Herbstmarathon

So heißt der großartige Film meines Lieblingsregisseurs Georgi Danelija, der 1979 die Zuschauer in Scharen anlockte. Er zeigt das Hamsterrad eines unentschlossenen Universitätsdozenten, der zwischen Ehefrau und Geliebter pendelt, von allen Seiten zu einer Entscheidung gedrängt, aber dazu nicht in der Lage.

In ein Hamsterrad etwas anderer Art gerate ich auch mit schöner Regelmäßigkeit, in die sinnlose Mühle bürokratischen Hindernisrennens. Und meistens im Herbst, wahrscheinlich um der Sommerstimmung am schnellsten entrinnen zu können. In diesem Jahr hat sich der Sommer hier ja abrupt verabschiedet. Während sich unsere lieben Landsleute in Deutschland noch in spätsommerlicher Sonne aalen, holen wir schon die Übergangsklamotten aus dem Schrank, denn bei schlappen 10-12 Grad, böigem Wind und Regen macht es schon Sinn, sich warm anzuziehen.

Also machte ich mich mit Schirm und dicker Aktentasche auf den Weg zum Finanzamt, hier heißt dieses schöne Amt ja Steuerinspektion, um Änderungen in den Papieren meiner kleinen Firma vornehmen zu lassen. Kommt ein neuer Pass zum Einsatz, muss ja nahezu alles geändert werden. Außerdem hatte ich noch eine neue juristische Adresse aufgetan, ein Muss für alle Firmen. Auch die musste nun geändert werden, um ein wahrheitsgemäßes Aktenpaket zur Verlängerung meines Arbeitsvisums vorlegen zu können. Am Abend vorher hatte ich alle Papierchen fein säuberlich geordnet, kopiert und war eigentlich guter Dinge. Um sicher zu gehen, dass keine unvorhergesehenen Unterlagen verlangt werden, das ist ein Hobby einheimischer Beamter, Steuerinspekteure bilden da keine Ausnahme, hatte ich mich an eine Firma, die genau diese Dienstleistungen anbietet, gewandt.

Mein Optimismus schwand, als die netten Mitarbeiterinnen feststellen mussten, dass der unumgängliche Handelregisterauszug, den ich bestellt hatte, verschwunden war. Kein Wunder bei dem Chaos auf den Schreibtischen. Da war guter Rat teuer. Also bestellten sie kurzerhand einen neuen, auf ihre Rechnung versteht sich. Um die Wartezeit zu verkürzen, gingen wir Seite für Seite durch, ständig unterbrochen von Telefonaten und Laufkundschaft. Das zerrt an den Nerven. Als er endlich da war, natürlich nicht nach einer Stunde, wie versprochen, sondern nach zweieinhalb, musste ich noch zum Notar und alle Papierchen beglaubigen lassen, einschließlich der ohnehin schon beglaubigten Übersetzung meines Passes und des Handelsregisterauszuges! In meinem nächsten Leben werde ich Notar! Da rollt der Rubel! Um eine Zulassung als Notar zu bekommen, braucht es einen mächtigen Fürsprecher oder eine dicke Minna. Aber dann beginnt das Geldverdienen.

Der Notar in unmittelbarer Nähe der Steuerinspektion schaltet und waltet nahezu konkurrenzlos. Die Warteschlangen sind lang, das Procedere ätzend. Beim Empfang bei der Queen geht es vielleicht sogar entspannter zu. Ich langte kurz vor Büroschluss an und durchlebte bange Minuten, schaffe ich es oder nicht in das Heiligste vorzudringen. Immer wieder kam der Adlatus des Notars heraus und kanzelte verschiedene Leute ab, weil die Unterlagen fehlerhaft seien. Meine Stimmung erreichte Alarmstufe Rot. Sollte ich noch einen Tag verlieren, steht die rechtzeitige Visaerteilung und somit mein Weihnachtsfest im Kreise der Familie in Frage. Aber der Kelch ging an mir vorbei, ich kam noch dran. Gnädig nahm der Adlatus meine Unterlagen in Empfang und hieß mich warten. Nun konnte ja nichts mehr schief gehen.

Mit gemischten Gefühlen hatte ich einen Typen betrachtet, der ständig zwischen dem Office des Notars und einem anderen Raum pendelte, einen dicken Stempel in der Hand. Unter seinem Jackett trug er ein T-Shirt mit einem überdimensionalen Stalinportrait. Ich hielt ihn für den Hausmeister oder einen technischen Bediensteten des Maitre. Weit gefehlt. Es war der Notar höchst persönlich. Als er meinen Pass gesehen hatte, lenkte er sofort das Gespräch auf seine letzte Deutschlandreise und natürlich auf Bier, Eisbein und Bratwurst. Von etwas anderem ernähren wir uns ja nach Meinung der meisten Russen nicht. Ich hatte gewonnen, alles ging schnell und reibungslos.

Vor der Steuerinspektion werden hinter vorgehaltener Hand alle notwendigen Dienstleistungen angeboten, die die Kommunikation mit diesem Amte erleichtern. Stempel, Firmeneröffnungen, Liquidierungen, Bestellung von Handelsregisterauszügen, juristische Firmenadressen. Letzteres ist besonders einträglich, da braucht man nur zu warten, wie sich das Konto füllt. Das bestätigt wieder einmal die russische Binsenweisheit, dass man Geld nicht verdienen kann, man muss es sich ausdenken.

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