Sex, Drugs and Merkels Handy

In der Weltpolitik gibt es keine „Freunde", meint der Ulenspiegel.

Maulwürfe, Romeos und Honig-Fallen. Attentate mit vergifteter Regenschirmspitze. So bekämpften sich Ost und West im Kalten Krieg. Damals, als die Spionage-Welt noch in Ordnung war. Die Guten bespitzelten die Bösen und umgekehrt. Das hatte Stil, die Fronten waren klar und niemand lief Gefahr, die Orientierung zu verlieren. Oder?

Heute bespitzeln Freunde ihre Freunde. Freunde werfen Freunden vor, dass sie bespitzelt werden und verlangen, das Bespitzeln von Freunden doch bitte einzustellen. Und das alles mit Hilfe langweiliger Computertechnik. Krieg der Nerds anstatt James Bond. Und verwirrend dazu.

Manch einer beklagt, dass Freunde ihren Freunden wegen dieser Bespitzelung nun die Freundschaft aufkündigen wollen. So schimpft Richard Herzinger in der „Welt": „Es geht zu weit, wegen der Spähpraktiken der NSA die transatlantischen Beziehungen infrage zu stellen. Schließlich hat auch Deutschland den amerikanischen Partner schon öfter vor den Kopf gestoßen." Das Sündenregister der deutschen Regierungen, dass der Leitartikler aufmacht, ist beeindruckend: Willy Brandt verhandelte heimlich mit der Sowjetunion, Gerhardt Schröder machte nicht mit beim Irak-Krieg, nannte Putin einen „lupenreinen Demokraten" und führte sein Land „in eine profunde Energieabhängigkeit von Moskau". Und auch Angela Merkel, die es doch besser wissen müsste, verweigerte sich der Aktion „Libyen den Taliban".

Doch „Gründe für Washington, das bundesdeutsche Nachkriegsziehkind für einen bisweilen unsicheren Kantonisten zu halten" gibt es laut der „Welt" noch mehr. „Haben die Deutschen nicht mit der Islamischen Republik Iran über Jahrzehnte hinweg regen Handel getrieben und enge diplomatische Beziehungen gepflegt, während die USA von dem islamistischen Regime in Teheran zum Todfeind erklärt wurden? Und das ist bei Weitem nicht das einzige Beispiel dafür, dass Deutschland der amerikanischen Vor- und Schutzmacht kalt in den Rücken fiel, sobald es der Eigennutz gebot." Tja, wer aus lauter Eigennutz mit jemandem Handel treibt, der die USA zum Todfeind erklärt, der ist – ja eigentlich selbst schon ein Todfeind. Und darum darf er auch bespitzelt werden.

Dieser Text ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir die letzten fünfzig Jahre lang für dumm verkauft worden sind: Folgt den Amerikanern blind, sie wissen, was sie tun. Wer daran zweifelt, der soll doch nach drüben gehen. In die DDR, nach Nordkorea oder in den Iran. Doch der Autor sagt auch etwas sehr Wichtiges: Spionage ist nicht etwa total abartig, sondern der Normalfall. Auch unter Staaten, die demselben Bündnis angehören. Das war auch in der guten alten Zeit des kalten Krieges so, nur sprach bei uns damals niemand darüber. Wem das nicht klar sei, so Richard Herzinger, der betrachtet „die Weltpolitik mit einem gehörigen Schuss Naivität". Richtig! Genau mit dem Schuss, den uns Prediger dieser Couleur über Jahrzehnte gesetzt haben. Wir leben im Zeitalter von Demokratie und Freiheit, die alten, schlimmen Regeln gelten nicht mehr, und nur noch die ganz, ganz Bösen wenden sie an. Russen, Kommunisten und struppige Islamisten. Und nun ruft er den Junkies zu: „Was, ihr hat das tatsächlich geglaubt? Wie naiv!"

Für uns, die wir an der Freundschafts-Nadel hängen, ist es tatsächlich schwer zu begreifen, dass die Kategorien des 19. Jahrhunderts noch gelten. Es gibt keine „Freunde", es gibt nur zeitlich begrenzte Allianzen, die auf teilweise übereinstimmenden Interessen beruhen. Es gibt Herren und Knechte. Ersteres sind die Amerikaner, letzteres sind wir.

Auch wenn sich unsere Politiker jetzt wieder vor Empörung winden wie ein Abhängiger beim Entzug, sie wissen natürlich bestens Bescheid, wie es

wirklich läuft. Niemand in Berlin ist so dumm, das Geschwätz von Freundschaft und Enttäuschung wirklich zu glauben. Unsere Dienste wissen, dass uns alle unsere „Freunde" uns seit jeher ausspionieren. Man hat nicht wenig Energie dafür aufgewendet, dies – nein nicht zu verhindern – zu vertuschen.

Natürlich bespitzeln uns auch Russen, Chinesen und andere, die nicht zu unseren „Freunden" gehören. Vermutlich schöpfen auch sie die Kanzlerin irgendwie ab, wenn sie es technisch können. Otto von Bismarck, der Eiserne Kanzler, hatte eine russische Geliebte, die wahrscheinlich das eine oder andere nach Hause berichtet hat. Aber das war in der guten alten Zeit, als die Spionage noch romantischer war als im Zeitalter der vergifteten Regenschirmspitzen.

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