Gott, Machiavelli und Assad

Foto: AFP / East News

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Wie unterscheidet man zwischen Gut und Böse? Im echten Leben ist nicht alles so schwarz und weiß wie in den Texten derer, die immer auf der richtigen Seite stehen, meint der Ulenspiegel.

Die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, sollte der Mensch ursprünglich gar nicht besitzen. Gott hatte offenbar andere Pläne mit seinen Kreaturen und verbot ihnen, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Bekanntlich hörten diese jedoch nicht auf ihn. Besonders weit gekommen sind wir dennoch nicht mit unseren Fähigkeiten zur Unterscheidung der Geister.

Die gängige Methode, herauszufinden, ob jemand gut oder böse ist, ist heutzutage der sogenannte Zirkelschluss. Wie der funktioniert, macht die Moskauer Journalistin Mascha Gessen in einem Kommentar zu Syrien in der amerikanischen International Herald Tribune deutlich: Putins Syrien-Plan ist schlecht, weil er von Putin kommt. Und der ist böse, also ist auch sein Plan böse. Putin ist böse, weil er den guten Litwinenko umgebracht hat. Litwinenko war gut, weil er gegen den bösen Putin war. Assad ist böse, weil er ein Freund des bösen Putin ist. Und die syrische Opposition ist gut, weil sie gegen den bösen Assad ist. Und die Autorin ist ganz besonders gut, denn sie ist für alles Gute und gegen alles Böse.

Man bewertet etwas dadurch, dass man es mit sich selbst vergleicht. A ist böse, denn es ist das böse A. Oder man vergleicht mit etwas anderem, das man bereits bewertet hat. A ist wie B, und B ist böse. Oder: A ist anders als B, und B ist gut. Also ist A böse. Und B ist gut, weil es C mag, das ebenfalls gut ist. C ist nämlich gegen das böse A. Und so weiter. Auf diese Weise

kommt man bequem um eine inhaltliche Beurteilung einzelner Sachfragen herum. Warum sich herumschlagen mit komplizierten Fragen über die Erfolgsaussichten einer Waffeninspektion oder einer Analyse der verschiedenen Rebellengruppen in Syrien? Wer hat wann wen warum bedroht oder niedergemetzelt? Langweiliger Faktenkram! Einfach den Zirkelschluss anwenden und fertig ist ein meinungsstarker Appell.

Das Spiel lässt sich beliebig weit treiben. Obama ist gut, weil er die gute syrische Opposition beschützen will. Putin ist gut, weil er dem guten Obama dabei helfen will. Halt, nein, der Putin ist ja böse! Aber dann wäre ja auch Obama böse, wenn er mit dem bösen Putin zusammenarbeitet und dessen böse Pläne akzeptiert... Tja, das ist die Schwäche dieser Methode. Im echten Leben ist eben nicht alles so schwarz und weiß wie in den Texten derer, die immer auf der richtigen Seite stehen. Da ist viel Grau, und damit muss man leben.

Man muss Putin nicht mögen, aber er scheint derzeit der Einzige zu sein, auf den die syrische Führung hört. Man muss Assad erst recht nicht mögen, aber es stellt sich die Frage, was nach ihm kommt. Man mag

tiefstes Misstrauen gegen das Regime in Teheran hegen, das Syrien stützt. Ich persönlich habe durchaus Misstrauen gegen ein Land, dessen Politiker sich gerne damit brüsten, dass sie Israel von der Landkarte tilgen wollen. Aber weder mit starken Worten noch mit wildem Um-Sich-Schießen lässt sich dieses Problem lösen. Es nützt nichts, mit Hilfe des Zirkelschlusses zu beweisen, dass A, B oder C böse sind. Mit Realitäten muss realistisch umgegangen werden.

Das ist Realpolitik, sagen Sie? Und die ist böse? Weil sie von Typen wie Machiavelli, Bismarck oder Churchill kommt? Und die sind böse, weil...

Gott hat schon gewusst, warum er uns nicht von der verbotenen Frucht kosten lassen wollte!

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