Nemirowitsch-Dantschenko: Theater des Lebens

Bild: Natalja Michajlenko

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Mit Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko hielt das wirkliche Leben Einzug in die russische Theaterwelt. Es begann eine neue Theaterära, die vom Moskauer Kunsttheater geprägt wurde.

Der Name des berühmten Regisseurs Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko (1858-1943) wird gewöhnlich in einem Zug mit Stanislawski genannt. Zu Recht: Die beiden gründeten gemeinsam das Moskauer Kunsttheater (MChAT), brachten zusammen Theaterstücke auf die Bühne und arbeiteten Seite an Seite.

In seinen jungen Jahren spielte er in Amateuraufführungen, man prophezeite ihm eine große Zukunft. Aber das Theater, das Nemirowitsch-Dantschenko in Russland gegen Ende des 19. Jahrhunderts kennenlernte, gefiel ihm nicht. Die Regisseure waren für seinen Geschmack zu sehr auf klassisches Theater festgelegt, moderne Stücke standen selten auf dem Programm. Die Schauspieler spielten geschraubt und neigten zum Deklamieren. Mit dem Repertoire konnte man außerdem keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken: Die Sujets waren unbedeutend, Figuren und Dialoge künstlich. „Das russische Theater hat sich vom Leben entfernt, man muss es dringend reformieren“, erklärte Nemirowitsch-Dantschenko.

Im Theater suchte er Einfachheit, Realismus und progressive Ideen. Ähnliche Anschauungen vertrat Stanislawski. Als sie voneinander erfuhren, vereinbarten die beiden ein persönliches Treffen. Gemeinsam wollten sie ihre Ideen zur Gründung eines neuen Theaters weiterentwickeln.


Die Gründung des Moskauer Kunsttheaters

 Die historische Zusammenkunft fand im Restaurant „Slawjanskij basar“ statt und dauerte nicht weniger als 18 Stunden. Es hatte Ähnlichkeiten mit einem Kriegsrat vor der entscheidenden Schlacht. Die Kellner ließen keine Wünsche offen und bedienten die beiden mit unermüdlichem Elan. Die Regisseure einigten sich schließlich darauf, ein neues Theater zu gründen: das Moskauer Kunsttheater. Dort wollten Nemirowitsch und Stanislawski ausschließlich Stücke zeitgenössischer Schriftsteller aufführen, die drängende soziale Probleme ihrer Zeit aufgriffen, zum Beispiel Bühnenwerke von Tschechow und Gorki. Die Schauspieler wiederum sollten so lebensnah wie möglich spielen.

Das Moskauer Kunsttheater sollte das berühmteste Theater Russlands werden. Nemirowitsch-Dantschenko leitete zunächst die literarische Abteilung, entwickelte sich aber allmählich zum Regisseur. Von den Schauspielern verlangte er, sich in eine Figur ganz und gar einzufühlen und das Milieu, in dem die Protagonisten der Stücke leben, genau zu studieren. 

Gemeinsam mit Stanislawski führte er Gorkis „Nachtasyl“ auf, ein Schauspiel über Obdachlose. Das Sujet sorgte in dieser Zeit für einen Skandal. Im Tempel der hohen Künste ein Nachtasyl und seine elenden Bewohner zu inszenieren, war eine ungeheuerliche Provokation. Um maximale Authentizität zu erreichen, befahl Nemirowitsch-Dantschenko der ganzen Truppe, die bekannten Nachtunterkünfte in dem Elendsviertel Chitrowka zu besuchen. Als „Fremdenführer“ bot sich der bekannte Journalist Giljarowski an. Was die Schauspieler zu sehen bekamen, hinterließ bei ihnen einen so prägenden Eindruck, dass sie großartig spielten und von dem Publikum mit stürmischem Applaus bedacht wurden.

 

Theater wie im wirklichen Leben

 In den Stücken des Kunsttheaters war alles wie im wirklichen Leben. Diesem Prinzip blieben Nemirowitsch-Dantschenko und Stanislawski treu. Selbst die Klangeffekte waren echt. In einem Tschechow-Stück zum Beispiel betrat ein echter Hund die Bühne, Vögel zwitscherten und Grillen zirpten.
Nach der Revolution entwickelte sich ihr Theater zu dem wichtigsten dramatischen Theater des Landes. Bekanntlich zählte auch Stalin zu seinen Verehrern und häufigen Gästen.

Nemirowitsch-Dantschenko und Stanislawski erhielten durch einen Beschluss der Regierung lebenslängliche Renten. Sie genossen außerdem ein in diesen Jahren sehr seltenes Privileg: Sie konnten nach Belieben ins

Ausland reisen. Nemirowitsch-Dantschenko nutzte diese Möglichkeit und ließ sich vom Hollywood-Studio United Artists engagieren. Er schrieb Drehbücher und probte, doch nicht eines seiner Drehbücher wurde verfilmt. Wieder nach Moskau zurückgekehrt, verkündete er: „Kunst schaffen kann man nur in Russland, verkaufen muss man in Amerika, für den Urlaub sollte man nach Europa.“

Wladimir Iwanowitsch stellte nicht nur an das Bühnenbild und die übrigen Räume im Theater, sondern auch an die Schauspieler selbst höchste Anforderungen. Viele Schauspieler aber verhielten sich nachlässig und stillos. „Unentwegtes Rauchen, kalte Imbisse, Wurst, Hering, Tratsch, plumper Flirt, Lästereien, derbe Witze“ und natürlich der Wodka – das waren die schlimmsten Feinde von Nemirowitsch-Dantschenko, die er unnachgiebig bekämpfte.

Im Leben wie im Theater war ihm an Wahrhaftigkeit und Authentizität am meisten gelegen. Bei seinen Aufführungen fielen die Zuschauer vor Ergriffenheit in Ohnmacht, erkannten in den Helden sich selbst, ihre Verwandten und Freunde; so wirkungsvoll war die Darstellung der Realität. Das Publikum hatte eine solche Form des Theaters bis zur Gründung des Kunsttheaters nicht gekannt. Das nennt man zu Recht große Kunst.

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