Kleine Insel mit Sinnkrise

Foto: RIA Novosti

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Wenn Wladimir Putin jetzt England auf dem G-20-Gipfel als „kleine Insel, auf die niemand hört" verspottete, dann trifft er den Nerv vieler Briten. Aber Großbritanien heute ist tatsächlich nur ein Schatten früherer Gloria, meint der Russland-HEUTE-Blogger Der Ulenspiegel.

Anglophilie ist mehr als nur die Vorliebe für Tweed-Sakkos und Fünf- Uhr-Tee. Zur klassischen Anglophilie gehört auch die Bewunderung für England als dem Mutterland von Demokratie und Freiheit. Schon Voltaire pries in seinen „Lettres anglaises" die vernünftige Ordnung des fortschrittlichen Landes.

In Russland ist eher der Begriff der Anglomanie verbreitet. Er hat einen leicht negativen Beigeschmack. Aus der klassischen russischen Literatur kennen wir die anglomanen Gutsbesitzer des 19. Jahrhunderts, die englische Sitten nachäfften. Sie wurde häufig als gespreizte Gecken und Heuchler dargestellt, im Gegensatz zu den sympathischen Helden, die ihr Russentum nicht verleugnen. Auch die echten Anglomanen des russischen Reiches, allen voran der Diplomat Semjon Woronzow, gehören nie zu den Liebligen der russischen Patrioten. Dem Publizisten Michail Leontjew beispielsweise gilt Graf Woronzow als der Begründer einer Politik der Anbiederung, ja der Unterordnung unter das perfide Albion. Aus dieser Sicht stehen die beiden Imperien in einem dauernden Wettbewerb, vor allem in Zentralasien. Woronzow, russischer Botschafter in England, warnte vor einem solchen Wettstreit und riet, den Briten den Vortritt zu lassen. Damit ist er für Leontjew der Urgroßvater aller Gorbatschows, Jelzins und Kosyrews, die im ausgehenden 20. Jahrhundert die Annäherung an den Westen betrieben hatten.

Immer wieder übte England direkt und indirekt Einfluss auf die russische Politik aus. Historiker vermuten beispielsweise, dass die Verschwörer, die im Jahr 1801 Zar Paul I. ermordeten, von der Insel aus gesteuert wurden. Der romantisch veranlagte Monarch war zu offen für eine Allianz mit Napoleon und spielte mit dem Gedanken eine Expedition nach Indien zu senden.

Viele national gesinnte Russen sehen heute in den Vereinigten Staaten von Amerika nur die moderne Inkarnation des Vereinigten Königreichs. England ist immer noch ein wichtiger Gegner. Dorthin flüchten sich viele russischen Staatsbürger, die mit der Macht in Konflikt geraten. Von hier kommen auch immer wieder Menschenrechts-Aktivisten nach Russland, die von der Regierung als Spione und Aufrührer gesehen werden.

Der Gedanke der zivilisatorischen Mission Englands wurde mit der Zeit auch zum handfesten Argument der politischen Propaganda, nicht nur, aber auch gegenüber Russland. Hier die Insel der Vernünftigen, dort Willkür und Tyrannei. Und wenn die Verteidiger der Freiheit mal was unternehmen, was nicht ganz so gentlemanlike ist (Zarenmord, Völkermord), dann geschieht es eben im Namen der Zivilisation. Auch im Kampf des Lichts gegen die die Mächte der Dunkelheit muss manchmal geholzt werden.

Der Niedergang des britischen Empires hat diese Ambitionen nicht vermindert, im Gegenteil. Da man weder die Wellen regiert noch den Welthandel kontrolliert, muss man den realen Bedeutungsverlust mit Soft Power kompensieren. Englisch ist schließlich immer noch die Weltsprache und aus England kommen nach wie vor politische und kulturelle Trends. Hier sitzen wichtige Finanzinstitute und einflussreiche Medien.

Wenn Wladimir Putin jetzt England auf dem G-20-Gipfel als „kleine Insel, auf die niemand hört" verspottete, dann trifft er den Nerv vieler Briten. Aus deren Sicht hat England längst nicht mehr den Einfluss, der dem Land aufgrund seiner zivilisatorischen Überlegenheit eigentlich zukäme. Aus dem fortschrittlichen, freiheitlichen und vor allem mächtigen Land ist ein Museum geworden. Die skurrilen Gebräuche amüsieren den Rest der Welt, wirtschaftlich ist man eher Mittelmaß, seitdem man den produzierenden Sektor platt machte und militärisch nur mehr ein Schatten früherer Gloria. Bedeutung kam Großbritannien vor allem als engster Verbündeter der Amerikaner zu. So eng waren die beiden, dass man tatsächlich den Eindruck gewinnen konnte, es handle sich um zwei gleichberechtigte Partner und nicht um eine Supermacht mit Anhängsel.

Russland, der historische Gegner von einst, hat ebenfalls einen Bedeutungsverlust erlitten, ist aber inzwischen dabei, sich wieder aufzurappeln. Das verdankt Russland auch der Tatsache, dass es sich

nicht als Befehlsempfänger Amerikas versteht. England sagte unerwartet „nein" zu den amerikanischen Angriffsplänen für Syrien und es wurde offenbar, dass die USA auch ohne ihren Pudel zurechtkommen. Russland sagte plötzlich „ja" zu einem (nicht ganz ernst gemeinten) amerikanischen Vorschlag und brachte auch Syrien dazu, mitzuspielen. Und die ganze Welt ist froh, dass ein Militärschlag erst einmal abgewendet ist. Russland ist ein politischer Faktor, mit dem man rechnen muss. Das hat die Initiative von Außenminister Lawrow elegant demonstriert. Ob daraus gleich Russophilie wird, bleibt abzuwarten. Russophilie ist nämlich mehr als nur die Vorliebe für Wodka und Salzgurken.

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