Wie ich im Sitzen die ganze Welt bestrafe

Foto: Reuters

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Joachim Gauck wird nicht zur Olympiade nach Sotschi reisen. Der Ulenspiegel diskutiert die Entscheidung des Bundespräsidenten.

Das Setzen von Zeichen gehört zu den beliebtesten Formen der heute so populären wertebasierten Symbolpolitik. Man setzt Zeichen gegen Krieg, Hunger, Ausbeutung, Diskriminierung und Prostatakrebs. Zeichen zu setzen ist einfach. Man muss nichts Anstrengendes tun, nichts, was die Lösung eines Problems tatsächlich näher brächte. Man zündet einfach eine Kerze an, hält jemanden an den Händen, man lässt sich einen Bart wachsen oder rasiert ihn ab. Noch einfacher ist es, wenn das Zeichen darin besteht, etwas nicht zu tun. Etwas nicht zu kaufen, keine Kerze anzuzünden (an Weihnachten, aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik) oder irgendwo nicht hinzugehen, wo man sowieso nicht hingegangen wäre.

Letztere Methode hat Bundespräsident Gauck gewählt, um ein Zeichen gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland zu setzen. Er wird nicht zur Olympiade nach Sotschi reisen. Das Satiremagazin Titanic stuft diese Geste angemessen ein, indem sie auf einer ihrer beliebten e-Postkarten ein Gruppe weinender Babuschkas abbildet, versehen mit dem Text „Russland fassungslos: Gauck boykottiert Olympische Spiele". So wird es sein, ganz Russland wird weinen, vom letzten Dorftrottel bis hin zu Wladimir Putin, Roman Abramowitsch und Anna Netrebko. Stalin, Rasputin und Iwan der Schreckliche werden in ihren Gräbern rotieren, dass die Vibrationen bis Wladiwostok zu spüren sind.

Und weil die Adventszeit die Zeit der guten Werke ist, schließe ich mich dem ersten Bürger unseres Staates an und zeige den verschiedenen Biotopen des Bösen auf unserem Globus eiskalt meine noch viel kältere Schulter.

Zum Beispiel den Vereinigten Staaten von Amerika: Ihr bespitzelt uns? Dann fahre ich eben nicht zu euch – die Einreise ist sowieso ermüdend, mit all den Formalitäten. Versinkt ruhig im Frust, ihr Cowboys! Ulenspiegel setzt ein machtvolles Zeichen, von dem ihr euch so bald nicht erholen werdet. Mächtig kauen an meinem nächsten Zeichen muss China. Ihr richtet selbstherrlich Flugverbotszonen ein und bestraft alle, die mit dem Dalai Lama plaudern wollen? Dann müsst ihr die nächsten paar Monate ohne den Meister der funkelnden Causerie auskommen, dem wortgewandten Ulenspiegel. Geschieht euch recht, Söhne des Himmels. Nun zu Euch, Inder: Glaubt ihr, ihr könnt einfach so ungestraft rumlaufen und Frauen vergewaltigen? Ja? Dann werde ich eben nicht in Eure Mitte kommen, um Euch mit meinem sprühenden Geist zu unterhalten.

Allein damit habe ich jetzt schon ein paar Milliarden Bösewichte bestraft, ohne meinen Hintern aus dem Sessel bewegt zu haben. Gut, nicht? Doch

das ist erst der Anfang. Was ist mit Afghanistan, Belgien, Pakistan, Nordkorea, Saudi Arabien und der Schweiz? Ihr Fanatiker, Kinderschänder, Heuchler, Juche-Rufer und Diktatorengold-Horter – ihr alle werdet meine Nasenspitze nicht über eure bluttriefenden Grenzen lugen sehen, keine Chance. Ich setze ein Zeichen nach dem anderen und die Welt zittert.

In letzter Zeit war ich eigentlich nur in Irland (wegen Whiskey mit e und Smithwick's Pale Ale), Frankreich (Rotwein und Käse), Österreich (Heurigen und weana Madln) und Dresden (Stollen). Alle anderen Kontinente, Länder (und Bundesländer) können sich ruhig bestraft fühlen. Irgendwas hat ja jeder auf dem Kerbholz.

Nun, vielleicht überlege ich es mir noch einmal. Der Advent ist schließlich auch eine Zeit der Versöhnung. Jetzt genehmige ich mir erst noch mal einen Glühwein, und dann sehn wir mal, ob ich einfach nur nicht hinfahre, oder ob ich knallhart boykottiere. So wie unser Herr Bundespräsident.