Kinder, wie die Zeit vergeht!

Taxifahren in Moskau ist leichter geworden, es gibt inzwischen viele Fuhrunternehmen, die per Anruf angeflitzt kommen. Foto: RIA Novosti

Taxifahren in Moskau ist leichter geworden, es gibt inzwischen viele Fuhrunternehmen, die per Anruf angeflitzt kommen. Foto: RIA Novosti

Seit nunmehr zwanzig Jahren lebe und arbeite ich in Moskau, im wahnsinnigen Rhythmus dieser Stadt. Zeit, einmal innezuhalten und zu gucken, was geblieben ist und was sich verändert hat.

Gegenüber heute wirkt das Moskau der frühen Neunziger wie ein beschauliches Städtchen.Da konnte man für 150 bis 200 US-Dollar eine kleine Wohnung mieten, sogar in Zentrumsnähe. Dafür, also für eine Einzimmerwohnung weit draußen, in einer Satellitenstadt, muss man heute zwischen zwanzig und dreißig Tausend Rubel hinlegen, also zwischen sechshundert und Tausend Dollar.

Der Zustand der zu vermietenden Behausungen hat sich nicht geändert und ist nach wie vor fragwürdig. Aber die Knappheit an Mietwohnungen gebiert eben solche Preise. Nobelherbergen in neuen Wohnsilos gehen mit rund zehntausend Dollar pro Monat übern Tisch. Mietpreisbindung und Mieterschutz – Fehlanzeige.

Taxifahren ist leichter geworden, es gibt inzwischen viele Fuhrunternehmen, die per Anruf angeflitzt kommen. Früher musste man über eine Stunde warten, im günstigsten Falle, und dann auch noch eine saftige Anfahrtsgebühr entrichten. Deshalb wichen wir auf die Schwarztaxis aus, die damals von mittellosen Ärzten, Opernsängern, Atomphysikern, Offizieren, Lehrern und vielen anderen gefahren wurden und ihnen und ihren Familien das Überleben sicherten.

Heute ist diese Nische fast ausnahmslos von Gastarbeitern besetzt, die nicht unbedingt fließend Russisch sprechen und auch den Weg oft nicht kennen. „Weißte den Weg? Dann ab die Post!" Das fragen sie die Fahrgäste. Da sie aber fast durchweg in alten und sehr alten Ladas unterwegs sind und gepfefferte Preise aufrufen, werden sie von selbst verschwinden.

Dienstleistungen nahm ich ausschließlich in Moskau in Anspruch, denn Kleidung reinigen, Schuhe besohlen, Haare schneiden, Kosmetikbehandlung kostete weitaus weniger als zu Hause in Potsdam. Heute ist es genau umgedreht! Ohne dass die angebotenen Dienstleistungen in Moskau mich vom Hocker reißen würden.

Restaurantbesuche oder einfach nur mal in eine Bierkneipe zu gehen braucht auch ein gut gefülltes Portemonnaie. Die Bierpreise zwingen zu Abstinenz, denn so um die sieben Euro für den halben Liter Importbier muss man mindestens hinlegen, die einheimischen Biere kosten weniger, kann ich aber nicht empfehlen.

Wein ist ebenfalls sehr teuer, auch im Geschäft. Einfacher Tischwein, den man zu Hause für drei bis vier Euro bekommt, kostet hier ab acht Euro. Und ist oft noch gepanscht. Panschen tut man hier sehr gerne. Der armenische Cognac, den man hier für viel Geld erwerben kann, erweist sich als üble Brühe mit Kopfschmerzgarantie. Echten, unverfälschten armenischen Cognac bekommt man nur selten oder mit Beziehungen.

Visa kosteten weitaus weniger und bereiteten weniger Kopfzerbrechen. Vor allem war das bürokratische Drum und Dran einfacher und überschaubarer. Wir sind ja schon wieder bei Sowjetgepflogenheiten angelangt. Vollständige Überwachung der Ausländer, überbordende Meldepflicht und Androhung

von Strafen, Strafen, Strafen. Interessant, wie da der Incoming- und der Inlandstourismus angekurbelt werden sollen, wenn man seine wertvolle Zeit auf Meldestellen verbringen darf.

Eine großartige Neuheit sind die Airportshuttles. Züge, die zu den drei großen Flughäfen Domodedowo, Wnukowo und Scheremetjewo hablstündlich vom Zentrum aus fahren, jeweils von Bahnhöfen mit Metroanbindung. Da kommt man ohne Stress und Zeitnot pünktlich im Flughafen an, was mit dem Auto keinesfalls garantiert werden kann, weil Moskau hoffnungslos verstopft ist und in Megastaus versinkt. Die Staus in den Neunzigern muten auch verspielt an im Vergleich zu dem, was sich jetzt abspielt. Entnervte Autofahrer schießen aufeinander, verprügeln Straßenarbeiter oder rasen auf Randstreifen und Trottoirs am Stau vorbei.

Die Besiedlung des Umlandes mit Einfamilienhäusern gigantischen

Ausmaßes und modernen Wohnparks ohne Infrastruktur lassen jeden Morgen dicke Blechlawinen auf die Stadt zurollen und abends sich wieder hinaus wälzen. Wer etwas frischere Luft als die Moskauer atmen will, muss dafür viel eher aufstehen und kommt sehr spät heim.

Wer Blumen verschenken will, muss tief in die Tasche greifen. Ein kleiner gemischter Straus von Sommerblumen mit ein bisschen Garnitur und einer weißen Schärpe kostet mindestens fünfundzwanzig Euro. Die Kavaliere, die entweder beeindrucken wollen oder etwas gut zu machen haben, kommen mit üppigen Rosensträußen daher. Da war sicher vorher ein paar Tage Schmalhans Küchenmeister!

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland