Der west-östliche Diwan

Foto: RIA Novosti

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Die Russland-HEUTE-Bloggerin Adele erzählt, wie die Gastarbeiter aus Zentralasien die russische Hauptstadt erobern.

Auf diesem bequemen Liegemöbel wird es in Moskau ganz schön eng. Mit Billigung von ganz oben strömen Massen von Gastarbeitern ins Land, verteilen sich auf die großen Städte und okkupieren die Arbeit auf dem Bau, im Straßenbau und als Hofarbeiter, mit einem Wort, sie tun all das, wonach sich die Moskauer und auch die Russen allgemein nicht gerade reißen. Von Unternehmern werden sie gern genommen, weil sie anspruchslos und billig sind.

Nach der ersten großen Welle rollen unaufhörlich neue heran, überall asiatische Gesichter, in der Metro kann man schon mal ins Grübeln kommen, in welcher Stadt man ist, in Duschanbe, Aschchabad, Almaty oder Moskau. Das Murren der Russen wird lauter, es ist Wasser auf die Mühlen alter und neuer Nazis und dröger Nationalisten.

Inzwischen gibt es nicht nur unzählige kaukasische und asiatische Restaurants, die exotische Bezeichnungen haben und offensichtlich das Heimweh der Zugereisten mildern sollen, sondern auch in anderen Lokalen und Kaffeehausketten wird der Gast ausschließlich von Gastarbeitern bedient. Ungeschult, aber willig lassen sie den Besuch eines Cafes oft zu einer Nervenprobe werden. Manche verstehen nicht alles, was ihnen die Gäste sagen und antworten in gebrochenem Russisch. Außerdem scheinen sie alle viel Zeit zu haben und beeilen sich nicht sonderlich, die Gäste zu bedienen.

Warum soll es den an jeder Ecke entstehenden Schönheitssalons und Wellness-Oasen besser gehen als den Cafes? Auch hier regiert Zentralasien. Die Thai-Massage führen garantiert Usbekinnen oder Tadschikinnen aus, weniger sanft aber mit Nachdruck!.

Ein neuer Kosmetiksalon hatte bei mir um die Ecke aufgemacht. Riesige Poster mit blond gelockten Damen und edlen androgynen Schönheitsfeen sollten Kunden anlocken. Schon aus Neugier will man diese versprochene Pracht mit eigenen Augen sehen. Noch dazu zu den zivilen Preisen, die am Eingang postiert, ein weiteres Lock mittel darstellen.

Beim Betreten des Salons machen sich erste Zweifel breit. Genüsslich aromatischen Tee schlürfend nimmt die eher weniger blonde Inhaberin die Kunden in Empfang und leitet sie gestenreich weiter zum Tresen, wo ein dralles Kind der heißen Steppe zwitschernd alle Dienstleistungen herunter betet. Man muss genau hinhören, denn auch ihr Russisch ist noch nicht alt. Wir einigten uns auf Pediküre und Wimpern zupfen.

Eine nette Frau mit vielen Goldzähnen im Mund bearbeitete gekonnt meine Füße. Ich konnte ihr entlocken, dass sie aus Samarkand in Usbekistan kommt, das mit seinen berühmten Moscheen an die Märchen aus 1001 Nacht erinnert. Bei aller Schönheit gibt es aber kaum Arbeit da. Also verdingen sich auch die Frauen in Russland. Sie sei sogar mit ihrem Man zusammen gekommen, der sich aber eher als Ballast denn als Hilfe erweise. Sie arbeitet den ganzen Tag, er ist meist auf Arbeitssuche, ein verdecktes Wort für zu faul zum Arbeiten, will aber abends so bedient werden, wie es sich für einen genetisch angelegten Pascha gehört. Obendrein ist er krankhaft eifersüchtig.

Die Füße waren versorgt, ich wurde weiter gereicht an die Augenbrauenfee. Ein blutjunges Mädchen mit Augen wie Kohlen machte sich über die überflüssigen Härchen her. Ich spürte nicht den üblichen leichten Schmerz, denn sie entfernte die Härchen mit zwei Fäden, die sie virtuos hin- und herwirbelte. Leider konnten wir uns nicht unterhalten, denn sie verstand kein Russisch, war also frisch importiert.

Bei einer anderen Kundin führte das zum Desaster. Sie nahm im Sessel Platz und man sah es ihr an, dass sie auf Streit aus war. Sie erklärte schnippisch ihre Wünsche, wie die Brauen zu färben seien und dass sie nicht zu schmal gezupft werden dürfen, weil ihr das ganz und gar nicht stünde. Lächelnd nickte das junge Mädchen. Nach Beendigung hielt man

der Kundin einen Spiegel vor das Gesicht. Es folgte ein entrüsteter Aufschrei. Die Brauen waren zu schmal geraten. Der folgenden inquisitorischen Befragung konnte das Mädchen nicht folgen und brach in Tränen aus. Erst nach Übersetzung ins Usbekische wurde ihr klar, was passiert war.

Ein bisschen schadenfroh blickte ich auf die empörte Kundin, der übrigens die schmalen Augenbrauen doch ganz gut zu Gesicht standen.

Solche Begebenheiten weisen auf die unterschwellig spürbare lauernde Gefahr hin. Die Russen sind von Haus aus nationalistisch-chauvinistisch angehaucht. Vielleicht um sich gegen die Konkurrenz aus den Sowjetrepubliken zu wehren? Und andere abzuwerten ist ja immer einfacher, als selbst herausragende Dinge zu tun.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland