Protestsongs in Russland: Der Sound der Demokratie

Foto: ITAR-TASS

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Auf fast jeder öffentlichen Veranstaltung in Russland kann man heute Protestsongs hören. Das russische Protestlied hat seit dem Zweiten Weltkrieg einen langen Weg zurückgelegt – vom Song eines unbekannten Autors aus dem Gulag bis zu heutigen Punkrock-Bands.

Der laute Protest: Songs gegen Amerika und Kapitalismus

Zu Zeiten der Sowjetunion wurden einige Protestsongs vom totalitären Staat gesponsert und richteten sich gegen den Feind im Ausland: den amerikanischen Imperialismus und Militarismus, die Ausbeuter der Arbeiterklasse im kapitalistischen System oder Junta-artige Regimes, die die Rechte der Bürger unterdrückten.

Hier ist ein Lied aus diesem Genre, das Victor Jara (Víctor Lidio Jara Martínez; 1932-1973), einem chilenischen Dichter, Schriftsteller, Theaterdirektor, politischen Aktivisten und Mitglied der chilenischen kommunistischen Partei, der während eines von General Augusto Pinochet organisierten Staatsstreichs gewaltsam ums Leben gebracht wurde, gewidmet ist. Das Lied wurde von dem offiziellen sowjetischen Komponisten Igor Lutschenok arrangiert. Dieser schrieb auch viele verschiedene Lieder, die die sowjetische Ideologie widerspiegeln: Lieder über Lenin, den Patriotismus und den Krieg.

 

 

Die offiziellen sowjetischen Protestsongs waren natürlich scheinheilig, weil die Sowjetunion ja selbst eine notorische Zwangsherrschaft darstellte und es ja das eigene Volk war, das täglich unter den harten kommunistischen Vorschriften und mangelhaften Menschenrechten zu leiden hatten. Es gab viele Bürger in der Sowjetunion, die protestierten, aber ihre Proteste äußerten sie lediglich bei sich zu Hause in der Küche, wo sie in einem kleinen Kreis von Freunden bis in die späte Nacht über die Ungerechtigkeit und die Repressalien im sowjetischen System räsonierten. Die Leute, die wirkliche Protestsongs verfassten, verbargen ihre Nachricht zwischen den Zeilen, weil es zu gefährlich war, seine Gedanken laut zu äußern, und sie wollten nicht riskieren, ins Gefängnis zu kommen.

 

Der Protest im Verborgenen: Antisowjetische Protestsongs

Die ersten weithin bekannten antisowjetischen Protestsongs in der UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg waren wahrscheinlich Waninskij Port („Der Hafen von Wanino"), verfasst von einem unbekannten Autor im Gulag, und Towarischtsch Stalin („Genosse Stalin") von Jus Aleschkowskij (geboren 1929), einem Schriftsteller und Dichter, der Anfang der Fünfzigerjahre zu einer Lagerhaft im Gulag verurteilt wurde und 1979 gezwungen war, die UdSSR wegen der Veröffentlichung seiner Gulag-Liedtexte im Westen zu verlassen. Er lebt heute in den USA.

 

 

In den Sechziger- und Siebzigerjahren tauchte in der Underground-Szene eine neue Art Songschreiber und Künstler auf, die sich selbst auf der akustischen Gitarre begleiteten. Sie waren Schauspieler, Texter, Ingenieure, Ärzte und alle möglichen anderen Vertreter der sowjetischen Intelligenzija. Sie schrieben ihre eigenen Texte und traten privat in der Wohnung irgendwelcher Leute oder in Kulturhäusern auf. Gemeinhin wurden sie „Barden" genannt – im Russischen bezeichnet dieses Wort einen Mann, der Selbstverfasstes unter Begleitung einer akustischen Gitarre vorträgt.

Alexander Galitsch (1918-1977) war einer dieser äußerst beliebten Barden. Sein schwarzer Humor und seine politisch geprägten Protestsongs führten zu seinem öffentlichen Auftrittsverbot. Seine Theaterstücke wurden nicht veröffentlicht, und er wurde aus dem Schriftstellerverband rausgeworfen. All das führte zu seiner Emigration im Jahr 1974 und endete in seinem mysteriösen Tod 1977 in Paris.

In den Achtzigerjahren bildete sich ein neuer Musikstil heraus: der sogenannte Russische Rock. Twens, die in der Regel als Kind eine Musikschule besucht hatten, komponierten ihre eigenen Songs, die stark vom westlichen Rock, Punkrock, Blues, New Wave und der elektronischen Musik beeinflusst waren und zudem die russische Sprache als bestimmendes Ausdrucksmittel verwendeten.

Wenn wir uns die Protest-Rocksongs der Achtzigerjahre anhören, wird insbesondere die Leningrader Gruppe Telewisor („Fernsehapparat") mit deren Bandleader Michail Borsikin auffallen. Ihre Lieder zeichnen sich – im Unterschied zu anderen sowjetischen Underground-Bands – durch ihren politischen Protest aus. Sehr schnell sah sich die Gruppe Problemen mit der Zensur ausgesetzt. Nichtsdestoweniger schaffte es Telewisor, immer wieder irgendwie mit ihrem Programm aufzutreten, was allerdings irgendwann zu einem sechsmonatigen Auftrittsverbot in allen Leningrader Rockklubs führte.

 

Protest heute: Der Marsch der Andersdenkenden

Heutzutage können wir in Russlands Rockszene eine nie gesehene Welle der Protestsongs erleben, die von der jungen Musiker-Generation verfasst und aufgeführt wird. Dies ist ein Phänomen, weil diese neue Protestgeneration sich von dem eigentlichen Musikgeschäft abgewandt und auf eine Karriere verzichtet hat, bei der Berühmtheit und Geld das grundlegende Motiv darstellen. Vor gar nicht allzu langer Zeit, Mitte der Zweitausenderjahre, war Moskaus Rockszene durch zahlreiche Klubnyje

Wetscherinki (Klubpartys) geprägt, bei denen Rock-, Pop- und Hip-Hop-Bands langweilige Hipster und sogenannte „neureiche" russische Geschäftsleute unterhielten. Aber unter dieser ganzen Schicht aus Geld, Langeweile, Glitzer und Glamour braute sich allmählich etwas zusammen.

Die erste Protestkundgebung, der sogenannte „Marsch Nesoglasnich" („Marsch der Andersdenkenden") fand in Moskau am 16. Dezember 2006 statt und führte in den darauffolgenden Jahren zu einer Reihe weiterer Protestkundgebungen in verschiedenen Städten Russlands. Bald schon marschierten Musiker bei diesen Märschen der Andersdenkenden mit und traten auf den Bühnen auf. Michail Borsikin von Telewisor sang beim Marsch der Andersdenkenden im März 2009 in Sankt Petersburg auf die Melodie „Sakolotite podwal" („Macht den Keller dicht"), einen Protestsong gegen die kriminellen Mitglieder der Regierung und deren Verbindung zur Russischen Orthodoxen Kirche.

Nach 2010 dann wurden die Protestsongs ein integraler Bestandteil der verschiedenen Protestkundgebungen in Russland. Nicht jede Protestveranstaltung kann – aufgrund technischer oder organisatorischer Schwierigkeiten – solche Auftritte ermöglichen, aber die Organisatoren sind immer an dieser Variante interessiert. Die größte Protestkundgebung in der jüngeren Geschichte Moskaus fand am 24. Dezember 2011 statt. Die Demonstranten forderten faire und saubere Neuwahlen, da während der Staatsduma-Wahlen am 4. Dezember durch Aktivisten, die die Wahlen und die durch Betrug gewählten Vertreter der Partei Vereinigtes Russland als unrechtmäßig bezeichneten, ein massiver Wahlbetrug aufgedeckt wurde. Mehr als 120 000 Menschen nahmen an dieser Kundgebung teil, bei der zwischen den politischen Textbeiträgen verschiedene Musiker auftraten.

Vor den Präsidentschaftswahlen im März 2011, bei denen – wie erwartet worden war – Wladimir Putin aufs Neue ohne einen ernsthaften Gegenkandidaten die Mehrheit der Stimmen erhielt, rief der Oppositionsaktivist Alexej Nawalny einen Wettbewerb um den besten Musik-Videoclip zum Thema „Die Wahl der Diebe und Betrüger" aus. Sieger wurde eine Gruppe mit dem Namen Rabfaq mit ihrem humorvollen Protestsong „Unsere Nervenklinik stimmt für Putin". Rabfaq trat auch live bei verschiedenen Protestkundgebungen auf.

Auch der Hip-Hopper Wasja Oblomow schreibt intelligente Songs voller Kritik an dem gegenwärtigen System und setzt dabei verschiedene Elemente ein – vom Gefängnislied bis zur Comedy. In seinen Liedern nennt Oblomow konkrete Namen und in dem Song „VVP" (eine Abkürzung für Wladimir Wladimirowitsch Putin) macht er kritische Bemerkungen über den Präsidenten. An dem dazugehörigen Videoclip haben zwei weithin bekannte russische Fernsehstars, Leonid Parfjonow und Xenia Sobtschak, mitgewirkt.

 

Anti-westliche Propaganda wieder in Mode

In den vergangenen Jahren ist immer mehr anti-amerikanische und anti-westliche Rhetorik in verschiedenen staatlich kontrollierten Medien zu vernehmen. Die Bandbreite reicht von zahlreichen TV-Shows, die Erinnerungen an die sowjetische Propaganda während des Kalten Kriegs wachrufen, bis hin zu dem neuen Gesetz, das die Adaption russischer Waisenkinder durch amerikanische Familien verbietet.

Aktivisten der Protestbewegung bezeichnen diese Art der Politik als einen Versuch, die Aufmerksamkeit von Fällen, bei denen staatliches Eigentum, Geld und Ressourcen durch die sogenannten Freunde Putins im großen Maßstab veruntreut wurden, abzulenken. Damit solle die Gesellschaft weniger Aufmerksamkeit der Korruption im Lande schenken und Amerika für ihre Probleme verantwortlich machen.

Amerika ist wieder einmal der Feind. Die Jeschow-Band, eine Gruppe aus Sankt Petersburg, protestiert mit ihrem Lied „Vereinigte Staaten von Amerika" gegen die gegenwärtige anti-amerikanische Propaganda in den offiziellen russischen Massenmedien.

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