Wohnen im Herzen der Stadt

Adele erzählt über Moskauer Kommunalki - die aus der Not geborene WGs.

An verlängerten Wochenenden, wie wir jetzt im Vorfeld des vorschnell aus der Taufe gehobenen Feiertages der nationalen Einheit, kann man sich schon mal in die Stadt wagen, ohne in übervollen Metrozügen fahren zu oder gar im Stau alle Pläne begraben zu müssen. Das Volk hat sich verdünnisiert und überläßt den Hiergebliebenen die Stadt. Blaulicht bewehrte Limousinen gibt es auch nicht, welche Freude.

Im Sprengel zwischen Altem Arbat und Twerskaja, aber auch hinterm Außenministerium, in Kitai Gorod, dem ältesten Bezirk Moskaus und natürlich in der goldenen Meile um Ostoschenka und Prechistenka, gibt es viele große Wohnungen in historischen Bauten, die inzwischen aufwendig restauriert und umgebaut wurden. Dort lebt kein einziger einfacher Moskauer mehr, denn dieses Pflaster ist nicht bezahlbar.

Nach der Revolution 1917 steckten die neuen Machthaber die Menschen in die ehemaligen geräumigen herrschaftlichen Wohnungen, ein Zimmer pro Familie, Küche und Toilette in Gemeinschaftsnutzung. Aus der Not

geborene WGs. In Moskau werden diese Kommunalki, wie die Gemeinschaftswohnungen im Volksmund heißen, nach und nach aufgelöst. In den 90Jahren ging die Auflösung solcher Wohnungen mit viel krimineller Energie über die Bühne. Neureiche, Banditen, Zuhälter und andere ehrenwerte Personen guckten sich eine Kommunalka aus und boten den Bewohnern Einzimmerwohnungen in den Schnarchstädten am Stadtrand, ein so genanntes Wolfsticket, an.

Aus dem bequemen und gewohnten Umfeld mitten in der Stadt wollte keiner weg, auch die Angst vor Einsamkeit im Plattenbau spielte eine Rolle. Haben doch die Bewohner von Kommunalki schwere Zeiten gemeinsam überstanden. Sie haben sich in den Repressionsjahren sowohl gegenseitig angezeigt als auch aus der Patsche geholfen, sind richtig zusammen gewachsen. Da trennt man sich nicht so einfach.

Wer partout nicht wegziehen wollte, wurde stark unter Druck gesetzt, aus dem Fenster geworfen oder auf andere Weise um die Ecke gebracht. Da waren ganze kriminelle Banden in Sachen Wohnungsaussiedlung zugange, einige sind dann doch wirklich vor Gericht gelandet.

War die Wohnung endlich leer, gingen aufwendige Bau- und Renovierungsarbeiten los. Das beinahe über Nacht zu Geld gekommene Volk wollte natürlich seinen Reichtum zeigen, ließ Säulen einbauen und unendlich viel Stuck anbringen. Safes und Waffenschränke wurden in die Wände eingemauert, überdimensionale Kronleuchter aufgehängt und ausgefeilte Sicherheitsanlagen eingebaut. Da das mit dem Reichwerden nicht so ganz koscher gelaufen war, hatten sie natürlich Angst, alles wieder loszuwerden.

Diese Wohnungen an stark befahrenen Straßen oder in dere Nähe von Bürohäusern und Geschäftszentren stehen jetz meist verwaist herum, denn die Inhaber nennen nun auch noch eine Vorortvilla ihr eigen und logieren dort. In der Stadtwohnung wird manchmal nur hin und wieder von der Putzfrau oder einem anderen Adlatus das Licht angezündet, um Anwesenheit zu simulieren.

Einge solcher Kommunalki sind inzwischen zu kleinen Familienhotels umfunktioniert. Das ist eine gute Idee, mitten im Zentrum ein kleines und ruhiges Hotel zu eröffnen. Eine frisch gebackene Hotelbesitzerin hatte sich nach der Scheidung von ihrem recht betuchten Mann zwei solch großer Mehrzimmerwohnungen auserbeten und ihm auch den Umbau noch aufgedrückt. Nun lebt sie autonom und hat ich eigenes Hotel.

In den 80er Jahren war ich öfter zu Gast in Kommunalki, in Moskau und Petersburg, wo sie noch verbreiteter waren. In den Küchen eine Masse an Töpfen auf und um den Herd, an der Toiletten hingen Klobrillen, jeder hatte

seine eigene. Klopapaier, war damals absolute Mangelware, Seife, Toilettenartikel – alles wurde immer wieder mit ins eigene Zimmer genommen. Besonders 1990/1991, als es in den Geschäften noch leerer war als sonst und Lebensmittelmarken ausgegeben wurden, bekam ich immer viele Ermahnungen meiner Bekannten mit auf den Weg, ja nichts Brauchbares und Wiederverwendbares in Bad oder Toilette zurück zu lassen.

Telefongespräche vom einzigen Apparat ließen keine Geheimnisse zu, jeder wußte über alles Bescheid. Ein sowjetischer Kultfilm beschreibt diese Lebenssituation in großartiger Weise. Sehr empfehlenswert. „Pokrovskije Vorota" heißt er, was übersetzt bedeutet „Das Pokrovski Tor".

In der Zeit verriegelter Türen und wenig kommunikativer Nachbarn kommt die Sehnsucht hoch nach den Kommunalki. Wenn nicht nach auf engstem Raume wohnen wollen, dann auf jeden Fall nach den ausgedehnten Gesprächen in der Gemeinschaftsküche.

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