Ein ganz gewöhnliches Wochenende

Foto: AFP/East News

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Bereits ab Donnerstag brummt Facebook und weist alle Nutzer auf das kommende Wochenende hin, anschaulich illustriert mit Fotos, die einem das Wasser im Munde zusammen laufen lassen.

Saftige Salzheringsstücke mit Zwiebelringen, rosafarbener Speck, Salzgurken, eingelegte Pilze. Das schreit ja gerade zu nach Wodka! Auch die Biertrinker schielen schon nach dem Freitagabend und stellen Haxen, Bratwürste und geräucherten Fisch als Appetitanreger ins Netz.

Dann ist es endlich soweit und die große Sause kann beginnen. Restaurants, Kneipen, Bierstuben – alles füllt sich nach Arbeitsschluss in Windeseile. Aber nicht nur in Gaststätten, auch in den Innenhöfen, in Garagen, auf verwaisten Kinderspielplätzen und natürlich auch zu Hause, in den Wohnungen, wird ordentlich gebechert. Da bleiben Exzesse und gefährliche Momente natürlich nicht aus. Die friedlichen Bürger schlafen nach ausgiebigem Alkoholgenuss tief und fest, während die streitsüchtigeren sich auf die Piste begeben, um Nachschub zu holen. Man sagt hier, egal, wie viel du kaufst, es ist immer zu wenig. Sollte es hapern mit dem Nachschub, weil zum Beispiel das Geld alle ist oder die Angetraute einen Riegel vorschiebt, muss irgendwie Dampf abgelassen werden.

Diesmal war ich das Opfer ungenügenden Alkoholgenusses mit anschließender Aggression. Ich stand so gegen neun Uhr abends, für Moskau eine frühe Zeit, kommt doch die Gutenachtsendung hier genau um diese Uhrzeit, auf dem Balkon und telefonierte in normaler Lautstärke, allerdings auf Deutsch. Plötzlich tauchte auf dem Balkon gegenüber ein stark angetrunkener Mann im Feinripp auf und beschimpfte mich auf das Übelste. Er könne nicht schlafen bei dem Lärm, bei diesem unverständlichen Telefonat und drohte energische Schritte an. Gleichzeitig schleuderte er eine leere Schnapsflasche in den Hof, die klirrend zerbarst. Zum Glück hatte er weder eines der parkenden Autos getroffen noch einen Passanten.

Nach kurzer Zeit rollte ein Polizeiauto auf den Hof und der Trunkenbold von Gegenüber stand schwankend vor dem Hauseingang und zeigte immer wieder auf meinen Balkon. Der Ordnungshüter schrieb alles ordentlich auf und kam dann zu mir, offensichtlich um mir die Leviten zu lesen. Gegen meine Erwartung stand ein freundlicher junger Polizist vor mir, stellte sich vor, wie es sich gehört und entschuldigte sich sogar für die Störung. Das hat mich doch sehr verwirrt, denn wir kennen die Jungs von dieser Seite eher nicht. Der aufgebrachte Nachbar hatte wohl bei ihm nicht den besten Eindruck hinterlassen.

Akribisch genau ließ er sich den Zwischenfall von mir schildern. Als wir beim Flaschenwurf angekommen waren, stutzte er. Das könne nicht sein, denn der Nachbar hatte angegeben, dass ich geschossen hätte. Da wurde mir doch leicht schwummrig, denn bei der gegenwärtigen Jagd auf Gastarbeiter und den eindeutigen Ansagen gegen Ausländer in den sozialen Netzen sah ich mich schon zumindest auf dem Polizeirevier schmoren.

Zum Glück glaubte mir der Polizist, wir gingen zusammen die Scherben auf dem Hof suchen und er verfolgte die Anschuldigung, ich hätte geschossen, nicht weiter.

Die Stimmung war verdorben, der Einstieg ins Wochenende nicht besonders glücklich. Aber immerhin hatte ich Glück gehabt und war auf einen normalen Polizisten gestoßen.

Dieses Glück hat man hier nicht immer. Vor ein paar Tagen hatte ein ganzes Überfallkommando, das einer Bande von Autodieben auf der Spur war, die Häuser verwechselt und völlig unschuldige Bürger und deren Kinder verprügelt.

Leider reicht der Schneid nicht, den Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen oder gar Entschädigung zu zahlen. Man sucht Verbindungen zu den kriminellen Nachbarn, selbst harmlose Gespräche am Gartenzaun müssen dafür herhalten. Erschwerend kommt für die unschuldig Überfallenen hinzu, dass der Ehemann Aserbaidschaner ist. So einer kann doch gar nicht unschuldig sein!

Das Feuer von Nationalismus und Chauvinismus wird langsam aber stetig geschürt. Diese Ideen fallen hier auf fruchtbaren Boden. Die ewig Gestrigen wollen ja auch wieder die so genannte fünfte Spalte im Ausweis einführen, wo die Nationalität geschrieben steht. Damit öffnen sie Willkür und Nationalitätenhass Tür und Tor.

Der reichliche Genuss von Hochprozentigem befeuert diese ungute Tendenz noch unnötig stark. Deshalb sind die Freitagabende nicht ganz ungefährlich im großen Lande.

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