Moscow Calling: Moskaus größte Hits

Keine Stadt verkörperte die Hoffnungen der Sowjetzeit so sehr wie Moskau. Keine Stadt wurde häufiger besungen. Bei all dieser Leidenschaft verwundert es kaum, dass mittlerweile die komplette neuere Geschichte der Stadt in Liedern wiedergefunden werden kann.

Einige sowjetische Lieder über Moskau wirken nicht sehr authentisch, da sie zu ideologisiert sind und ihre Autoren nur an die eigene Karriere gedacht haben, aber nichts über die russische Hauptstadt wussten. Nichtsdestoweniger zählen diese Lieder inzwischen zur russischen Geschichte und verdienen einer Erinnerung an sie.

Wenn man in den USA eine Karriere in der Politik machen möchte, dann sollte man nach Washington DC gehen. Wer eine Karriere in der Wirtschaft angehen möchte, der sollte nach New York gehen. Wenn man aber ein Musik-, Radio- oder Fernsehstar werden möchte, dann sollte man Los Angeles ins Auge fassen.

Wenn man hingegen in Russland Karriere machen möchte – egal in welcher Branche –, dann sollte man nach Moskau gehen. Denn die Hauptstadt wurde auch schon früher immer als jener Ort angesehen, an dem Wünsche in Erfüllung gehen können. Diese Vorstellung ist bis heute unverändert in den Köpfen der Russen verankert. Dementsprechend waren viele russische Lieder entweder der Hauptstadt selbst gewidmet oder ihren bei der Bevölkerung beliebten Orten, wie beispielsweise die Straße Arbat.


Moskau oder Der Russische Traum

 Einige der ersten Ohrwürmer über Moskau entstanden in jener Zeit des modernen Russlands, als das Radio, das Fernsehen und mit diesem auch Filme Einzug in den russischen Alltag hielten. Ein solcher Hit entstand beispielsweise durch die 1941 gedrehte Romantikkomödie „Swinarka i Pastuch" („Die Schweinebäuerin und der Hirte"). Der Film erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei jungen Menschen, die sich in Moskau auf einer Landwirtschaftsmesse kennenlernen. Im Folgenden ein Auszug aus dem Liedtext: „Niemals vergesse ich einen Freund,den ich in Moskau getroffen habe."

Bei näherer Betrachtung lässt sich klar erkennen, wie Stalins Politik der sowjetischen „Völkerfreundschaft" damals funktionierte: Das Lied verkörpert den Versuch, eine unnatürliche Liebesgeschichte zwischen einer jungen russischen Frau und einem Hirten aus Dagestan zu erzählen, wobei Moskau als eine Art magischer Ort fungiert, der Menschen einander näherbringt. Eine solche Politik, die zum Teil auch im heutigen Moskau zu spüren ist, stößt allerdings oft auf Probleme, die im Zusammenhang mit muslimischen Migranten aus den ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken wie beispielsweise Dagestan stehen.

Ein anderes Lied, das zur Zeit des Zweiten Weltkriegs entstand, erreichte wiederum solche Popularität, dass es 1995 sogar zur offiziellen Hymne Moskaus ernannt wurde: „Dorogaja moja stoliza" ( „Meine geliebte Hauptstadt"). Die Melodie stammt von Isaak Dunajewskij, der einer von Stalins Lieblingskomponisten war. Den Text schrieben die Lyriker Mark Lisjanskij und Sergej Agranjan. Eine Strophe des Klassikers pries sogar den Diktatoren Stalin, wie es bis zu seinem Tod im Jahre 1953 in Liedern üblich war: „Sei gegrüßt Stadt der Großen Nation,Heim unseres geliebten Stalin!"

Nach Stalins Tod verschwand diese Strophe aus dem Lied, so wie alle preisenden Erwähnungen des Diktators in Filmen, Theaterstücken, literarischen Werken, Straßen- und Stadtnamen.

In der „Tauwetter-Periode" zur Amtszeit von Nikita Chruschtschow kam es Ende der 1950er sowie Anfang der 1960er-Jahre zu einer sanften Demokratisierung und „Lockerung" der menschlichen Freiheiten und neue Lieder über Moskau fügten sich dem bestehenden Repertoire hinzu.

Ein Ohrwurm dieser Zeit war Arno Babadschanjans dynamischer Twist-Klassiker „Lutschij gorod semli" („Die beste Stadt der Welt"). Gesungen wurde er von dem bekannten sowjetischen Sänger Muslim Magomajew, den viele sowjetische Kritiker als „Elvis Presley der Sowjetunion" bezeichneten. Der Song erfreute sich in den 1960ern bei der jungen sowjetischen Generation großer Beliebtheit. Er wurde gerne auf Tanzabenden und Partys gespielt – vor allem wegen seiner Melodie und seines Beats und nicht, weil das Lied typisch sowjetische, verherrlichende Worte über die Hauptstadt enthielt. Aus diesem Grund wurde am Partyohrwurm scharfe Kritik vonseiten orthodoxer Kommunisten geübt. Sie bezeichneten den Song als „ideologische Sabotage und Perversion".


Herzergreifende Klassiker

 Dann gibt es noch jene sentimentalen Klassiker über Moskau, die so berühren, dass man weinen möchte. Einer dieser sowjetischen Evergreens ist „Aleksandra", der Titelsong des Filmklassikers „Moskwa sljosam ne werit" („Moskau glaubt den Tränen nicht"), der in den 1980ern den Oscar in der Kategorie „Bester ausländischer Film" gewann. Vielleicht, so glaubt man, war es gerade sein sentimentales Titellied, das der Jury bei der Entscheidung auf die Sprünge half.

Ein anderes Beispiel für ein sentimentales Lied über Moskau ist „Doswidanja Moskwa" („Auf Wiedersehen Moskau"). Der Song wurde anlässlich der Schlussfeier der 1980 in Moskau abgehaltenen Olympischen Sommerspiele geschrieben. Das Olympische Maskottchen „Mischa", ein Teddybär, stieg damals mit Ballons vom Olympischen Stadion auf in den nächtlichen Himmel – ein berührender Moment für Tausende Sowjetbürger, die vor ihren Fernsehern saßen und mit Tränen in den Augen die Live-Übertragung verfolgten.

„Auf den Tribünen wird es leiser,die Zeit der Wunder geht zu Ende.

Auf Wiedersehen, geliebter Mischa!

Kehre zurück in deinen märchenhaften Wald."

„Auf Wiedersehen, Moskau!Auf Wiedersehen Olympisches Märchen!"

Da Moskau eine riesige Stadt ist, in der mehr als zwölf Millionen Menschen leben, wurden zahlreiche Lieder auch zu Ehren bestimmter Stadtteile geschrieben.

So beispielsweise über den Arbat, ein historisch bedeutender Stadtteil im Zentrum von Moskau, zu dessen Ehren etwa der berühmte Sänger und Lyriker Bulat Okudschawa einige Lieder geschrieben hat. Da er viele Jahre am Arbat gelebt hatte, äußerte er in seinen Liedern oft seine Liebe zu diesem Stadtteil.

Mit seiner gefühlvollen Stimme und seinen manchmal sehr sentimentalen und berührenden Liedern konnte der Sänger so viele Herzen erreichen, dass seine Lieder überall auf den Recordern der Sowjetbürger zu hören waren.

„Ach Arbat! Mein Arbat! Du bist meine Bestimmung,du bist meine Freude und meine Sorge."


Die Untergrund-Gegenbewegung

 Underground-Rockbands, wenn auch nur wenige von ihnen, befassten sich in der Sowjetzeit ebenfalls mit der russischen Hauptstadt und ihren Bewohnern. In ihren Liedern, die zum einen ehrliche Meinungen beinhalteten und zum anderen von Neid und Eifersucht motiviert waren, brachten diese Bands ihre Missgunst gegenüber der russischen Metropole zum Ausdruck. Diese „Hasslieder", wenn man sie als solche bezeichnen möchte, bildeten somit den Gegensatz zum russischen Traum, nach Moskau zu ziehen, um dort nach Ruhm und Glück zu greifen.

Die Leningrader (heute Sankt Petersburger) Band Zoopark verewigte in ihrem Lied „Blues de Moscou" so folgende Emotionen:
„Niemand mag uns hier (in Moskau).So wie auch wir sie nicht mögen.Alle fahren hier nur U-Bahn. Und wir mögen sie nicht. Wir nehmen uns ein Taxi,auch wenn wir kein Geld haben.Wir trinken unseren billigen Wein,und jemandes Cognac. Ich mag das Taganka nicht und hasse den Arbat. So trinken wir aus, denn ist es schon Zeit, wieder zurückzukehren nach Hause (nach Leningrad)."


Das nervigste Moskau-Lied

 Der Song „Moskau" von Oleg Gasmanow ist allen Hauptstädtern wohl bekannt, wird er doch auf Wunsch und Entscheidung von Moskaus Ex-Bürgermeister Juri Luschkow, der ein großer Fan von Gasmanow war, bei jeder Zugankunft auf Moskaus neun Bahnhöfen gespielt. Da Hunderte Züge täglich auf diesen Bahnhöfen ein- und ausfahren, brennt dieser Song den Moskauern nun schon seit Jahren förmlich in den Ohren und zählt so zu den nervigsten Liedern aller Zeiten.

Aus diesem Grund brachte man kürzlich auch den Antrag ein, dieses Lied endgültig aus Moskaus Bahnhöfen zu verbannen. Sollte dies dem neuen Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin wirklich gelingen, dann würden ihm die Hauptstädter dies wohl als wahren Verdienst anrechnen.


Zu Moskaus größten Problemen zählen Überbevölkerung und die konstante Erweiterung des Stadtgebietes. Diese heißen Eisen griff die berühmte Hip-Hop-Gruppe „Noize MC" unter dem Bandleader Iwan Alexeew auf und verfasste den Song „Moskwa ne resinowaja" („Moskau besteht nicht aus Gummi"). Die Kernaussage dieses Liedes trifft den Nagel für viele Moskauer auf den Kopf: Die Hauptstadt kann nicht ständig vergrößert werden und wird so über kurz oder lang der stetig zunehmenden Überbevölkerung nicht mehr Herr werden können.

Schon heute gibt es Hunderte Songs über Moskau, alle verfasst im Russland der letzten 70 Jahre. Die einen lobpreisen die russische Hauptstadt, wohingegen die anderen vor schwarzem Humor und verletzenden Aussagen nur so strotzen.


Der Evergreen: „Moskauer Nächte"

 Doch nur ein Lied ist der unumstrittene König der russischen Songs über Moskau: „Podmoskownye wetschera" („Moskauer Nächte") vom Komponisten Wasilij Solowiew-Sedoj und dem Lyriker Michail Matusowskij. Dieses Lied erfreut sich nämlich nicht nur in Russland größter Beliebtheit. Es ist eines der wenigen, die von vielen Sängern weltweit gecovert und in unzählige Sprachen übersetzt wurden.

Seinen Bekanntheitsgrad verdankt das Lied den Moskauer Weltfestspielen der Jugend von 1957, auf dem es gespielt wurde. Heute erinnert auch eine Gedenktafel mit der Inschrift „Das Lied ‚Moskauer Nächte' wurde hier komponiert", die im Moskauer Stadtzentrum am Wohnhaus Michail Matusowskijs angebracht wurde, alle Passanten an das Meisterwerk des Lyrikers.

Die britische Jazzband Kenny Ball and his Jazzmen erreichte mit ihrem Cover „Midnight in Moscow" im Jahr 1961 sogar Platz zwei in den US-amerikanischen „Billboard Hot 100". Kein anderer russischer Song erreichte seither diesen Bekanntheitsgrad und diese weltweite Anerkennung.