Die geratete Welt

In der Weihnachtszeit ist viel von der Rettung der Welt die Rede. Aber die Götter von heute wollen die Welt nicht retten, sie wollen sie raten, meint der Russland-HEUTE-Blogger Der Ulenspiegel.

In der Weihnachtszeit ist viel von der Rettung der Welt die Rede. „Welt ging verloren, Christ ist geboren" singen wir, „Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch führ'n aus aller Not," oder „da uns schlägt die rettende Stund', Christ, mit deiner Geburt". Als Kind war mir nie ganz klar, in wie fern und vor was die Welt gerettet worden sein soll. Die meisten Übel dieser Welt, von denen ich damals schon wusste, waren ja nach Christi Geburt passiert. Das ging schon los mit dem Kindermord zu Betlehem, der ja mit dem frohen Ereignis in direkter Verbindung stand. Sollte Gottes Sohn umsonst gekommen sein? Oder war das mit der Rettung vielleicht gar nicht so ernst gemeint? So wie vieles, was die Erwachsenen so reden?

Erst später lernte ich, dass Gott sich nicht mit Kleinigkeiten wie Krieg, Hunger und Armut abgeben wollte, als er der Welt seinen Sohn schickte. Es ging um Höheres bei dieser Rettungsaktion. Um die Befreiung von der Erbsünde, um die Auferstehung nach dem Tode. Nicht gerade leichte Kost für uns theologisch unbefleckte Normalbürger. Warum kann Gott das nicht gleich so einrichten, warum muss er dafür erst seinen Sohn ans Kreuz nageln lassen? Kaum verwunderlich also, dass für die meisten Menschen Geschenke, festliche Stimmung und liebgewonnene Traditionen wichtiger sind als die Freude über die Geburt des Heilands.

Heilsversprechen haben es so an sich, dass sie einfach zu machen und schwer einzulösen sind. Auch das Paradies auf Erden, das der Sozialismus den Menschen bescheren wollte, erwies sich als nicht krisenfest. Seinen Bewohnern erging es fast so wie Adam und Eva: Als sie vom Baum der Erkenntnis naschten, sahen sie, dass sie nackt waren. Im Unterschied zu ihren Vorgängern verließen sie ihr Paradies nach dieser Erfahrung freiwillig. Heute finden manche von ihnen, dass es besser sei, nackt im Warmen zu sitzen, als draußen in der kapitalistischen Kälte zu bibbern – ganz besonders, wenn man nicht gelernt hat, sich zu bewegen.

Die Sowjetunion als wesentlicher Träger dieser Heilslehre ist insofern eine Anomalie der Geschichte, als Russland normalweise der missionarische Eifer abgeht. Man ist überzeugt, auf dem rechten Weg zu sein, aber wenn die anderen nicht mit wollen – bitte. Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche missioniert darum nicht außerhalb ihres Sprengels, anders als ihre westlichen Schwestern. „Go, tell it on the mountain, over the hills and everywhere, go, tell it on the mountain, that Jesus Christ is born." Das ist nicht umsonst ein amerikanisches Weihnachtslied.

Apropos Amerika: Auch die Verheißungen aus dieser Ecke haben viel von Ihrem Glanz verloren. Freiheit, Wohlstand und Menschenwürde stellen sich nicht automatisch ein, wenn man nur brav das tut, was die USA und die EU einem sagen. Die Griechen wissen das schon, diejenigen Ukrainer, die auf dem Maidan demonstrieren, wissen es noch nicht. Aber natürlich handelt es sich auch hier wieder um ein kindliches Missverständnis. Die Götter der freien Welt, wollen die Welt nicht retten, sie wollen sie raten. Ihre Boten laufen mit Checklisten herum und prüfen, wer fit ist für den globalen Wettbewerb und wer es verdient hat, auf Ramschniveau herabgestuft zu werden.

Dieser Prozess trägt wahrhaft religiöse Züge. Es gibt Himmel (AAA) und Hölle (D), es gibt die Vergebung der Schulden (wenn sie getilgt sind) und die Auferstehung von den Toten, die aber nur durch einen langen Leidensweg erlangt werden kann. Verzicht ist gefragt, alles Irdische lenkt uns kleine Leute nur ab vom Weg des Heils. Natürlich fragt manch infantiles Gemüt sich, warum man nicht gleich eine Wirtschaftsordnung schaffen kann, in der es gar nicht erst zu solchen Problemen kommt. Aber der Wille des freien Marktes ist eben unerforschlich.

„Und wer dies Kind mit Freuden/ umfangen, küssen will/ muss vorher mit ihm leiden/groß Pein und Marter viel/ danach mit ihm auch sterben/ und geistlich aufersteh'n/ das ewig Leben erben/ wie an ihm ist gescheh'n." Das ist schon wieder aus einem Weihnachtslied, einem sehr alten, von dem

meist nur noch die ersten Strophen gesungen werden. Wenn es um Christi Geburt geht, werden die verstörenden Elemente heute nämlich gerne ausgeblendet, es soll ja eine frohe Botschaft sein. Was braucht man da altmodische Sprache und gruselige Bilder? Mit den Höllenqualen drohen die anderen, die sich als Vertreter einer rationalen, aufgeklärten Welt geben. In einem moderneren Weihnachtslied (Ende 19. Jahrhundert) klingt es hingegen verheißungsvoll: „In den Herzen ist's warm, Still schweigt Kummer und Harm, Sorge des Lebens verhallt: Freue Dich, Christkind kommt bald." Vielleicht ist der Glaube an den allein seligmachenden Markt irgendwann auch nur noch ein nettes Märchen für Kinder?

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!

Ihr Ulenspiegel

PS: Haben Sie alle Lieder erkannt, liebe Leserinnen und Leser?

PPS: Ich kenne kein russisches Weihnachtslied. Vielleicht, weil in Russland Ostern der Mittelpunkt des Kirchenjahres ist.

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