Rundum beschützt

 Der oberste Hygienearzt Russlands Gennadi Onischtschenko. Foto: RIA Novosti

Der oberste Hygienearzt Russlands Gennadi Onischtschenko. Foto: RIA Novosti

Zum Glück haben wir in Russland einen Wächter über alles, was wir essen, trinken und kaufen dürfen, ohne Schaden zu nehmen. Das beruhigt einen doch ungemein. Gennadi Onischtschenko heißt der Gute und ist seines Zeichens der oberste Hygienearzt im Lande. Worum sich der Mann alles kümmert!

Wenn man annimmt, dass er sich um die wachsende Zahl der Nager, im Volksmund heißen sie schlicht Ratten, sorgt oder etwas unternimmt gegen die Massen von Tauben, die in diesem Jahr nicht nur alles voll kacken, sondern auch nach reichlichem Genuss vom heißem Bitumen bedrippt in der Gegend herumliegen, der irrt. Auch die fehlende Anzahl öffentlicher und noch dazu benutzbarer Toiletten lassen ihn kalt.

Ebenso zählen Nachtunterkünfte für Obdachlose, deren Anzahl zumindest in Moskau verschwindend gering ist, und kostenlose Duschen und Toiletten für die Ärmsten der Armen, nicht zu seinen Lieblingsthemen.

Er hat das Große Ganze im Auge, für ihn sind alle Bereiche des modernen Lebens interessant. Er ficht für eine einheitliche Schuluniform und berät die Bürger an heißen und drückenden Sommertagen, wie sie am besten über die Runden kommen. Er riet ihnen, bereits um vier Uhr morgens zur Arbeit zu fahren und dann bis in den Vormittag hinein zu schaffen, um der großen Hitze zu entgehen. Genau so habe er es gehalten. Ein toller Rat, keine Frage! Vor allem weil so früh noch keine Metro fährt, die anderen Verkehrsmittel spärlich oder gar nicht und die Kindereinrichtungen noch geschlossen sind.

Besonders liegen ihm aber die Erzeugnisse der GUS-Staaten und anderer ehemaliger Sowjetrepubliken am Herzen. Da passt er ganz genau auf, dass die Bürger Russlands nichts Falsches in den Mund und in den Magen bekommen. Sobald zwischen Russland und einem anderen Land aus dem genannten Kreis Sand im Getriebe ist und Onischtschenko eine Beschädigung russischer geopolitischer Interessen wittert, schlägt er zu.

Als die Grusinier, in Europa nennt man sie auch Georgier, sich abnabelten von Mütterchen Russland und mit Westeuropa und den USA heiß flirteten, stellte sich heraus, dass sowohl der grusinische Wein, der Chacha, das ist grusinischer Grappa, als auch das Mineralwasser von dort schädlich und ungenießbar seien. Importverbot! Ein herber Schlag für die grusinischen Winzer und Weinhändler, aber auch für die russischen Verbraucher. Nun lockert es sich langsam wieder, die WTO lässt grüßen.

Baltische Sprotten wurden eine Zeitlang mit Bannfluch belegt; wegen der Abtrünnigkeit der baltischen Republiken. Nun dürfen wir keine ukrainische Schokolade mehr genießen, weil der ukrainische Präsident sich hat wie die Zicke am Strick und nicht in den Zollverbund mit Russland, Weißrussland und Kasachstan einsteigen will. Präsident Janukowitsch strebt zur EU. Das können wir doch nicht einfach so durchgehen lassen!

Nun hat es den engsten Bündnispartner Russlands, das benachbarte Weißrussland, erwischt. Milchprodukte und neuerdings sogar Möbel aus Belarus kommen nicht mehr rein! Abtrünnigkeit kann man Lukaschenko, der sich gern selbst als letzten Diktator Europas bezeichnet, nun weiß Gott nicht vorwerfen. Er hängt an der Nadel des großen Bruders, ohne die russischen wohltätigen Kredite sähe es noch trüber aus, als es ohnehin schon ist. Vielleicht wehren sich die Weißrussen etwas zu sehr gegen den großen Appetit russischer Oligarchen, die sich alle Filetstücke unter den Nagel reißen wollen.

Für diese aufopferungsvolle Tätigkeit zum Wohle Russlands hat man dem Hygienearzt den Spitznamen Sanitärknüppel des Kreml verpasst.

Nun ist ihm bei seinem rastlosen Suchen ein weiteres Übel aufgefallen. Die Ladengeschäfte, Cafes und Klubs in den Erdgeschossen von Wohnhäusern

gehören geschlossen! In den Schnarchstädten rundum Moskau ist es wenigstens ein Ansatz von Infrastruktur. Ohne lange Wege können die Grundbedürfnisse befriedigt werden. Wer kein Auto hat, um in die großen Einkaufszentren zu fahren, die keineswegs zentral liegen, ist dann ganz schön angemeiert.

Bis vor kurzem wurden genau diese Geschäfte in unmittelbarer Nähe der Verbraucher über den grünen Klee gelobt. Kleinunternehmer, die die Erdgeschosse für viel Geld gekauft haben, werden somit in den Ruin getrieben. Und die Verbraucher gucken in die Röhre. Die kleinen Läden verstärken auch noch das Zugehörigkeitsgefühl zum Kiez und lassen Raum für einen Plausch beim Einkauf. Im Zuge zunehmender Vereinsamung auch nicht unwichtig. Wer das dem Hygienewächter wohl wieder eingeblasenhat!

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