Die stillen Moskauer Abende

Die Stille, die gibt es in Moskau nicht. Foto: Reuters

Die Stille, die gibt es in Moskau nicht. Foto: Reuters

Unsere Bloggerin Adele ist der Meinung das die Vergrößerung Moskaus nichts Gutes bringen kann.

Das ist natürlich ein kolossaler Irrtum, diese viel besungenen Moskauer Abende. Erstens führt uns die Übersetzung des Liedtitels auf eine falsche Fährte, denn es handelt sich dabei natürlich um die Abende im Moskauer Umland, im ehemals recht grünen Gürtel um die Hauptstadt. Zweitens waren die Abende in Moskau wahrscheinlich nie still, auch wenn die Stadt bis zum Beginn der Neunziger eher etwas vor sich hin dümpelnd wirkte. Geschäfte und Restaurants oder gar Nachtclubs gab es viel zu wenige, die Größe der Stadt machten die riesigen Schnarchsiedlungen aus. Die wachsen auch heute noch auf der grünen Wiese, aber schon mit infrastrukturellen Ansätzen.

Die neueste Idee der Jungs am Ruder macht den letzten stillen Eckchen des Moskauer Gebietes den Garaus. Die angrenzenden Gebiete, wie zum Beispiel das Kalugaer, müssen Flächen abgeben und das Moskauer Gebiet selbst auch, um das unregierbar große Moskau noch größer zu machen.

Das neue Moskau heißt dieser Unsinn großspurig. Wem nützt das? Den Bewohnern des Umlandes, die neuerdings Gefahr laufen, ihr Grundstück ersatzlos abgeben zu müssen, weil da urplötzlich eine Straße entlang führt oder neue Hochhäuser aus der Erde wachsen sollen? Wohl kaum.

Wem nützt das dann? Na erst mal den unersättlichen Immobilienhaien, die jetzt Moskauer Preise aufrufen können. Energiekonzerne, Wasserwerke, Abwasser - und Müllbeseitigungsfirmen machen sich ihre Nase noch goldener, denn ihre Leistungen werden nun nach Hauptstadttarifen abgerechnet. Sogar die Autofahrer müssen tiefer in die Tasche greifen, denn die Steuern sind im „reichen Moskau" höher als anderswo.

Und die Stille, die gibt es ja in Moskau nicht! Die Stadt brummt und summt rund um die Uhr. Das geht ja noch an, aber der ständige Lärm, der auf einen einstürmt, macht meschugge. Ob das in der Moskauer Metro ist, wo die alten Wagenzüge in die Stationen eindonnern, als ob ein Düsenjäger startet, oder ob es das Hupkonzert genervter Autofahrer ist, das zerrt schon mächtig auf die Nerven. Weil es nie aufhört!

In diesem Sommer ist es besonders ätzend, weil der noch amtierende Bürgermeister vor der Wahl alles Mögliche reparieren will und somit Baulärm in alle Straßen und Höfe trägt. Das ist ja einerseits begrüßenswert, denn es wird etwas nach langer Zeit gemacht. Ist aber andererseits für das Nervenkostüm nicht so prickelnd.

Da werden zum Beispiel an dem Haus, in dem ich seit ein paar Jahren wohne, die alten Fahrstühle, die einst von außen angebaut wurden, abgerissen und neue sollen ran. Damit die Wohnungsverwaltung auch ja genügend abzweigen kann, darf der Umbau natürlich nichts kosten. Billigste Arbeitskräfte und Fahrstühle müssen her!

Myriaden von Gastarbeitern aus den ehemals asiatischen Sowjetrepubliken versuchen das zu bewerkstelligen. Ihre mangelnde Erfahrung in diesem Job kompensieren sie durch permanente laute Diskussionen in ihrer Landessprache. Von früh bis spät unterhalten sie sich zwischen der ersten und der fünften Etage.

Ihr Lieblingsgerät ist der Trennschleifer, der unermüdlich von vormittags bis spät abends jault. Früh, wenn die Bewohner zur Arbeit ausgeschwärmt sind, lassen es die Fahrstuhlmonteure langsam angehen, vor halb elf hört man nichts von ihnen, da trinken sie Tee und klönen. Dafür dürfen dann alle, die nach getaner Arbeit und strapaziösem Arbeitsweg endlich zu Hause angelangt sind und die laue Sommerluft durchs geöffnete Fenster

einströmen lassen wollen, dem ätzenden Kreischen des Trennschleifers lauschen.

Gegen Morgen, wenn der Schlaf schön tief ist, rumpelt das Müllauto auf den Hof, ein vorsintflutliches Gefährt aus dem Hause „SIL" und versucht mit ausgeleierter Hydraulik die maroden Mülltonnen anzuhängen, hochzuziehen und auszukippen. Das dauert eine gefühlte Ewigkeit und der schöne mollige Schlaf hat sich aus dem Staube gemacht.

Um die im Lied besungene Stille am träge dahin fließenden Flüsschen zu erleben, muss man schon ganz schön weit weg fahren, denn das Moskauer Gebiet ist inzwischen schon sehr zersiedelt. Datschensiedlungen, Hochhäuser, ganze Wohnparks, mit beeindruckenden Mauern umgebene Wohnsiedlungen der gehobenen Klasse geben Ruhe und Idylle den Gnadenstoß.

Selbst an den großen Wasserreservoirs weit vor den Toren Moskaus hat man abends keine Ruhe. Überlaute Musik feierwütiger Urlauber zerhackt die Stille und die Stimmung gleich mit.