Lasst die Kinder sterben!

Foto: Reuters

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Die Frage, wer das Giftgas in Syrien eingesetzt hat ist nicht die entscheidende, meint der Ulenspiegel. Die Frage, die die Politiker sich stellen sollten, ist die nach den Konsequenzen eines militärischen Eingreifens.

Zu Beginn des ersten Weltkriegs meldeten englische und französische Zeitungen unglaubliche Dinge über die deutschen Soldaten. Sie würden Babys quälen, ermorden, und manchmal sogar verspeisen. Ein glückliches Baby in Belgien wurde in letzter Sekunde vor seinen deutschen Schlächtern gerettet. Die Daily Mail berichtete ausführlich über dessen Schicksal und wurde mit Spenden für das arme Kind überschüttet. Englische Patrioten forderten, es auf die Insel in Sicherheit zu bringen. Leider musste das kleine Wesen unterwegs das Zeitliche segnen. Das arme Ding hatte nie existiert, es war eine Erfindung des Korrespondenten F. W. Wilson. Mit den Sachspenden richtete man dann ein Kinderheim ein, immerhin.

Kinder sind immer die ersten Opfer des Krieges, egal ob es sich um echte oder erfundene Kinder handelt. Letztere haben die undankbare Aufgabe, die Öffentlichkeit auf den Krieg einzustimmen. So wie die berühmten Babys, die irakische Soldaten angeblich in einem Kuwaiter Krankenhaus aus den Brutkästen gerissen haben sollen. Auch das eine erfundene Story, um der US-Öffentlichkeit (und nebenbei auch dem Rest der Welt) zu beweisen, was für ein schlimmer Bursche der Diktator Saddam Hussein war.

Jetzt haben wir die Giftgas-Einsätze gegen Zivilisten, die natürlich von Baschar al-Assad höchstpersönlich angeordnet wurden. Russische Medien fragen, nicht ganz ohne Berichtigung, warum Assad so dumm sein sollte, gerade zu diesem Mittel zu greifen: Schließlich weiß er doch, dass genau das den Anlass gibt, über ihn herzufallen.

Natürlich habe ich keine Ahnung, ob Assad nicht vielleicht doch ein gefährlicher Irrer ist, dem es einfach tierischen Spaß macht, Leute mit Giftgas umzubringen, egal was die Konsequenzen sind. Ich habe auch nicht mit eigenen Augen gesehen, wer am 27. Mai 1992 eine Mörsergranate in die vor einer Bäckerei anstehende Menschenmenge in Sarajevo gefeuert

hat. Serbische Belagerer? Einige Experten, auch russische, behaupten, die Serben können es nach den Gesetzten der Ballistik nicht gewesen sein. Vielmehr hätten die Bosnier ihre eigenen Leute beschossen, um die Vereinigten Staaten (und nebenbei den Reste der Welt) dazu zu bringen, ihnen beizustehen.

Wahrheit oder Verschwörungstheorie? Kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, das solche Ereignisse gebraucht werden, wenn es einen neuen Krieg geben soll. Ich weiß auch, dass im Fall Syrien schon seit Wochen in einigen Hauptstädten dieser Welt unruhig mit den Füßen gescharrt wird, in der Hoffnung, dass es endlich losgeht. Da kommt so ein Gasangriff natürlich wie gerufen. Die Welt, so heißt es in solchen Situationen immer, dürfe nicht länger zusehen.

Jetzt, wo Assad nun doch Kontrolleure ins Land lässt, ist ein plötzlich „zu spät" für eine Untersuchung der Vorgänge. Weil Beweise vernichtet sein könnten, oder weil vielleicht gar keine da sind. Oder weil das, was gefunden wird, jeder so deuten kann, wie er will. Die Forderung nach eine Kontrolle war nur so lange relevant, als man damit Assad und seine Unterstützer in Russland und China vorführen konnte: Seht her, sie weigern sich, der Weltgemeinschaft Einblick zu gewähren! Allerdings frage ich mich auch, warum Assad und seine Verbündeten nicht die ersten waren, die nach den Inspektoren gerufen haben? Wenn es schon so abwegig ist, dass er das

Gas eingesetzt hat – gerade ihm müsste doch daran gelegen sein, den wahren Täter zu entlarven. Oder hatte er Angst, dass das Ergebnis der Untersuchung schon vorher feststand?

Letztlich ist aber die Frage, wer das Gas eingesetzt hat, gar nicht die entscheidende. Die Frage, die die Politiker sich stellen sollten, ist die nach den Konsequenzen eines militärischen Eingreifens. Wird es zu einer echten Demokratisierung kommen, einem permanenten Bürgerkrieg, einem Übergreifen auf die gesamte Region, einer Herrschaft islamistischer Fundamentalisten? Die bisherigen Erfahrungen mit solchen Experimenten geben wenig Anlass zur Hoffnung. Aber wenn wir schon darüber reden, wobei die Welt nicht zusehen darf: Erfahrungsgemäß kommen während und nach einer Friedensmission mehr Kinder ums Leben als vorher. Aber das empört dann niemanden mehr.

Laut Bild-Zeitung sind übrigens bei dem angeblichen Gasangriff 200 Kinder gestorben. Das mag schon stimmen. Die Zeiten, da man solche toten Kinder einfach erfinden kann, um die Kriegslust der Bevölkerung zu steigern, sind leider vorbei.

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