Die Erinnerungen an den Komponisten Alfred Schnittke

Alfred Schnittke. Foto: RIA Novosti

Alfred Schnittke. Foto: RIA Novosti

Während der Sowjetzeit verlor der Avantgarde-Komponist Alfred Schnittke die Gunst des sowjetischen Komponistenverbandes. Heutzutage zählt er zu den zeitgenössischen Komponisten, auf die Russland wegen ihrer internationalen Anerkennung stolz sein kann.

Nur wenige sowjetische Komponisten in den Siebziger- und Achtzigerjahren vermochten es, Anerkennung außerhalb der UdSSR unter ihren westlichen Kollegen und Musikwissenschaftlern zu erhalten. Alfred Schnittke (1934-1998) war einer dieser wenigen. Zur gleichen Zeit kamen seine Arbeiten in sowjetischen Konzertsälen jedoch kaum zur Aufführung, weil die offizielle Politik die sogenannte „Westmusik" weder unterstützte noch erlaubte. Inzwischen wird Schnittke, neben Dmitri Schostakowitsch und Sergei Prokofjew, als einer der größten russischen Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesehen. Bei verschiedenen Gelegenheiten in meinem Leben hatte ich das Glück, Alfred Schnittke zu treffen und näher kennenzulernen.

 

Entdeckt vom Vater eines Bandmitglieds

Während meiner Studentenzeit gründete ich 1980 zusammen mit meinen Freunden in Moskau die Rockgruppe Zentr („Zentrum"). Wir interessierten uns für New Wave, avantgardistischen und experimentellen Rock.

Irgendwann im Jahr 1982 bekam ich einen Anruf von der Großmutter Andrejs, der in unserer Band Gitarre spielte. Sie sagte, dass Andrejs Vater, Alfred Schnittke, sich eines unserer Bänder angehört hätte. Unsere Aufnahmen enthielten dreißig Minuten Improvisation mit schweren E-Gitarren-Riffs und Elektropiano. Der Name Alfred Schnittke sagte mir jedoch zu diesem Zeitpunkt noch so gut wie nichts.

Als ich Alfred dann das erste Mal in seiner Wohnung in Moskau traf, spielte er auf seinem großen schwarzen Flügel, der die Hälfte des Wohnzimmers einnahm, ein paar Melodien der populären NDW-Band Trio. Ich war wirklich überrascht, dass ein Komponist wie Schnittke nur vom Hören her solche Popmusik-Titel, die eindeutig nicht seinem Genre entsprachen, mit dem entsprechenden Feeling auf seinem Flügel spielen konnte. Auch war ich von der großen LP-Sammlung Alfreds, die sehr viel experimentelle und avantgardistische Musik enthielt, sehr beeindruckt: Alben von Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Gyorgy Ligeti, Luciano Berio, Philip Glass, Steve Reich und anderen avantgardistischen und experimentellen Komponisten.

Nachdem sich meine Sammlung avantgardistischer Musik mit Schnittkes Hilfe stark erweitert hatte, bekam ich immer häufiger Besuch von Moskauer Musikjournalisten und Musikwissenschaftlern, die sich für innovative Aufnahmen zeitgenössischer Komponisten aus dem Westen interessierten und die in der UdSSR nur schwer zu finden waren.

 

Ein Komponist ohne Konzerte

Zur selben Zeit erfuhr ich vom angespannten Verhältnis Alfred Schnittkes zum sowjetischen Komponistenverband. Laut Gesetz musste jeder Bürger in der UdSSR einer offiziellen, vom Staat sanktionierten Arbeit nachgehen. Für kreative Menschen wurden von Stalin in den Dreißigerjahren sogenannte Künstlerverbände geschaffen: ein Schriftstellerverband, ein Journalistenverband, ein Komponistenverband, ein Schauspielerverband.

Die Mitgliedschaft im Komponistenverband garantierte einen offiziellen Arbeitsstatus und bot den Mitgliedern auch die Möglichkeit, ihre Werke zu veröffentlichen und sie von staatlichen Orchestern aufführen zu lassen, was für ein Einkommen sorgte, das deutlich über dem durchschnittlichen Monatsgehalt eines Arbeiters in der UdSSR liegen konnte. Schnittke kam jedoch nicht in den Genuss solcher Einkünfte und sonstiger Vergünstigungen. Seine Arbeiten wurden grundsätzlich auf die schwarze Liste gesetzt. Diese Situation war die Folge des Kampfes der sowjetischen Ideologie gegen jede Art westlicher Einflüsse.

Alfred Schnittkes Werke enthielten verschiedene zeitgenössische musikalische Techniken aus dem Westen, die von den Beamten geschasst wurden. Da niemand die Professionalität und Sachkenntnis Schnittkes als Komponist in Frage stellen konnte, beließ man ihn im Verband, bot ihm jedoch keine Gelegenheit für ein regelmäßiges Einkommen. Die Sinfonieorchester in den sowjetischen Metropolen wie Moskau und Leningrad weigerten sich, Schnittkes Kompositionen aufzuführen.

Schnittkes Probleme in der UdSSR hatten ihre Ursache auch in seiner deutschen und jüdischen Herkunft. Er wurde 1934 in der Stadt Engels in

der Autonomen Republik der Wolgadeutschen geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter war Deutsche. Die ersten Jahre seines Lebens sprach Schnittke mit seiner Mutter nur Deutsch und lernte erst später Russisch. Mit dieser Herkunft wurde Schnittke vom totalitären sowjetischen System, in dem Antisemitismus ein Teil von Stalins Propaganda war, als „einer, der nicht zu uns gehört" und als „suspekt" behandelt.

Trotz allen Drucks und aller Beschränkungen hinsichtlich der Aufführung seiner Musik in der UdSSR war Schnittke sehr produktiv. Sein Œvre umfasst ungefähr 70 Werke verschiedenster Art: Sinfonien, Opern, Ballette, Kammer- und Chormusik.

 

Von der Konzerthalle in den Kinosaal

Auf der Suche nach anderen Möglichkeiten, sein Leben zu finanzieren und für seine Familie zu sorgen, wandte Schnittke sich der sowjetischen Filmindustrie zu. Die Musik für einen Film zu schreiben war wesentlich leichter, da die Genehmigung des Komponistenverbands für solche Projekte nicht benötigt wurde. In der sowjetischen Kinoindustrie beschränkte die Zensur sich größtenteils auf die Texte und Bilder, der Soundtrack dagegen lag in der Entscheidungsgewalt des Regisseurs. Schnittke komponierte die Musik für zahlreiche Filme berühmter sowjetischer Film- und Zeichentrickfilm-Regisseure. Er wird als Komponist für mehr als 60 Spielfilme aufgeführt.

1983 erzählte Alfred mir, dass er begonnen habe, mit dem Regisseur Igor Talankin an einem neuen Film für das Mosfilm-Filmstudio in Moskau zu arbeiten. In diesem Film gab es eine Szene, in der eine junge Popgruppe in der Bar eines Kreuzfahrtschiffs spielen sollte. Schnittke machte sich dafür stark, dass unsere Gruppe Zentr bei diesem Streifen mitwirken durfte. Regisseur Talankin kam der Empfehlung Alfreds nach und sie besuchten uns in unserem kleinen Aufnahmestudio, um uns kennenzulernen und eine Art Casting durchzuführen. Talankin war zuerst sehr zurückhaltend, weil unsere Rockkompositionen für ihn einen völlig fremdartigen Musikstil darstellten, aber Schnittke konnte ihn überzeugen, dass unser Band eine neue Generation vertrete und das für die Szene genau das Richtige sei. Talankin nahm unsere Tonbandaufnahmen mit und versprach, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen.

Einige Monate später bekam ich einen Anruf von der Musikabteilung des Studios, die mich einlud, sie aufzusuchen und ein Drehbuch des neuen

Talankin-Films abzuholen. Als ich zu Mosfilm kam, erfuhr ich, dass während der Vorproduktion einige Änderungen vorgenommen worden waren und Schnittke die Filmmusik nicht komponieren würde. Der Regisseur hatte sich jedoch dafür entschieden, eines der Lieder unserer Band als Hauptthema für den Film zu verwenden. Alfred hat uns nie die Hintergründe erzählt, aber ich bin sicher, dass er Talankin überzeugen konnte, uns für diesen Film zu engagieren.

Im Zuge der Perestroika und der damit verbundenen Öffnung der Gesellschaft in der UdSSR nach 1985 erlangte Schnittke eine breite Anerkennung und war in der Lage, ins Ausland zu reisen, wo seine Werke von Sinfonieorchestern in ganz Europa und den USA aufgeführt wurden. 1990 zog Schnittke dann nach Hamburg, wo er bis zu seinem Tod 1998 lebte und arbeitete.

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