September

Foto: ITAR-TASS

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Es ist komischerweise immer der Herbstanfang, der mich nach Moskau zog. Auch viele Jahre später, als mein Moskauer Leben seinen Anfang nahm, geschah das in dieser Zeit. In diesem Jahr sind es nun schon zwanzig Jahre, dass ich in Moskau lebe. Der Herbstanfang ist etwas Besonderes geblieben, auch wenn das Drumherum sich gewaltig geändert hat.

Der Sommer ist unweigerlich vorbei, am 1. September beginnt in Russland der Herbst. Hier nimmt man den meteorologischen Beginn der Jahreszeiten, nicht den geographischen wie in Deutschland. Also ab dem 1. September regiert der Herbst, am 1. Dezember der Winter, ab dem 1. März der Frühling und ab dem 1. Juni der Sommer. Da im größten Teil des Landes kontinentales Klima herrscht, hat das sehr wohl seine Berechtigung.

Ende August und Anfang September sind mir in Moskau lieb und vertraut, denn ich kam erstmals eben in dieser Zeit nach Moskau, im fernen 1974. Damals war das für mich ein großes Ereignis, denn ich kam als Studentin hierher und begleitete als Dolmetscherin einen Freundschaftszug. Neben den vielen neuen Eindrücken der großen Stadt blieben mir das Licht und die herbstlichen Gerüche haften.

Das wiederholte sich ein Jahr später, als ich als Studentin für ein Jahr Ende August nach Moskau kam. Da wusste ich schon, dass ich ein ganzes Jahr in dieser Region bleiben werde und nahm alle Eindrücke und Gerüche noch viel intensiver auf als ein Jahr zuvor. Es ist komischerweise immer der Herbstanfang, der mich nach Moskau zog. Auch viele Jahre später, als mein Moskauer Leben seinen Anfang nahm, geschah das in dieser Zeit. In diesem Jahr sind es nun schon zwanzig Jahre, dass ich in Moskau lebe. Der Herbstanfang ist etwas Besonderes geblieben, auch wenn das Drumherum sich gewaltig geändert hat.

Der August hielt immer einen Haufen katastrophaler Ereignisse parat, Putsch in Moskau, sogar zweimal, die Kursk ging auf Grund, der Fernsehturm brannte, Häuser flogen in die Luft, Anfang September das Drama von Beslan, so als ob ein Fluch über dem Monat läge. In diesem Jahr überschwemmt der Amur den Fernen Osten. Wieder eine Katastrophe. Und trotzdem ist es ein Monat, der immer wieder die Menschen anstößt, nach vorne zu schauen, egal wie dicke es kommt.

In diesem Jahr treibt der Herbstanfang die Leute um, es sind Wahlen angesagt, in Moskau und in den Regionen. Nach gut zwölf Jahren von oben beschworener Stabilität und gehorsamen Denkens finden immer mehr Menschen, dass sie nun mal etwas ändern sollten. Sie wissen nicht so recht, wie das vonstatten gehen soll, mit dem sowjetischen Erfahrungen im Gepäck, aber sie fühlen, dass es sein muss. Die allgemeine Wirtschaftskrise und die überbordende Korruption im Lande bringen sie dazu, mehr über ihr Dasein und über diejenigen, die sie regieren, nachzudenken.

In dieser wichtigen Phase treten plötzlich Leute an die Öffentlichkeit, die mit der herrschenden Situation unzufrieden sind. Nicht nur in Moskau, auch in den Regionen. Das ist schon verwunderlich, dass es solche Persönlichkeiten noch gibt, die nicht wegen irgendwelcher Lappalien verurteilt wurden und einsitzen müssen. Die sind offensichtlich der Obrigkeit durch die Lappen gegangen. Das glaubt das Volk nicht so ganz und nimmt an, oder wird von vorauseilend dienenden Journalisten davon überzeugt, dass sie auch Sendboten der Macht sind, also Teil des Spiels. Um ihnen einfach den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Aber selbst das funktioniert nicht mehr so wie früher. Leute, die vor Jahren einfach nur ihren Job als Jurist gemacht haben oder als Hochschullehrer, wollten den gesellschaftlichen Prozessen und der Vetternwirtschaft auf den Grund gehen. Sie recherchierten im Internet und in Archiven und fanden heraus, dass das Land von einer Riege regiert wird, die nur ihr eigenes

materielles Wohl zum Ziele hat und das Land, das ja eigentlich sehr reich ist an Bodenschätzen, als Eigentum betrachtet und es ausraubt. Ein paar Krümel vom Tisch der Herrschenden gelangen nach unten und beruhigen vielleicht einen Teil der Bevölkerung, den, der dazu den Mund hält.

Und jetzt gärt es in Moskau und im Lande, obwohl die staatlichen Medien gegenhalten und alle Oppositionellen mit Schmutz bewerfen, einen Haufen gut bezahlter Journalisten finden, die kein gutes Haar an den nicht von oben bestellten Kandidaten lassen. Im Prinzip haben sie schon gewonnen, denn der größte Teil des Landes wird von den staatlichen Fernsehkanälen abgedeckt. Das wird aber ein Pyrrhussieg sein. Denn früher oder später kommt auch Iwan Pupkin, unser deutscher Otto Normalverbraucher, dahinter.

Schauen wir mal, wie es am 8. September ausgeht bei den Wahlen, ob der alte Trott gewinnt oder ob neue Lösungen gefragt sein werden. Spannender September! Freuen wir uns wir uns auf neue Lösungen, die ja die Russen immer parat haben.

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