Vergeigt

Nun ist der Geist aus der Flasche. Wahlen in Moskau um das Bürgermeisteramt. Ich bedaure sehr, dass ich nicht wählen darf, denn diesmal gab es durchaus Kandidaten, für die ich meine Stimme gern gegeben hätte, um Veränderungen einzuleiten.

Schon zwanzig Jahre lebe ich in der Stadt und fühle mich hier heimisch. Ich fühle mich mit ihr verbunden in allen ihren Kämpfen und Krämpfen. Und diesmal waren Wahlen angesagt, die ehrlich und transparent sein wollten. Ausgelöst wurden sie durch die Erklärung des Bürgermeisters, der von oben eingesetzt worden war und durch eine ehrliche Wahl (gibt es denn so etwas heute noch?) legitimiert werden wollte. Vielleicht hat er begriffen, dass er bis zur nächsten offiziellen Wahl nicht mehr die notwendigen Stimmen bekommen kann, weil die Zustimmung in der Bevölkerung für die Partei, die er vertritt, rapide abnehmen wird.

Sergej Sobjanin war von der Obrigkeit als Bürgermeister eingesetzt worden, als der damalige langjährige Bürgermeister Luschkow urplötzlich das Vertrauen des regierenden Präsidenten Medwedew verloren hatte. Kunststück, er hatte während seiner Regentschaft alle Ressourcen genutzt, um seiner Ehefrau, die im Bauwesen der Salonlöwe war, die Stadt zu Füßen zu legen und Moskau zu einem Eldorado für Reiche und Superreiche gemacht.

Sobjanin, der Neue, kam aus Westsibirien, hatte also mit Moskau nichts zu tun, war nur ein gehorsamer Erfüllungsgehilfe der Macht und die Moskauer verhehlten nicht, dass sie ihn nicht so recht mögen. Aber sofort nach der Ausrufung neuer Wahlen, das war ihm sicher von oben eingeblasen worden um die Pfründe zu sichern, hätte er zurück treten und den Wahlkampf ohne alle administrativen Hebel führen müssen. Das ist natürlich nicht passiert, er blieb im Amt und tat so, als ob der Wahlkampf ihn nichts anginge. Keine Teilnahme an Fernsehdebatten, schließlich hatte er eine Stadt zu regieren und somit keine Zeit für solche Späße.

Dafür flimmerte er jeden Abend auf dem hauptstädtischen Kanal vor den Augen der potentiellen Wähler herum und eröffnete noch kurz vor der Wahl neuralgische Punkte an Zufahrtstrassen zur Stadt. Außerdem sandte er an sein Wahlvolk; vorwiegend an Leute im Rentenalter, persönliche Briefe mit dem Aufruf, für ihn zu stimmen. Woher hat er die Anschriften und wer hat das bezahlt?

Zu allem Überfluss war schon eine Siegesparty auf dem angestammten Platz der Opposition angesagt worden. Die auch von den dafür bestimmten Leuten angenommen und besucht wurde. Und sie feierten. Waren von vornherein überzeugt, dass sie gewinnen. Ist ja auch kein Hit, denn vor einem Monat hatte die Regierung am 8. August, also genau einen Monat vor den Wahlen, dem Regierenden zum Wahlsieg gratuliert. Ein Scherz des Internets, aber ein prophetischer.

Leider haben die Moskauer ihre Chance nicht wahrgenommen und sind nur sehr träge zur Wahl gegangen. Die Wähler waren entweder auf der geliebten Datscha oder zogen es vor, einfach zu Hause zu bleiben. Und es wirkte auch die alte und überholte Meinung, dass sie ja eh nichts ändern könnten. Sowjetisches Gepäck gepaart mit neurussischer Erfahrung.

Als ich mehrere Wahllokale besucht hatte, fiel mir auf, dass es kaum junge Wähler gab, Rentner mit Begleitung oder mit dem Rolator zogen ins Wahllokal. Und ihre Stimme galt natürlich dem derzeit regierenden Oberhaupt. Auch die Stimmen der Bürger, die von zu Hause aus wählten, kamen ihm zugute. Diesen Wählern wurde garantiert die Hand geführt. Oder sie waren einfach Karteileichen, denn im Vorfeld der Wahlen wurden Rentner angerufen, ob sie denn zur Wahl gehen wollen. Wer es verneinte, hat wahrscheinlich unwissentlich seine Stimme für das vorbestimmte Ergebnis geopfert.

Von den fünf Kandidaten hat eigentlich nur einer, Alexej Nawalny, einen richtigen Wahlkampf nach allen Regeln der Kunst hingelegt und täglich an verschiedenen Punkten der Stadt Treffen mit seinen Wählern abgehalten. Um ihn scharten sich Tausende freiwillige Helfer. Knüppel wurden ihnen genug in die Speichen gesteckt! Der zweite Platz zeigte deutlich, dass es funktioniert hat. Im Prinzip hätte es zu einem zweiten Wahlgang gereicht, aber soweit gehen natürlich ehrliche und transparente Wahlen nicht. Da musste doch etwas nachgeholfen werden. Aber die Situation zwang die gestandenen Wahlfälscher zur Vorsicht und zum Maßhalten. So wie bei den Dumawahlen 2011 konnten sie nicht manipulieren. Das ist in der derzeitigen Situation im Lande durchaus als Zeichen für Veränderungen zu werten.

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