Barmherzigkeit, Vergebung, Menschlichkeit – Anatoli Pristawkin

Am 17. Oktober wäre der Kinder- und Jugendschriftsteller Anatoli Pristawkin 82 Jahre alt geworden. Seine Bücher tragen nahezu ausnahmslos autobiografischen Charakter. Seine Werke wurden in viele Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt. Besonders bekannt sein dürfte sein Buch „Schlief ein goldenes Wölkchen“, wo ein Teil seines Lebens in Kinderheimen während des Krieges beschrieben wird.

Jugendschriftsteller Anatoli Pristawkin.

Foto: kremlin.ru

Auch seine „Kuckuckskinder“ über Kinder von verfemten Volksfeinden zur Stalinzeit straft die hurra-patriotischen Gesänge auf eine glückliche Kindheit zu Zeiten des Sowjetdiktators Lügen. Ein weiteres Buch über Waisenkinder oder willkürlich aus Familien gerissener Halbwüchsiger heißt im Deutschen „Mein Waggon geht auf Reisen“ beschreibt ihr Los in den Kriegswirren und danach, wenn sie in einem Zug durch das Land rollen, ohne zu wissen, wo sie sind und wo es hingeht. Eine starke Metapher. Das heute besonders akute Thema des sexuellen Missbrauchs in Kinderheimen nahm offensichtlich schon damals einen breiten Raum ein. Pristawkin scheute sich nie, den Finger in die Wunde zu legen.

In Deutschland und wahrscheinlich auch in anderen Ländern ist er nicht in erster Linie als Schriftsteller sondern als Vorsitzender der Begnadigungskommission bekannt, die von Jelzin 1992 ins Leben gerufen wurde. Sie hieß bald nur noch die Pristawkin-Kommission, die Anatoli Ignatjewitsch mit ausgewiesenen Dissidenten und geachteten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens besetzte. Er rief unter anderem den bekannten Liedermacher Bulat Okudschawa, die Schriftsteller Lew Razgon und Ales Adamowitsch, den Journalisten und ehemaligen Botschafter in Israel Bowin in das Gremium. Die Kommission rettete über Tausend noch nach sowjetischem Recht zum Tode verurteilter Gefangener das Leben und milderte in vielen Tausend Fällen die unverhältnismäßig hohen Urteile.

In nächtelangen Sitzungen lasen die Mitglieder der Kommission die Begnadigungsgesuche und die Akten der Gefangenen, vertieften sich in deren Leben. Das verursachte ihnen auch weiterhin schlaflose Nächte. Pristawkin ging voll in seiner Tätigkeit auf, seine Familie sah ihn nur noch selten, denn er bereiste die Gefängnisse und Straflager im ganzen Land, sprach mit den Gefangenen und sorgte für Verbesserungen, also für besseres Essen, sauberere Sanitäranlagen und kämpfte dafür, dass die Mütter nicht von ihren Kindern getrennt werden.

Ich hatte das große Glück, an drei Fernsehfilmen mit Anatoli Pristawkin für das deutsche Fernsehen und für Arte mitwirken zu dürfen. „Eine Kindheit in Russland“, entstanden 1999, zeigt seine Kinderheimkindheit in Tomilino unweit von Moskau, vor dem Abtransport des Heimes in den Kaukasus. Wir besuchten das Grab seiner Eltern und fanden seine jüngere Schwester, die sein Schicksal geteilt hat, und die er als älterer Bruder stets zu beschützen versuchte. Als wir auf seine Begnadigungskommission zu sprechen kamen, lud er uns kurzerhand ein, mit ihm zusammen das berühmteste Gefängnis in Russland, von Liedermachern oft besungen, zu besuchen, das Wladimirski Zentral.

Im Film über Tschechow liest er aus der „Reise nach Sachalin“ wieder im Wladimirer Gefängnis. Wir treffen dort auf alte Bekannte, denn die Häftlinge sind umgewandelte Todeskandidaten und sitzen lebenslang ein. Im dritten Film über die Moskauer Metro besuche ich ihn nur in seinem Arbeitszimmer, das geschmückt ist mit Geschenken der Gefangenen und Zeichnungen seiner kleinen Tochter. Er spricht ständig über Fälle, die er gerade bearbeitet, erzählt von Verbrechen, die das Blut in den Adern gefrieren lassen und setzt sich doch für die Gefangenen ein, denn er ist überzeugt, dass die Gesellschaft sie so gemacht hat und sie ihnen auch helfen muss. Damit stößt er oft auf Ablehnung, was ihm schwer zu schaffen macht.

Die schwersten Fälle hat er in einem Buch zusammengefasst, das im Deutschen unter dem Titel „Ich flehe um Hinrichtung“ erschienen ist. Wer es liest, wird auch schlaflose Nächte haben.

Bis zuletzt, er starb am 11. Juli 2008 in Moskau, schaute bei ihm an allen Ecken und Enden der pfiffige Junge aus dem Kinderheim heraus, dem Ruhm und Anerkennung weniger wichtig waren als ein Plätzchen, wo man den Kopf zum Schlafen betten kann, ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben. Ich hatte zu ihm ein töchterliches Verhältnis, er war im Alter meiner Eltern, habe mich oft auch außerhalb von Dreharbeiten und Interviews getroffen, um seinen Erzählungen zu lauschen und seinen väterlichen Rat einzuholen.

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