Zäune und Mauern

In Russland sind Zäune und hohe Mauern immer noch sehr in Mode. Wer etwas hat, verbirgt und schützt es. Sieht so ein Leben in Wohlstand aus?

Die einen reißen Mauern und Zäune ein und die anderen errichten sie eifrig. Die russischen Zäune und Mauern aus Betonteilen konnten wir im Osten in und um die Kasernen der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte bewundern. Wir haben uns darüber mehr aufgeregt als amüsiert, denn sie verunstalteten die Landschaft und zeugten vom tiefen Misstrauen den Eigenen und Fremden gegenüber.

In Russland sind Zäune und hohe Mauern immer noch sehr in Mode. Wer etwas hat, verbirgt und schützt es. Auf den sehr hohen Zäunen oder Mauern windet sich Stacheldraht oder ragen spitze Staketen in den Himmel. Die wachsamen Augen nimmermüder Überwachungskameras verfolgen jeden Vorübergehenden, nichts bleibt unbemerkt. Jeder macht sich seinen kleinen privaten Knast, denn die Fenster an den Häusern hinter den hohen Schutzwällen sind obendrein noch vergittert. Sieht so ein Leben in Wohlstand aus? Wo man sich versteckt und einigelt?

In öffentlichen Parks und Naturschutzzonen haben sich einige pfiffige Beamte Grundstücke eingezäunt und bauen im Schutze der mindestens drei Meter hohen Metallzäune schmucke Häuser hin. Sie sind über jede Anfrage seitens der Bürger erhaben und handeln „strikt nach dem Gesetz". Na bitte, wer sagt's denn! Diese Zäune schlagen alle Rekorde und signalisieren die erhöhte Verteidigungsbereitschaft der Eigentümer.

Rund um Moskau schießen Eigenheimsiedlungen wie Pilze aus dem Boden. Dort gibt es keine Infrastruktur, vielleicht einen kleinen Laden für das Nötigste und natürlich eine hohe Mauer drumherum, die von einem Wachmann bewacht wird. Die Besitzer der neuen und streckenweise gewöhnungsbedürftigen Wohnhäuser spazieren innerhalb der Mauer ein paar Schritte oder umrunden sie mit ihren Kindern und Hunden. Oft stehen mehrer Siedlungen auf der grünen Wiese, jede hat natürlich ihre eigene Mauer. Dazwischen legen die freiwillig in der Isolation lebenden Hausbesitzer Trampelpfade an, denn irgendwo braucht man ja Auslauf. Häftlinge dürfen schließlich auch einmal am Tag zum Hofgang, wenn sie nichts ausgefressen haben und im Karzer hocken.

In den Siedlungen leben oft die Ehefrauen mit den Kindern und der Haushälterin, die Männer gehen ihren Geschäften in der Stadt nach, bewohnen die Stadtwohnung und kommen nur am Wochenende aufs Land. Sie genießen ihre Freiheit in der Stadt in vollen Zügen. Dafür leiden die Frauen unter Einsamkeit, an mangelnder Kommunikation und an kulturellem Entzug. Wenn sie ihre Kinder mit dem Auto in die Schule fahren, empfinden sie das als Abwechslung und Highlight. Da brezeln sie sich ordentlich auf und fühlen sich für eine kurze Zeit wunderbar. Es hat schon Fälle gegeben, wo sie ihre Abendgarderobe auf den Trampelpfaden ums Nobelghetto ausgeführt haben.

Aber auch bescheidenere Anwesen wie zum Beispiel Datschengrundstücke mit einem Holzhäuschen und einer Banja werden eingezäunt. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Sie müssen unüberwindbar für Einbrecher und die lokalen Alkoholiker sein, die alles, was sich versetzen lässt, zu Sprit machen. Die Wachmänner und Nachtwächter von Datschensiedlungen sind keine Abschreckung, denn sie rekrutieren sich aus gutmütigen Rentnern, die ihre Rente etwas aufbessern.

Was dem Hausbesitzer der Zaun oder die Mauer, ist dem Wohnungseigentümer die doppelte Stahltür mit ausgeklügelten Schlössern, mindestens zwei müssen es schon sein. Und noch eine Alarmanlage, die losbrüllt, wenn Unbefugte das Allerheiligste entern wollen. Allerdings in heißen Sommern, wenn die Temperatur in der Stadt über 30 Grad ansteigt

und auch die Nacht keine Abkühlung bringt, streikt die Alarmanlage. Der Bewegungsmelder blinzelt träge und nichts passiert. Ob das die Diebe, die im Sommer, wenn viele Wohnungen verwaist sind, weil die Moskauer auf ihrer Datscha leben, verstärkt ihr Unwesen in der Stadt treiben, auch wissen?

Nahezu alle Wohnungen haben Stahltüren und Spione, aus denen auf zufällig Klingelnde herab geschaut wird. Normalerweise kann ja gar niemand bis zur Wohnungstür vordringen, wenn er den Code an der Eingangstür nicht kennt. Außerdem rufen Bekannte vorher an, zufällig oder unangemeldet kommt keiner. Um die gewünschte Wohnung zu finden, muss man die Nummer wissen, die nicht immer dransteht. Man kann dann von den Türen, wo die Nummern sichtbar sind, abzählen, um zum Ziel zu kommen. Namensschilder an Türen oder Hauseingängen gibt es nicht. Jeder verschanzt sich, so gut er kann und bleibt anonym und unsichtbar. Die Nachbarn kennen einander gar nicht oder kaum. Mal Salz oder ein Ei borgen? Fehlanzeige. Es lebe die Einsamkeit!

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland