Der Westen ist Grün

„Hier arbeiten die Guten“. Dieses Schild an der Tür eines Zimmers, in dem die grüne Bundestagsfraktion tagt, wurde im deutschen Fernsehen angeprangert. Als Symptom einer Haltung, die die Wähler bei der Bundestagswahl abgestraft haben.

Sicher ist es kein Alleinstellungsmerkmal der Grünen, sich für moralisch überlegen zu halten. Jeder, der eine bestimmte Ideologie oder Lebenseinstellung vertritt, glaubt natürlich, damit im Recht zu sein. Die Frage ist, wie stark man diesem Gefühl Ausdruck verleiht. Eindrucksvoll zeigt das die Pädophilie-Debatte: Nicht, dass bei den Grünen solche Neigungen wesentlich häufiger vorkämen als, sagen wir mal, unter katholischen Priestern. Aber schreien nicht die Grünen immer am lautesten, wenn jemand anders tatsächlich oder auch nur aus grüner Sicht einen Fehltritt begeht? Solchen Hypermoralaposteln lastet man eben jedes Vergehen besonders schwer an.

Die Partei ist damit nur der politische Arm einer Strömung, die ihr Selbstverständnis aus ihrem Eintreten für die Schwachen und Entrechteten ableitet. Alle anderen stehen folglich auf der Seite der mächtigen, bösen Unterdrücker. Das Schöne daran: auch wer persönlich gar nichts für andere tut, sondern den Aktivisten nur zujubelt oder diejenigen schmäht, die anderer Ansicht sind, kann am Gefühl der Superiorität teilhaben.

Letzteres, das Maßregeln und Erziehen der dumpfen, rückständigen Mehrheit, geht immer mehr Wählern auf die Nerven. Auch Menschen, die selbst aus vielerlei Gründen gerne mal auf Fleisch verzichten, wollen nicht, dass ihnen eine Gruppe von Leuten vorschreibt, wie oft sie das tun müssen.

Blicken wir zurück: Die ersten Grünen Parteien entstanden Anfang der 1970er Jahre – nicht in Deutschland, sondern in Australien, Neuseeland, der Schweiz und England. Heute gibt es solche Parteien auf allen Kontinenten. Dennoch hat diese Bewegung für viele einen recht deutschen Charakter. Nicht nur, weil die deutschen Grünen besonders medienaffin waren und die Bewegung weltweit geprägt haben. Sondern weil hier wieder der Oberlehrer zum Vorschein kommt, der die Welt an seinem Wesen genesen lassen möchte.

Das ist natürlich unfair. Die Vordenker der Grünen Bewegung kommen aus aller Herren Länder: aus Indien (Gandhi), aus Frankreich (Rousseau), aus England (Ernst Friedrich Schumacher) und – aus Russland!

Ja, aus Russland. Das erstaunt, denn obwohl es auch dort eine Grüne Partei gibt, kann man sich heute kaum einen größeren Gegensatz vorstellen als grüne Gutmenschen und russische Raubeine. Political Correctness, Feminismus, Rechte sexueller Minderheiten, so etwas gilt in Russland als westlich-dekadenter Schund, den es fernzuhalten gilt von rechtgläubigen Menschen aller Konfessionen. Atomkraft, das Ur-Thema der Grünen, ist keines in Russland, trotz Tschernobyl, und Umweltschutz sehen viele als ein Luxusproblem.

Was immer mehr Deutsche an den Grünen stört, das ist es auch, was die Russen am Westen nicht mögen: Wir haben eine höhere Bewusstseinsstufe erlangt, also dürfen wir euch belehren. Egal ob diese Belehrung von Amnesty International kommt, von Greenpeace oder der EU. Man zieht sich in Russland auf die bequeme Position des Kulturrelativismus zurück. Jedes Land hat seine eigenen Werte, also lasst uns mit euren in Ruhe! Begegnungen zwischen Vertretern Russlands und grünen Aktivisten führen daher nur selten zu konstruktivem Dialog. Mal kriegt ein deutscher Parlamentarier eins auf die Nase, mal werden Umwelt-Aktivisten eingesperrt. Dafür gehören die Grünen und ihnen nahestehende NGOs im Westen zum Putins schärfsten Kritikern und lassen keinen Staatsbesuch aus, um zu demonstrieren.

Aber wie gesagt, ein höchst wirkungsmächtiger Stammvater des mit höchstem Sendungsbewusstsein gekoppelten höheren Bewusstseins kommt aus Russland: Lew Tolstoi, der Schriftsteller und Philosoph mit dem Rauschebart. Die „Zeit“ bezeichnete ihn als „grünen Grafen“ und „Öko-Aristokraten“. Ein Vegetarier, der sich teures Gemüse aus Europa kommen ließ. Ein Prediger des einfachen Lebens, der sich ohne Hilfe eines Dieners nicht ankleiden konnte. Ein Vordenker der Friedfertigkeit und des Mitgefühls mit aller Kreatur, den die Probleme seiner engsten Angehörigen kalt ließen.

Das passt doch zu den Gerechten von heute, die gern andere kritisieren und selbst gerne mal fünfe gerade sein lassen. Im Unterschied zu vielen anderen Menschheitsbeglückern hat Tolstoi aber auch etwas geleistet und nicht nur andern den Weg gewiesen. Einige der bedeutendsten Werke der Weltliteratur stammen aus seiner Feder, auch wenn er diese später selbst nicht mehr gelten lassen wollte.
Tolstoi als gemeinsamer Nenner: Vielleicht sollten sich russische Patrioten und bundesrepublikanische Grüne einfach mal ganz informell auf einer dem Andenken Tolstois gewidmeten Konferenz treffen. Aber Vorsicht, der Prophet der Menschenlieben hatte Deutsche von diesem Prinzip ausdrücklich ausgenommen…

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