Russlands größter Anarchist: Fürst Kropotkin

Bild: Natalja Michajlenko

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Der Vater des russischen Anarchismus, Pjotr Kropotkin (1842-1921) träumte von einer Welt ohne Gewalt und Herrschaft. Für ihn stellte die Gesellschaft eine freiwillige Zusammenarbeit freier Menschen dar – eine Idee, die heute nicht weniger aktuell ist als im 19. Jahrhundert.

Bei dem Wort Anarchie denkt man sofort an eine schwarze Flagge, einen Totenkopf vor gekreuzten Knochen, betrunkene Matrosen und alle möglichen Exzesse. In Kropotkins Worten und Schriften findet sich jedoch nichts davon. Er war ein Gelehrter und ein äußerst seriöser Mensch, der Gewalt zutiefst verabscheute.

Wie viele russische Revolutionäre des 19. Jahrhunderts wurde auch Kropotkin in einer reichen, adeligen Familie geboren und zählte somit zur Elite des Landes. Sein Vater, Fürst Alexei Kropotkin, verfügte über 1 000 Leibeigene, die auf seinen drei Ländereien arbeiteten. Pjotr Kropotkin genoss eine Ausbildung im Pagenkorps, die zur damaligen Zeit privilegierteste Militäreinrichtung Russlands. Nach seinem Abschluss wurde er zum persönlichen Kammerpagen des Zaren Alexander II. ernannt, wodurch ihm hervorragende Aussichten auf einen Generals- oder Ministerposten eröffnet wurden. 

Doch all dem kehrte der Fürst den Rücken. Er ging in die Revolution, las verbotene Literatur und wandte sich von seiner Karriere ab, indem er, anstatt seinen prestigeträchtigen Dienst in der Garde anzutreten, nach Sibirien fuhr. In seiner Zeit in Sibirien, in der er engen Kontakt zum Volk pflegte, entschied Kropotkin endgültig, dass alles Böse und Schlechte vom Staat ausging. Denn an jenen entlegenen Orten, die der lange Arm des Staates noch nicht erreicht hatte, waren die Menschen zwar arm, aber glücklich. Sie hatten ihre Kommunen nach dem Prinzip der Selbstverwaltung organisiert und kamen auch ohne Steuern und Beamte prächtig aus.


Im Ausland vertiefte Kropotkin seine Ideen

 Im Zuge seiner Reise in die Schweiz kam er in Kontakt mit der Genossenschaft der Uhrmacher, die ihn nachhaltig beeindruckte. Diese Genossenschaft unterstand keinem übergeordneten Organ und funktionierte dennoch sehr gut. Für Kropotkin stellte sie eine wahre anarchistische Kommune dar: eine Vereinigung von freien Menschen, die nicht aus Zwang arbeiteten, sondern aus eigenem Willen. In der Schweiz trat der russische Fürst dann auch der Ersten Internationale bei, zu deren Mitgliedern auch Karl Marx zählte. 

Kropotkin kehrte als überzeugter Revolutionär nach Russland zurück und widmete sich dort der revolutionären Propaganda. Er war ein geschickter Konspirant, der lange Zeit nicht gefasst werden konnte, obwohl die Polizei über seine Tätigkeiten bestens Bescheid wusste. Er war ein Meister der Tarnung, trat mal als Student, mal als Bauer auf. Zudem wechselte er sehr oft die Wohnungen, in denen er sich mit seinen Anhängern traf. Er betrat ein Haus als elegant gekleideter, junger Student mit Brille und verließ es als Bauer in Kattunhemd und groben Stiefeln. Seine Wandlungsfähigkeit war nahezu perfekt.

Schlussendlich wurde er dennoch verhaftet und in der Peter-und-Paul-Festung in Sankt Petersburg, einem der dunkelsten Gefängnisse Russlands, unter Arrest gestellt. Kropotkin verbrachte dort zwei Jahre, bevor er es schaffte, aus dem Gefängnis auszubrechen. Seine Flucht war einzigartig und konnte nur einem äußerst waghalsigen und verzweifelten Menschen gelingen.

Kropotkin verließ daraufhin Russland und setzte im Ausland seine gegen den Staat gerichteten Tätigkeiten fort. Der anarchistische Fürst, wie er auch

genannt wird, fand schnell viele Mitstreiter, die gemeinsam mit ihm eine Zeitung unter dem provokanten Namen „Le Révolté“ („Der Revoltierende“) herausgaben, sich der Propaganda widmeten und sogar Terroranschläge verübten. Kropotkin selbst hatte mit den Anschlägen zwar nichts zu tun, da er aber eine sehr exponierte und gleichsam eine etwas ominöse Persönlichkeit war, wurde er aus allen europäischen Ländern ausgewiesen und in Frankreich sogar zu fünf Jahren Haft verurteilt. Berühmte Persönlichkeiten wie Victor Hugo setzten sich nach der Verurteilung Kropotkins für seine Freilassung ein, woraufhin das Urteil auf drei Jahre verkürzt wurde – diese drei Jahre Haft musste er allerdings absitzen.

 


Der Bolschewismus wurde zum Feind

 Anarchisten verabscheuen jeglichen Staat, egal, ob er kapitalistisch oder sozialistisch ist. Als Kropotkin zur Zeit der Revolution nach Russland zurückkehrte, kam er in Konflikt mit den Bolschewiken. Den überzeugten Anarchisten erschrak die Brutalität, die von den Roten an den Tag gelegt wurde. Kropotkin war ein sanfter und gutherziger Mensch, der den roten Terror unter keinen Umständen gutheißen konnte. Anarchismus bedeutete eben für Kropotkin vor allem gegenseitige Hilfe und Solidarität, und in Russland herrschte damals ein Krieg, bei dem jeder gegen jeden kämpfte.
„Und dafür habe ich mein Leben lang an der Theorie der Anarchie gearbeitet!“, beklagte sich Kropotkin bei Plechanow, einem der treuesten Anhänger des Marxismus. Plechanow stimmte in das Gejammer ein: „Pjotr Alexejewitsch, ich bin in derselben Lage. Wenn ich gewusst hätte, dass meine Gedanken zum wissenschaftlichen Sozialismus zu einem solchen Alptraum führen würden!“

Kropotkin traf sich sogar mit Lenin, versuchte, diesen zur Vernunft zu bringen, und bat ihn, mit den Hinrichtungen aufzuhören. Dieser lachte ihn jedoch nur aus, war Kropotkin zu dieser Zeit doch bereits ein Niemand, den man nicht mehr ernst nahm. Selbst der berühmte Anarchist Nestor Machno, der Kropotkin verehrte, hielt seine Ideen für weltfremd und veraltet.

Als Fürst Kropotkin starb, würdigte ihn der Sowjetstaat als Kämpfer gegen den verfluchten Zarismus. Um ihn zu ehren, wurden Straßen und ganze

Städte nach ihm benannt. So taufte man im Zentrum Moskaus die Metrostation Kropotkinskaja nach ihm und widmete ihm sogar für einige Zeit ein Museum, das Kropotkin-Museum. Dieses wurde jedoch Ende der 1930er-Jahre wieder geschlossen. Auch seine Bücher wurden niemals veröffentlicht. Der Sowjetstaat hatte sich gefestigt und wurde immer mächtiger, wobei ihm die Ideen der Anarchie komplett fremd blieben.

Doch der Anarchismus ist eine erstaunlich hartnäckige Bewegung: Solange es Regierungen gibt, wird auch jemand gegen das von ihnen den Menschen auferlegte Joch kämpfen. Die berühmte Losung „Anarchie ist die Mutter der Ordnung“ ist nicht einmal so absurd, wenn man Anarchie so auffasst, wie Kropotkin es tat: als großartige Utopie und ideale Gesellschaftsstruktur, in der verantwortungsbewusste Menschen für das gegenseitige Wohlergehen einstehen. Eine Gesellschaftsform, die ohne Herrschaft, ohne Aufpasser und ohne Kontrolleure auskommt. Sie funktioniert einzig deswegen, weil sie von pflichtbewussten, guten Menschen getragen wird. Eine wunderbare Vorstellung, die nur als Utopie existiert. Der große Träumer Kropotkin glaubte jedoch daran, dass die Welt irgendwann einmal genau so sein werde.