Es brennt!

Anfang Dezember wurde RIA Novosti liquidiert. Die Russland-HEUTE-Bloggerin Adele erzählt über "die guten alten Zeiten" der russischen Nachrichtenagentur.

Mit dem Ruf wetzten wir vor genau zehn Jahren, am ersten Tag des alten neuen Jahres, über die Gänge der Nachrichtenagentur RIA Novosti. Innerhalb kürzester Zeit stand unsere sechste Etage in Flammen und es zogen giftige Rauchschwaden umher. Da es Zeit war, nach Hause zu gehen, war ich kurz mit Kaffeetasse, Spülmittel und Schwamm unterwegs in Richtung Spülküche, als Fenster splitterten und Rauchwolken aus dem Nachbarbüro quollen. Den Weg zurück fand ich schon nicht mehr. Die Hand vor Augen war nicht zu sehen.

Die Kollegen strömten aus und warnten die abgelegenen Gänge, um sie zum sofortigen Verlassen des Gebäudes zu überreden. Diese hielten das für einen Neujahrsscherz und blieben seelenruhig sitzen. Die Gänge waren sehr weitläufig, das Gebäude war für die Olympiade 1980 als Pressezentrum gebaut worden. Nach der Olympiade zog APN, sozusagen der Vorläufer von RIA, dort ein. Böse Zungen behaupten, der Architekt habe zuvor ein Gefängnis entworfen und gebaut. So ließen sich die umlaufenden Gänge und der Innenhof erklären.

Letztendlich konnten auch die Wachleute, die zahlreich im Gebäude verstreut über uns wachten, die Mitarbeiter zum Verlassen animieren. Es brannte schon lichterloh und stank erbärmlich. Gerade war unser Gang fertig renoviert worden, neue Kunststoffsessel, Computer, Schreibtische aus was weiß ich für Material glimmten, schwelten und qualmten vor sich hin. Notausgang? Fehlanzeige. Die Sicherheitsmanie ließ uns gegen verschlossene Türen laufen, schon leicht in Panik geratend. Als wir dann endlich eine nach unten führende Treppe gefunden hatten und aufatmeten, standen wir kurze Zeit später wieder vor einem verriegelten Gitter.

Ein Mitarbeiter der Hausverwaltung fand dann doch ein Schlupfloch und wir gelangten ins Freie. Die Feuerwehrleute wollten uns im Hof zusammen halten, aber es war sehr kalt und wir hatten die Mäntel zurück gelassen. Zusammen mit meinen englischen und amerikanischen Kollegen konnten wir in die weiträumige Kantine entweichen. Als wir sahen, dass dort ein Serviermädchen selenruhig die Folien von kalten Platten abzieht und einen langen Tisch eindeckt, fanden wir, dass es nicht so schlimm sein kann und wir ein Bier verdient hätten. Die Geldbörsen hatten wir natürlich auch nicht dabei, also beantragten wir einen Blitzkredit bei der Büffetdame und bekamen ihn auch.

Verschmiert und nach Rauch stinkend genossen wir das Bier, als ob es teurer guter Wein wäre. Dave, der Ami, ruckelte unruhig hin und her. Er sorgte sich um sein Ticket und den Pass mit dem neuen Visum, denn er sollte am übernächsten Tag in die Staaten reisen. Unsere Papiere lagen auch oben, aber wir hatten keine Reisen vor, deshalb blieben wir gelassen. Dave hat ein paar Mal versucht, bis in den sechsten Stock zu gelangen, wurde aber jedes Mal von den Feuerwehrleuten fluchend verscheucht.

Endlich durften wir nach oben. Schwarze Brühe floss träge über die Gänge. Alles lag unter einer nassen Schicht aus Ruß, Staub und Flüssigkeit. Mantel und Tasche im Schrank sahen auf den ersten Blick unversehrt aus, stanken aber mörderisch. Einige meiner deutschen Freunde arbeiteten gegenüber von RIA. Sie hatten die schwarzen Qualmwolken beobachtet und Wetten abgeschlossen, was da passiert sei und ob wir alle da heil heraus kämen. Sie luden mich großzügig in unsere damalige Stammkneipe, die den passenden Namen „Anekdote" trug, was soviel wie Witz heißt, ein .

Die kaukasischen Inhaber kannten uns gut, warfen uns an diesem Abend aber scheele Blicke zu, weil ich in kürzester Zeit mit dem Brandgeruch den ganzen Raum verpestet hatte. Mich haben sie auch später in der Metro misstrauisch beäugt und beschnüffelt.

Wie konnte es zum Brand kommen? Zwei sehr nette Kollegen fanden es störend, dass sie nach der Renovierung nicht mehr im Büro rauchen durften, sondern die Raucherecken aufsuchen sollten. Das war wohl ihrer

Kreativität hinderlich, deshalb bastelten sie sich Aschenbecher aus Papier, drehten eine Tüte und aschten da hinein. Diese fragwürdigen Behältnisse mit mehr oder weniger kalten Ascheresten warfen sie in den Papierkorb, der unterm Lichtschalter stand.

Beide waren längere Zeit nicht im Zimmer, im Papierkorb schwelte es. Dann öffnete einer die Tür, eine Stichflamme schlug hoch und das Feuer lief an der elektrischen Leitung zu den Steckdosen und zwangsläufig zu den Computern. Die Fensterscheibe ging zu Bruch, das Feuer erhielt frische Nahrung und ab ging die Post! So schnell kann es gehen.

Viele der Ehemaligen erinnern sich an das Feuer und das Nomadenleben innerhalb des Gebäudes nach dem Brand, erzählen es sich wie eine Geschichte aus guten alten Zeiten, denn sie wissen nicht, was kommt. Immerhin hat der Präsident Anfang Dezember die Agentur liquidiert.