfan geht in den Puff, nur weil Franck Ribéry sich dort amüsiert? Und wenn Franck Ribéry uns Keuschheit anempfiehlt, dann ahmen das alle seine Jünger ebenfalls nach? Mag sein, dass das so läuft, aber wie blöd müssen Leute sein, die in solchen Fragen Fußballer zu ihrem Leitstern wählen?

Es gab einmal eine Zeit, da strahlte die Vorbildfunktion des Sports sogar auf die Politik ab. In der Epoche des Kalten Krieges diente der Sport dem Systemvergleich. Wer mehr Medaillen hatte, dessen System gewann ein paar Punkte auf der Attraktivitätsskala. Hier setzt es bei mir wieder aus. Ist schon jemals einer zum Kommunisten geworden, nur weil die sowjetischen Kugelstoßer so erfolgreich waren? Oder sind die Menschen aus der DDR geflohen, weil sie endlich mal zu einem Spiel des FC Bayern ins Stadion gehen wollten? Wohl kaum. Dennoch war der Sport damals der große Schwanzvergleich zwischen Ost und West. Weil die Staaten des Ostblock dabei oft sehr gut abschnitten, gab es im Westen eine einleuchtende Erklärung für das eigene Versagen: Die im Osten sind ja alle gedopt! Da drüben werden ja schon Kinder in Trainingscamps gezwungen. Dort werde sie so lange gepeinigt und mit Medikamenten gepäppelt, bis sie alle Rekorde brechen. Allerdings sind sie dann spätestens mit 30 allesamt Krüppel.

So macht Systemvergleich wieder Sinn: Hier die fairen, hart trainierenden West-Sportler, die den olympischen Geist beschwören, dort

hochgezüchtete Roboter-Menschen, von skrupellosen Funktionären zuerst zum Sieg, und dann in den Ruin gepeitscht. Im Osten gilt der einzelne ja nichts, es geht immer nur um das Kollektiv.

Insofern sind die jüngsten Enthüllungen über Doping in der alten Bundesrepublik schon ziemlich peinlich. Wie gut, dass der Gegner von einst nicht mehr da ist, um hämisch zu feixen. Wenn beide Seiten gedopt haben, dann hatten die drüben wohl die wirkungsvolleren Substanzen? Also war die Wissenschaft weiter entwickelt, zumindest die Pharmazie? Oder waren unsere Doping-Druiden besser, weil sie weniger auffällig arbeiteten? In jedem Falle stellt sich wiedermal die Frage, ob es vielleicht mit der moralischen Überlegenheit des Westens nicht so weit her ist – nicht nur beim Sport?

Moralische Überlegenheit eines Systems – wer an die glaubt, der hat vermutlich Sportler als Vorbilder.