„Meetings“ und „Putings“: Das neue politische Vokabular Russlands

Bild: Nijas Karim

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Ob „Putings“, „Rospil“ oder „Tandemokratija“ – wenn es um die Einkleidung politischer Ereignisse und Sachverhalte in Worte geht, legen Russen viel Kreativität und Humor an den Tag. Eine Auswahl.

Vor zwei Jahren fanden im Dezember in Moskau stark frequentierte Protestmeetings statt, welche den Beginn einer ganzen Protestbewegung markierten. Seitdem hat sich das moderne russische Politvokabular deutlich erweitert.

 

Symbolkraft: Die Farben der Opposition

Zum Symbol der Oppositionsbewegung wurde ein weißes Band, das sich die Teilnehmer der sogenannten „Meetings", der Protestversammlungen, an ihre Kleidung hefteten. Dieses Band verlieh ihnen nach kurzer Zeit den Namen „belolentotschniki" (zu Deutsch: „die ein weißes Band Tragenden").

In Zusammenhang mit diesem weißen Band fand 2012 eine Reihe symbolischer Aktionen, wie beispielsweise die Aktion „Weißer Ring", statt. Dabei versammelten sich unzählige Menschen mit ihren weißen Bändern entlang des „Gartenrings", einer Hauptstraße, die rund um das Stadtzentrum Moskaus verläuft und über 15 Kilometer lang ist. Die weiße Farbe des Bandes wird dabei zum einen mit Schnee und Winter und zum anderen mit Reinheit und Ehrlichkeit assoziiert, welche die Opposition von der Regierung fordert.

Mit der russischen Protestbewegung wird zudem noch eine weitere Farbe in Verbindung gebracht: Orange. Diese stammt von der prowestlichen „orangenen" Bewegung, die in der Ukraine vor einiger Zeit entstanden ist und die den russischen, prowestlich orientierten Oppositionellen den Beinamen „oranschisti" („die Orangen") einbrachten.

Das erste Protestmeeting fand damals direkt im Zentrum der Hauptstadt am Bolotnaja-Platz statt. Der Name des Platzes „Bolotnaja" erhielt dadurch eine neue Bedeutung und wurde zudem zu einem Metonym, denn es entstand die feste Wortverbindung „Bolotnaja-Bewegung". Zudem

entwickelte sich bereits kurz darauf ein Antonym zu diesem Wort: „Poklonnaja". Nachdem am Hügel Poklonnaja gora nämlich ein Alternativmeeting zur Unterstützung der Regierung stattfand, entstand das semantische Gegensatzpaar „Bolotnaja – Poklonnaja".

Die Bolotnaja-Bewegung zählte sehr viele Intellektuelle und Künstler zu ihren Anhängern, welche man unter dem Kompositum „kreatiwnij klass" („die kreative Klasse") zusammenfasste. Die Gegner der Belolentotschniki hingegen erhielten die etwas abwertende Bezeichnung „chomjatschki" („Hämsterchen"), wodurch man zum Ausdruck bringen wollte, dass sie nur Statisten in einer „von oben" dirigierten Szene waren. Die Teilnehmer der Poklonnaja-Meetings wurden zudem als „antschousy" („Sardinen") bezeichnet, wobei man darauf anspielte, dass sie unter Zwang von ihren Arbeitsplätzen in staatlichen Unternehmen abgeholt und in überfüllten Bussen, in denen sie wie Sardinen in der Dose zusammengepfercht waren, zu den Meetings gekarrt wurden.

 

Populäre Komposita

Kurze Zeit darauf war auch das Wortspiel „Puting" („Putin" + „Meeting") in aller Munde, wurde es doch zur Bezeichnung von Versammlungen verwendet, die zur Unterstützung Putins abgehalten wurden.

2013 entstanden darüber hinaus weitere Wortverbindungen, die nach dem Modell gebildet wurden, dass an den Familiennamen eines Politikers oder Abgeordneten die Endung „-ing" angehängt wurde. So bezeichnete man beispielsweise, nachdem die Abgeordnete Elena Misulina einen Gesetzesentwurf zum Verbot von Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen vorgebracht hatte, alle Aktionen und Protestkundgebungen in Zusammenhang mit dieser Initiative als „Misuling".

Vor etwa einem Jahr wurde das Kompositum „kreatiwnij klass" auf ein Wort – „kreakl" – verkürzt, das einen etwas ironischen Beigeschmack hat. Gleichsam wurden Wortspiele, die zwei Wörter in einem kombinieren, immer populärer. Als Wladimir Putin im Jahr 2008 durch Dmitri Medwedjew als Präsident abgelöst wurde und sich herausstellte, dass diese zwei Politiker als „Paar" zusammenarbeiten und in gewisser Hinsicht ein Tandem darstellen, entstand auf diese Weise das Wort „tandemokratija", welches sich aus „Tandem" und „Demokratie" zusammensetzt. Als der bekannte

französische Schauspieler Gérard Depardieu dann Anfang 2013 die russische Staatsbürgerschaft erhielt, nachdem er um „Steuerasyl" angesucht hatte, entstand eine weitere Wortneuschöpfung nach diesem Modell: das Verb „depardirowat", das aus den Wörtern „Depardieu" und „deportirowat" (zu Deutsch: „ausweisen") besteht.

Im modernen Russland ist Korruption vor allem unter hochrangigen Beamten immer noch eines der vordringlichsten Probleme. Budgetgelder, die der Umsetzung von großen Staatsprojekten gewidmet wurden, werden bis heute oftmals ineffizient verwendet und an Firmen weitergeleitet, an denen die für das Projekt zuständigen Beamten beteiligt sind. Zur Bezeichnung dieser Vorgänge, bei denen das Budget für ein Projekt nach eigenen Interessen neu verteilt wird, verwendet man in Russland das Wort „raspil", das ins Deutsche sinngemäß als „Veruntreuung" übersetzt werden kann. Alexej Nawalny, der Anführer der Bolotnaja-Bewegung, erlangte durch die Aufdeckung korrupter Staatsbeamte große Popularität. Informationen zu seiner Tätigkeit als Aufklärer stellte er dabei auf seiner Webseite zur Verfügung, die den Namen „Rospil" trug – ein Begriff der sich aus „Russland" und „Veruntreuung" zusammensetzt. Das Wort „Rospil" wurde im Jahr 2011 sogar zum „Wort des Jahres" gekürt.

 

Bedeutungen ins Gegenteil verkehrt

Die sozialpolitische Dynamik, die sich in den vergangenen 25 Jahren in Russland abzeichnete, führte dazu, dass viele politisch verwendete Wörter entweder eine andere Bedeutung erhielten oder diskreditiert wurden. So führten die „Demokraten", die 1991 die Kommunisten ablösten, in den 1990er-Jahren Reformen durch, welche eine starke soziale Trennung zur

Folge hatten und sich somit als antidemokratisch entpuppten. Das Wort „Demokraten" ruft daher bei der Mehrheit der Bevölkerung paradoxerweise negative Assoziationen hervor, wobei sogar eine relativ derbe Modifikation in der russischen Umgangssprache existiert: „dermokraty" – das russische Wort „dermo" bedeutet hier zu Deutsch „Scheiße". Andererseits sind die Kommunisten, deren theoretisches Fundament eigentlich der Internationalismus sein sollte, im modernen Russland meist Nationalisten oder Konservative. In keinerlei Hinsicht sind sie Revolutionäre, obwohl sie in ihren Reden die Ideale Lenins, dem Zerstörer des alten Russlands, bewahren.

Alte Wörter erhalten neue Bedeutungen und neue Wörter entstehen. Das heutige Politvokabular befindet sich – wie auch das ganze Land – in einem ständigen Wandel und einer ständigen Entwicklung.

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