Der Klang des Unvermeidlichen

Der Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow, der 2012 erstmals in deutscher Übersetzung erschien, ist eine meisterhaft erzählte Geschichte, die einen zu Unrecht mit Gewissensbissen hadernden Menschen und dessen unvermeidliches Schicksal beschreibt.

Der Social Media Manager von Russland

HEUTE Florian Boenigk. Foto

aus dem persönlichen Archiv.

Zwei Jahrzehnte lang wähnt er sich als Mörder, ehe er zufällig aus einem Buch erfährt, dass der Verstorbene, Alexander Wolf, den Gewehrschuss überlebt hat. Er begibt sich auf die Suche nach einem Wiedersehen mit der einzigen Begegnung im russischen Bürgerkrieg, mit dem Fremden, der seinem Leben so nahe steht, der sein Wesen geprägt hat. Letztlich findet er Wolf, und die Geschichte nimmt den Verlauf eines griechischen Dramas.

Gaito Gasdanow, dessen Rezeption in Deutschland erst jetzt stattfindet, stand zeit seines Lebens im Schatten von Nabokov. „Das Phantom des Alexander Wolf" ist der erste Roman von ihm in deutscher Übersetzung, und er wird in der Literaturkritik von Lob überhäuft. Erstmals 1947 in Russland erschienen, wechselt der Erzähler kontinuierlich zwischen den Geschehnissen des russischen Bürgerkriegs im Jahr 1917 und dem Paris der 1930er-Jahre, wo der namenlose Protagonist als Journalist tätig ist.

Kompositorisch exzellent legt Gasdanow Handlungsstränge übereinander und verknotet diese am Ende. Für den Leser verschwimmen Zufall und Vorhersehung. Der namenlose Journalist verliebt sich bei seiner Suche nach seinem einstigen Gegner in die schöne Russin Jelena. Er offenbart ihr sein Seelenleben, sie bleibt verschlossen. Der Grund dafür ist ihr doppeltes Spiel und ihre Liebe zu zwei Männern: dem Journalisten und Alexander Wolf.

Nach den 100 ersten Seiten verlässt der Autor seinen ausführlichen Stil und taucht in das Seelenleben seiner Hauptfigur ein: „(...) vor mir türmte sich ein ungeheures Gemisch an Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen, (...) dann wieder erblickte ich mit ungewöhnlicher Klarheit das schwarze Korn der

Pistole, schwankend wie im Schlaf (...)". Die Seiten werden dichter, Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, Dialoge und Perspektivwechsel nehmen zu. Der Leser muss aufmerksam sein, um alle Zwischentöne und Anspielungen mitzubekommen.

Oft wird der Autor Gasdanow mit Camus und Proust gleichgesetzt. „Mir war immer, als gleiche das Leben irgendwie einer Eisenbahnreise – diese Zögerlichkeit des persönlichen Daseins, umschlossen von ungestümer äußerer Bewegung, diese scheinbare Gefahrlosigkeit, diese Illusion von Dauer." Das Bild der Eisenbahnfahrt umschreibt den Roman als eine Reise zum finalen Punkt, den Tod. Und die Geschichte endet, wie sie angefangen hat: mit einem Schuss, dessen Täter und Opfer die gleichen sind. Der anfänglich beschriebene Schuss in der russischen Steppe klingt somit unvermeidlich bis zur letzten Seite nach. Und was bleibt? Die Erkenntnis, dass Gasdanow ein exzellenter Mitreisender war.

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