Hüftgold und andere Nettigkeiten bei Dienstreisen

Herbstzeit ist wieder Reisezeit für mich. Eigentlich schade, dass ich meist in der kalten und unfreundlichen Jahreszeit dienstreisen muss, aber nicht zu ändern. Dafür habe ich ein Zipfelchen vom goldenen Herbst am Onegasee in Karelien abbekommen, während in Moskau grauer Himmel und Dauerregen die Laune verdarb.

Im Zug nach Karelien, ein ganz passabler übrigens, hatte ich für die Hin- und Rückfahrt in einem Frauenabteil gebucht, kam also mit Männern kaum in Berührung. Aber aus dem abenteuerlich hohen Zugausstieg haben mir die Herren der Schöpfung doch geholfen heraus zu kommen, noch dazu mit schwerem Koffer. Das hat mich gefreut! Unverhofft kommt oft. Wenn man da das Gleichgewicht verliert, kann es böse ausgehen.

Die karelische Beschaulichkeit wurde kurz darauf abgelöst von einem etwas raueren Ton im Südural. Als bunter Tupfer kam dann noch eine Reise in das Kurgebiet im Kaukasus rund um Mineralnye Vody dazu. Meistens reisen die Männer im Lande umher, allein dienstreisende Frauen gibt es seltener. Also komme ich im Flieger oft in den Genuss männliche Nachbarschaft. Das ist ziemlich anstrengend, denn die Jungs fläzen sich ungezwungen in die Sitze, die vor mir Sitzenden lassen sofort die Rückenlehne nach hinten kippen, wenn die Stewards noch angeschnallt den Start über sich ergehen lassen und das gar nicht mitkriegen.

Die hinter mir Sitzenden halten sich andauernd an meiner Rückenlehne fest und zerren an ihr herum, mir dabei die Haare büschelweise ausreißend. Sie sind alle durchweg beratungsresistent. Wenn ich mir diese Typen dann am berüchtigten 8. März vorstelle, wenn sie mit großen Blumensträußen bewaffnet die Frauen ruhig stellen und sie dazu beglückwünschen, dass sie keine Männer sind, kommen mir schon ganz gewalttätige Gedanken.

Neben den geradezu reizenden Mitreisenden gibt es noch ein weiteres Übel bei den Dienstreisen. Das ist das Essen, was gereicht wird. Reisende, so hält man es im Einzugsbereich der orthodoxen Kirche, müssen nicht zwingend die Fastenzeit einhalten, sollten es aber angesichts der angebotenen Speisen lieber tun, wenn sie nicht aufgehen wollen wie Hefeteig.

In Zügen und Flugzeugen wird man ja regelrecht vollgestopft mit ungesunder Nahrung. Pappiges Weißbrot, Gummibrötchen, fetter Käse, schwere Süßigkeiten – die ganze Bandbreite. Dafür gießen die Flugbegleiter nur ein paar Tropfen Saft oder Wasser in die kleinen Becher, so dass man das Zeug nicht mal ordentlich runterspülen kann.

Dienstreisen kreuz und quer durch das große Land sind anstrengend, die Zeitunterschiede oft gravierend, da käme Fasten oder Enthaltsamkeit beim Essen noch als erschwerender Faktor hinzu. Aber um weder auf der Waage noch auf dem stillen Örtchen einen Schock zu kriegen, sollte man beim Essen einiges auslassen. Sich auf Bahnhöfe und Flughäfen zu verlassen ist auch nur bedingt hilfreich.

Fettiger Blätterteig mit einem Würstchen im Inneren, runzlige Pizzastückchen, Weißbrotstullen und viel Süßes liegen in den Vitrinen der Imbißstände. Salate sind eher selten, und wenn sie da leicht verwelkt in Plastebüchsen rumstehen, liegt ein Tütchen fetter Mayonnaise dabei.

Die belegten Brote heißen hier übrignes Buterbrody. Aber sie sind ohne Butter. Man kann also ein Buterbrod mit Wurst, Fisch oder Käse bestellen oder einfach eine Butterstulle, die dann aber Buterbrod mit Butter (s maslom) heißt. So führt das eingerussischte Wort Buterbrod ein interessantes eigenes Leben.

Neben den aufgezählten Speisen kann man natürlich noch fette Chips aller Art und gesalzene Nüsse einwerfen, um kalorienmäßig auf der sicheren Seite zu sein. Wer als Erlösung auf das Frühstück im Hotel schielt, wird oft enttäuscht, den Hotelfrühstücke sind hier sehr weit davon entfernt, gesund zu sein. Sich mit halbwegs verdaulichen und verträglichen Reiseproviant zu versorgen wäre ein logischer Ausweg. Aber da kann es passieren, dass er am letzten Security Check geopfert werden muss, was bedauerlich ist. Zurück zum Ursprung! Ungesalzene Nüsse oder Mandeln, Wasser und ein Apfel machen satt, halten vor und schmecken.

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