Iwan Koslowski: Stalins Lieblingssänger und Rebell

Bild: Natalja Michajlenko

Bild: Natalja Michajlenko

Iwan Koslowski (1900-1993) sang die Lenski-Arie im „Eugen Onegin“, die Arie des Jurodiwy in „Boris Godunow“ und des Zaren Berendej in „Snegurotschka“. Insgesamt lieh er mehr als 50 klassischen Rollen seine Stimme. Doch er haderte mit seinem Schicksal.

Die Beliebtheit Iwan Koslowskis in den 1940er-Jahren lässt sich vergleichen mit der heutiger Pop- und Rockstars, sie übersteigt diese vielleicht sogar. Verehrerinnen des großen Tenors nannte man „Koslowistinnen". Frauen, die Sergej Lemeschew, den anderen berühmten Opernsänger, verehrten, bildeten das Lager der „Lemeschistinnen". In der Regel waren es junge Frauen aus nicht gerade wohlhabenden Verhältnissen, Bewohnerinnen sowjetischer „Kommunalki", die mit Leidenschaft die Auftritte ihrer geschätzten Opernsänger verfolgten. Hier konzentrierte sich für sie alles Schöne im Leben.

Die Fans erwarteten die Sänger auf der Straße, in der Nähe ihrer Wohnhäuser, sie belagerten die Schminkräume. Nicht ein Konzert, nicht eine Opernaufführung verpassten sie. Gelegentlich klärten sie auch untereinander die Verhältnisse. Das konnte bis zu Handgreiflichkeiten gehen – für einen „falschen" Götzen flogen schon mal die Fetzen. Manche setzten ihrem Leben sogar wegen der unerwiderten Liebe zum Star ein Ende. Alles wie im großen Showgeschäft. Noch heute treffen sich Koslowistinnen und Lemeschistinnen, zumindest, wer von ihnen noch lebt, auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof bei ihren Gräbern.

Irgendjemand hat einmal die Lautstärke von Koslowskis Stimme sogar mit genauen Zahlen beziffert: Angeblich erreichte sie bis zu 150 Dezibel. Dabei klang sie erstaunlich zart, weich und schön. Wenn Koslowski sang, verstand man jedes Wort. Seine Diktion war ungewöhnlich klar und rein, wie man es den Schauspielern der Kaiserlichen Theater nachsagte. Die Tradition dieser Schule wurde später in der Oper nicht fortgesetzt. Heute haben Sänger kräftige Stimmen, aber häufig Brei im Mund.

Koslowski indes betrachtete sich nicht einfach als Sänger, sondern auch als Schauspieler. Jede Partie spielte er wie eine Rolle im Theater. Wenn er zu dem Schluss kam, dass es um der Deutlichkeit willen nötig sei, eine Note länger zu halten, als die Partitur es vorsah, dann tat er das. Das Orchester hatte keine Wahl, es musste sich beugen. Im „Faust" überraschte er das Publikum einmal mit einer tänzerischen Einlage.

 

Verbote schmeckten ihm nicht

Koslowski galt als sehr verschlossen, sein Auftreten war würdevoll. Er hegte einen tiefen Groll gegen das Publikum und gegen die Regierung, was auf seine Jugend zurückzuführen war: Während eines Priesterseminars hatte er seine Liebe für geistliche Lieder und die ukrainische Weihnacht entdeckt – bis zum Schluss hatte diese Liebe in ihm fortgelebt. Doch man gestattete ihm nicht, die Lieder öffentlich zu singen. Er nahm trotzdem eine Schallplatte mit Weihnachtsliedern auf. Später wurde die Auflage vernichtet. Ukrainische KGBler verspotteten ihn, sie hätten die Platten am liebsten mit ihren Stiefeln zertreten. Das aber war schon später, in den 1960er-Jahren.

Unter Stalin hatte Koslwoski die Rolle eines Hofsängers inne. Eines Tages rief man ihn nachts in den Kreml zu einem Festessen. Stalin wollte das berühmte georgische Volkslied „Suliko" hören. Koslowski aber beteuerte, er könne nicht singen, er habe Halsschmerzen und fürchte sich davor, seine Stimme zu verlieren. „Nun gut", entgegnete Stalin wohlwollend. „Dann soll Genosse Koslowski seine Stimme schonen. Er kann Beria und mir zuhören. Komm, Lawrenti, lass uns singen." Stalin und Beria erhoben sich und sangen für Koslwoski „Suliko", und das noch nicht einmal schlecht.

Seine aristokratische Natur und seine Genialität durchdrangen jede Faser

seines Körpers. Von Koslowski lernten sowjetische Bürger, wie man einen Frack zu tragen hatte. Er legte großen Wert auf seine Gesundheit: Regelmäßig spielte er Tennis und Volleyball. Bis zu seinem 75. Lebensjahr turnte er an den Ringen.

Jeden Abend besuchte er das Konservatorium – an einem der Sitze in der Direktorenloge des Großen Saals hat man nach seinem Tod eine Tafel mit der Aufschrift angebracht: „Hier hörte der große russische Sänger Iwan Semjonowitsch Koslowski Musik."

In seinem Innern war Koslowski jedoch zeitlebens gekränkt. Er war ein Star und fühlte sich als solcher. Dennoch war er, wie viele andere Menschen in der Sowjetunion auch, Verboten unterworfen. So war es ihm beispielsweise untersagt, im Westen aufzutreten. Er litt unter diesen Einschränkungen – doch wie zum Trotz überschritt sein Ruhm alle Grenzen und machte ihn weltbekannt.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland