Russische Punks: Vom Untergrund in die Charts und zurück

Foto: RIA Novosti

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Nachdem sich der russische Punk Anfang der 1980er in der Untergrundszene etabliert hatte, standen die folgenden Jahrzehnte unter dem Zeichen der Kommerzialisierung. Heute besinnt sich der Punk-Rock auf seine Wurzeln und entfaltet sich in einem rebellischen Stil.

Wenn man auf die Moskauer Untergrundmusik der 1970er zurückblickt, dann stand jede neugegründete Band vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte sie sich für Disco- oder Punkmusik entscheiden? Dies ist darauf zurück zu führen, dass beide Genres beinahe zur gleichen Zeit, in der zweiten Hälfte der 1970er, die Sowjetunion erreichten. Discomusik wurde zum Mainstream und auf einmal waren die sowjetische Popmusik und auch manch Propagandalied über Arbeiter oder kommunistische Jugend wie selbstverständlich von Discobeat begleitet. Punk hingegen entwickelte sich etwas anders. Dieser war für viele der sowjetische Bands die ersten Wahl, da sich die jungen Musiker genau so fühlten, wie es einer der Hauptslogans im Punk besagt: „No Future".

Die Punkkultur war für viele sowjetische Jugendliche etwas Natürliches. So bestand auch der einzige Unterschied zwischen den britischen und sowjetischen Punks der späten 1970er darin, dass man in England mittels Punk gegen die konservative Oberschicht protestierte und ankämpfte, wohingegen man in der Sowjetunion, wo alle gleich arm waren, lediglich die Einstellung „Wir gegen den Rest der Welt" oder „Wir gegen alle anderen" adaptieren konnte.

Die sowjetische Jugend versuchte zudem, das Aussehen ihrer westlichen Pendants zu imitieren. Dabei prägte vor allem der im Alltag eines durchschnittlichen Sowjetbürgers vorherrschende Mangel an allem das Verhalten der Menschen so, dass sie alles Mögliche ausprobierten, um wie echte Punks auszusehen: Anstelle der schweren Doc Martens, die man im Westen trug, kauften sich die sowjetischen Jugendlichen Militärstiefel. Diese konnte man überall in der UdSSR bei Voentorg kaufen, einer auf militärische Kleidung und Zubehör spezialisierten Ladenkette. Gleiches gilt auch für die Punkjacken. Denn anstelle dieser trugen die sowjetischen Jugendlichen Jacken der Marine, die man praktischerweise ebenfalls dort erhielt.

Die sowjetische Propaganda hingegen lehnte die Punkbewegung rundum ab. Lediglich wenige äußerst kritische Artikel über westliche Punkrockbands schafften es, offiziell in der sowjetischen Presse publiziert zu werden, da Punks mit Aggressionen, Zerstörung und Hass in Verbindung gebracht wurden. Deswegen konnte man auch Punkbands live nur in privaten Appartements vor einem kleinen Publikum, das aus wenigen Freunden bestand, spielen sehen.

Statt Hallen gab es zu Beginn meist Konzerte in Wohnzimmern

Zu den ersten Punk-Rockern in der UdSSR gehörte „AU", kurz für „Awtomatitscheskie Udowletworiteli" (zu Deutsch „Die Automatischen Zufriedensteller") – eine Band, die 1979 in Leningrad (heute Sankt Petersburg) gegründet wurde. Die Band, welche sich um ihren Leader Andrej „Swin" („Schwein") Panow (geboren 1960, gestorben 1998) gruppierte, hatte ihre ersten Auftritte in privaten Wohnungen. Erst als sie einem offiziellen Leningrader Rockclub beitrat, wurde es ihr möglich, im Rahmen von Festivals auf richtigen Bühnen aufzutreten.

Swin benutzte während der Konzerte und öffentlichen Auftritte verschiedene Bühnenpossen. So urinierte er während der Vorstellungen oft in ein Glas und trank dabei seinen Urin, um seine Zuseher zu schockieren. Panow war außerdem niemals ein Bestandteil der Leningrader

Untergrundmusikszene, da er mit anderen Musikern nur sehr wenig gemein hatte. Darüber hinaus meinte Swin selbst, dass AU eher keine Punkrockband gewesen sei, sondern eine Anarchyrockband, was sich eindrucksvoll in einem ihrer Songs, der einzig das Wort Plewat („Ist mir egal") nutzt, widerspiegelt.

Zur gleichen Zeit tauchte auch eine zweite Band in Moskau auf. Es war „DK", eine Band, die mit ihrem seltsamen Namen viele Punk-Liebhaber zum Rätseln über die eigentliche Bandbezeichnung veranlasste: die Spekulationen über das Akronym reichten von einem harmlosen Diwan Krowat („Sofa-Bett") bis hin zu Dewitschij Kal („Mädchen-Fäkalien"). Doch die Band hatte auch etwas von den Sex Pistols. Zwar nicht ganz in diesem Stil, doch ihre Songs waren auf eine eigene Art innovativ und schlau zugleich. Der Bandleader, Sergej Scharikow, war ein Intellektueller, der eine eigene Zeitschrift über Kultur, Gesellschaft und Ideologie herausgab.


Das Echo des Punks erreichte sogar Sibirien

Der Punk erreichte auch das abgelegene Sibirien, wo er sich weiter entwickelte und schließlich zum Sibirsky Pank, dem sibirischen Punk, wurde. Die Entfernung zu den großen Städten wie Moskau und Leningrad verhalf dem Stil dazu, eine neue Unterart zu bilden. Hier ging es weniger darum, jeden aktuellen Trend der Punkmusik zu übernehmen, weswegen dieser Stil klanglich eher dem Hard Rock ähnelt.

Die wohl bekannteste sibirische Punk-Band war „GO" aus Omsk, kurz für Graschdanskaja Oborona („Bürgerschutz"). Ihr Leader, Jegor Letow (geboren 1964, gestorben 2008), galt als einer der Väter des russischen Punks, da er einen beträchtlichen Einfluss auf zahlreiche andere Punk-Bands hatte.

Nachdem GO in vielen Städten der Sowjetunion an Popularität gewonnen hatte, geriet der Bandleader Letow unter politischen Druck vonseiten örtlicher Behörden und wurde als „gefährlich für die Gesellschaft" eingestuft. Er wurde sogar für drei Monate in eine Nervenklinik eingewiesen – eine zu dieser Zeit in der UdSSR übliche Methode, um Dissidenten zu unterdrücken und sie als geisteskrank abzustempeln.

Die Liedtexte von GO waren überdies rau, energisch, einfach und oft provokant. Doch das hinderte Letow nicht daran, in den 1990ern der Nazional-Bolschewistischen Partei (NBP) beizutreten und zu einem ihrer Parteivorsitzenden zu werden. Aus diesem Grund konnten einige Ansichten und Taktiken der NBP auch mit dem Lifestyle der Punks sowie mit nihilistischen Weltanschauungen wie dem Konzept „Eat the Rich" in Verbindung gebracht werden. 2007 wurde die NBP in Russland verboten, nachdem sie als extremistische Organisation eingestuft wurde.

 

Mehr Aufmerksamkeit für die Punk-Rocker, weniger Augenmerk auf soziale Missstände

Als die Sowjetunion 1991 zerfiel, war auch der Punk der frühen Tage in ähnlichen Auflösungserscheinungen begriffen und die Musik wurde kommerziell immer erfolgreicher. In den USA verkauften Punk-Bands der neuen Generation wie Nirvana oder Green Day Millionen von Platten und spielten in Stadien, die aus allen Nähten platzten.

In Russland tauchten ebenfalls immer mehr Pop-Punk-Bands auf, jedoch bestand der Hauptunterschied zwischen den Bands aus dem Untergrund der 1980er und den so genannten Punk Bands aus den 1990ern und 2000ern darin, dass das alternative Aussehen der Musiker längst Teil des Mainstreams geworden und die Songs weit weniger gesellschaftskritisch waren. Aber während den Musikern sowohl im Fernsehen als auch im Radio sehr viel Sendezeit gewidmet wurde, sah es bei Preisen und Auszeichnungen komplett anders aus. Es war demnach die Zeit gekommen, in der niemand mehr gegen jemand anderen oder etwas Anderes protestierte, im Gegenteil, die russischen Pop Punk Bands gingen fortan beruhigt auf Tourneen durch das ganze Land und verdienten gutes Geld damit, den Punk-Look sowie deren Lebensweise auszubeuten.

Doch gegen Ende der 2000er Jahre änderte sich plötzlich etwas in der russischen Punk-Szene. Es war eine neue, politisch geladene Punk-Generation mit neuen Bands auf den Bühnen aufgetaucht. Sie verurteilen die Kommerzialisierung der Musik und Kultur, wollen ihre Musik nicht in konventionellen Klubs spielen, sind jedoch gewillt dies auf Protestkundgebungen und anderen Veranstaltungen zu tun. So etwa die Skandalband Pussy Riot, die einen ihrer Songs in einer der bedeutendsten Kathedralen Moskaus aufführte und dabei weltweit für Furore sorgte. Nonkonformismus ist in Russlands Punk-Rock wieder zurück – und dieses Mal macht er Ernst!

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