Kombiniere: Fälschung!

Der echteste Sherlock Holmes kommt aus Russland, meint unser Blogger Der Ulenspiegel.

Das Denkmal für Wassilij Liwanow 

- den russischen Sherlock Holmes.

Foto: cultura.ru

Der echteste Sherlock Holmes kommt aus Russland. Gemeint ist sowohl Wassilij Liwanow, der Schauspieler, der den Meisterdetektiv verkörperte, als auch die gesamte Inszenierung, der sowjetischen Fernsehserie „Die Abenteuer von Sherlock Holmes und Doktor Watson", die sich in russischer Tradition streng an die literarische Vorlage hält.

Es heißt, dass die Tochter Conan Doyles dem Regisseur einen Dankesbrief geschrieben haben soll. Margret Thatcher, sonst dem Reich des Bösen eher abgeneigt, soll den Film gelobt haben. Liwanow wurde für seine Leistung sogar zum Offizier des „Order of the British Empire" ernannt.

Nun könnte man einwenden, dass die Konkurrenz nicht sehr groß ist, da die meisten westlichen Verfilmungen dieses scheinbar simplen Sujets arg zu wünschen übrig lassen. Aber sei's drum. Wer Liwanow in der Rolle des Vaters aller Privatdetektive gesehen hat, kann sich Sherlock Holmes nur noch so vorstellen. Umso erstaunlicher, dass aus Russland jetzt ein neuer Sherlock Holmes kommt, der un-echter nicht sein könnte.

Eine neue Fernsehserie präsentiert ein mickriges, bebrilltes Bürschchen, das von allen herumgeschubst wird, und sich hinter Watsons breitem Rücken versteckt, wenn die Fäuste fliegen. Und doch handelt es sich hier um den „echten" Sherlock Holmes. Nach und nach stellt sich heraus: Die Geschichten, die Doktor Watson unter dem Pseudonym Arthur Conan Doyle über seinen Freund veröffentlicht, sind geschönt. Das ist der Gag dieser Serie.

Die Zuschauer werden Zeugen, wie der getreue Chronist die Abenteuer einer Zeitung anbietet und sie auf Wunsch des Redakteurs so umschreiben muss, dass sie den Geschmack der Massen treffen. Den berühmten karierten Mantel und die Kappe macht er auf Wunsch des Helden selbst zu dessen Erkennungsmerkmalen. In Wahrheit – der Wahrheit im Film – läuft Sherlock Holmes nämlich ziemlich abgerissen herum und kann sich so teure Klamotten gar nicht leisten.

Auch die Fälle spielen sich anders ab und werden im Nachhinein literarisch zurechtgebogen. Was zuerst als eine abseitige Variation des altbekannten Themas erscheint, erweist sich nach und nach als geistvolles Spiel mit Realität und Fiktion. Was wir alle für „echt" halten, ist in Wahrheit nur das Produkt der Medienwelt. Die Realität allerdings ist auch nur fiktiv.

Und damit wären wir wieder bei meinem Leib- und Magenthema: Wie wirklich ist die Wirklichkeit, die wir über die Medien wahrnehmen? Über Syrien, über die Ukraine, über die Energiewende und die große Koalition? Und wie wahrhaftig ist die Entlarvung der Lüge?

„Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache", sagte der Meister bekanntlich, und „Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag".

Was sagt uns das im Umgang mit den täglichen Nachrichten? Misstrauen und Kombinationsgabe allein reichen hier nicht. Man muss schon wie Sherlock Holmes eigene Ermittlungen anstellen, um die Wahrheit herauszufinden.

Und wer hat schon das Zeug zum Sherlock Holmes? Manchmal kann es von Vorteil sein, so zu tun, als sei man einer. So wie Hans Albers, der 1937 mit

Heinz Rühmann an seiner Seite einen mittellosen Privatdetektiv spielte, der in die Rolle des großen Vorbilds schlüpft, um an interessante Fälle heranzukommen. Ironischerweise werden Albers und Rühmann gerade deshalb von allen für das berühmte Duo gehalten, weil sie ständig abstreiten, es zu sein.

Am Ende dieser UFA-Komödie tritt dann der (damals längst verstorbene) Sir Arthur Conan Doyle höchstpersönlich auf, um Zuschauer und Protagonisten des Films darüber aufzuklären, dass die beiden Helden in Wirklichkeit nur Romanfiguren sind. Auch hier wieder eine neue Fiktion, die die alte als Fiktion entlarvt. Wie heißt es doch in dem Lied, das Rühmann und Albers in jenem Film singen? „Und wer uns stört ist eh er's noch begreift, längst von uns schon eingeseift." Medienkonsumenten tun gut daran, sich diese Weisheit immer wieder vor Augen zu halten. So elementar ist das, Watson!

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