Des einen Uhl ist des anderen Nachtigall

Foto: ITAR-TASS

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Adele über die Parkplätze und Fußgängerzonen im Zentrum Moskaus.

Die Bemühungen des relativ neuen Bürgermeisters Sobjanin, die Stadt mit Gehwegplatten zu zupflastern und neue Fussgängerzonen anzulegen, anfangs vehement belacht und verrissen, bringen einige schöne alte-neue Ecken hervor, hält aber auch den permanent schwelenden Konflikt zwischen Autofahrern un Fussgängern am Kochen. Parkplätze im Zentrum werden mit Gold aufgewogen, aber das ist auch keine Erfindung Moskaus, das ist ein weltweites Problem.

Moskau verändert sich so rasant schnell, dass man im Prinzip ständig in der Stadt unterwegs sein müßte, um nichts zu verpassen. Durch häufige Reisen ins Land komme ich aber zu diesen dauernden Stadtbesichtigungen kaum oder zu selten und staune jedesmal Bauklötzer, wenn ich was neues sehe.

Wenn ich freitags früh aus der Metro Nowokusnetzkaja stürme, um rechtzeitig zu meiner Livesendung im Studio zu sein, habe ich keinen Blick für das Gebuddele um mich herum, versuche nur ohne Zwischenfälle und Stürze ins Funkhaus zu kommen.

Diese Woche nun hatte ich nach der Sendung Zeit und wollte im Viertel umher schlendern. Nichts war mehr so, wie ich es noch vom September in Erinnerung hatte.

Die provisorisch anmutenden Einkaufspavillons sind verschwunden und öffnen den Blick auf schöne alte Gebäude. Eine Gasse, die vorher von kleinen klebrigen Destillen und unscheinbaren Läden gesäumt und mit Autos hoffnungslos vollgestellt war, ist von all dem befreit und zur Fussgängerzone geadelt worden, mit Bänken in der Mitte der Gasse und gepflegten Geschäften. Im Einkaufszentrum am Ende gibt es richtigen frischen Fisch zu zivilen Preisen. Eine kleiner Pavillon innerhalb des Zentrums garantiert Frische, weil die Ware im Handumdrehen vergriffen ist. Da kann ich nur wenige Stellen nennen, wo ich guten Frischfisch kaufen kann.

In den selbst ernannten Gourmetläden riecht es erstens nicht einladend genug, dass ich für ganz normale Ware exorbitante Preise zu zahlen gewillt bin, und zweitens ist das Angebot nicht berauschend.

Auf der Seite, wo die Metrostation steht, hat man auch um die kleine Einkaufspassage aufgeräumt und Durchgänge zur Pjatnitzkaja, eine der ältesten Straßen Moskaus, geschaffen, die man vorher nicht einmal erahnen konnte. Kleine Cafes, sogar ein Jazz-Cafe, haben sich in den Erdgeschossen nieder gelassen. Da kann man im Vorbeigehen einen Blick in die Gasträume, aber auch in die Küchen werfen, wo die Köche mit ihren Töpfen und Pfannen hantieren, für die Passanten aber immer ein Lächeln bereit halten. Das ist also auch Moskau, nicht nur hektisches Gerenne mit finsteren Geischtern.

Auf der anderen Straßenseite, Richtung Metro Tretjakowskaja, haben die Architekten noch rigoroser eingegriffen und die Klimentowski Gasse erneuert und richtig heraus geputzt. Angestammte Restaurants haben das Viertel verlassen und neuen Platz gemacht. Der kleine Wochenmarkt gleich neben Mac Donalds, der ist natürlich geblieben, ist auch weg. Der schlammige Platz zeigt sich schmuck mit Bänken, Bäumchen und lädt zum Verweilen ein.

Das Glasdach vorm Metroeingang, unter dem sich auch einige Lädchen angesiedelt hatten, ist weg, kein Gedränge mehr, so als ob die Bronchien durch gepustet würden.

Leute mit Bierpullen und Gin-Tonic-Büchsen, in denen nicht immer das drin ist, was drauf steht, sind rahr geworden, denn die Buden sind weg, wo man das Zeug kaufen konnte.

Das Bild ändert sich also nicht nur von der architektonischen Umgestaltung her, auch das Publikum verändert sich, sowohl Händler als auch Käufer. Mieter oder gar Inhaber der geschleiften Pavillons sind ihrer Existenz

beraubt, ersatzlos werden die Buden abgerissen. Sie müssen an andere, weniger zentrale Plätze ausweichen, wenn nicht alles schon besetzt ist. Wenn aber jemand denkt, billige Einkaufsmöglichkeiten werden vernichtet, der irrt ein wenig. Wer auf dem Wochenmarkt oder in den Pavillons verkaufen will, muss die Beamten ordentlich darauf einstimmen. Mit gut gefüllten Briefumschlägen, sonst läuft da nichts. Das legen die Händler direkt auf die Preise um, schließlich wollen sie ja Gewinn machen. So kauft man also mittelmäßige Ware zu keineswsegs mittelmäßigen Preisen. Was daran gut sein soll, weiß ich allerdings nicht.

Die Innenstadt autofrei zu machen halte ich für ein kaum zu realisierendes Projekt, aber die Fussgängerzonen beruhigen wirklich und kühlen das überhitzte Tempo ein wenig ab. Und geben den Blick auf Moskau wieder etwas frei, der an anderer Stelle gnadenlos von gierigen Baulöwen zugebaut wird. Ein ewiges Auf und Ab, langweilig wird es hier aber auf gar keinen Fall.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland