Schapki und Walenki – nicht tot zu kriegen

Foto: AFP/East News

Foto: AFP/East News

Wider Erwarten ist es Mitte Januar in Moskau doch noch Winter geworden. Adele erzählt wie man sich in der kalten Jahreszeit in Russland kleidet.

Wider Erwarten ist es Mitte Januar in Moskau doch noch Winter geworden. Wenn wir vor einigen Jahren noch das Vergnügen hatten, ab November winterlichen Freuden frönen zu können, müssen wir uns nun mit Brosamen des schwächelnden Winters begnügen. Er spielt neuerdings im späten Frühling gerne mit den Muskeln und bedroht die aufkeimenden Frühlingsgefühle.

Selbst in der Neujahrsnacht fanden wir kaum Schneereste, wo wir die Raketen hinein stecken konnten. Die Menschen kleideten sich konfus, mischten Übergangskleidung mit winterlichen Elementen. Heutzutage geht das, denn die Kleiderschränke sind gut gefüllt. In fernen Sowjetzeiten war dem nicht so. Da hier Frühling und Herbst aufgrund des kontinentalen Klimas relativ kurz sind, wurde dafür auch nicht viel Kleidung erstanden. Für Übergangswetter war die Auswahl also nicht groß.

Ich habe einmal in den reifen siebziger Jahren, als es einen regnerischen und kühlen August gab, eine Frau im Pelzmantel, unter dem nackte Beine in Pantoletten hervor lugten, gesehen. Auf meine eindeutig ungläubigen Blicke reagierte sie sehr offen und erklärte mir ohne Umschweife, dass sie ihren Anorak ihrer Tochter geliehen hätte, die gerade eine Ausfahrt machte. Sie war ja auch nur kurz mal Brot holen gegangen.

Auf den Dörfern, die damals noch besiedelt waren, war die Modezeituhr nach dem Krieg so gut wie stehen geblieben. Die Männer trugen ihre Anzüge auf, die Frauen zogen sich bei der schweren Landarbeit die Steppwesten, wie wir sie aus Kriegsfilmen kennen und die hier Fufaiki genannt werden, über und knoteten ein Kopftuch über den Haaren zusammen, auf diese Weise graumäusig und geschlechtslos werdend.

Wenn sie in die Kreisstadt fahren wollten, zogen sie sich den geräumigen Wintermantel mit Raglanärmeln und einem Pelzkragen an und setzten ihre zeitlose Pelzmütze auf. Das war auch so eine Art Uniformiertheit. Weil die Busse nicht sehr regelmäßig fuhren und sie eventuell länger an der Haltestelle stehen mussten, brauchte es warme Schuhe. Nichts kann ordentliche Walenki ersetzten, aus purer Schafwolle gewalkte Filzstiefel, die ganz und gar aus Filz bestehen. Taute es, wurden Galoschi aus Gummi darüber gezogen, um die Wollsohle nicht der Nässe auszusetzen. Die Männer und die Kinder liefen auch in Walenki umher, den Kopf schützten sie mit einer Schapka-Uschanka, so heißen die Wintermützen mit den Ohrenschützern, die man auch, wenn es wärmer ist, über den Ohren zusammen binden kann.

Auch in den Städten dominierten die Schapki und die Mäntel mit Pelzkragen. Wer etwas besser gestellt war, zeigte sich im Pelzmantel. Kaninchen, Karakul, Biber, Fuchs oder gar Nerz zeugten vom verschiedenen Wohlstand der Trägerinnen. Betuchte Herren und Damen

trugen auch ihre Lammfell gefütterten Rauledermäntel zur Schau, die man ebenfalls nur mit Beziehungen oder mit etwas Glück bekommen konnte. Da verzichtete man weitestgehend auf die wärmenden Walenki und zeigte Modebewusstsein. Moderne Stiefel waren der Renner, die man ebenfalls mit Beziehungen ergattern konnte. Diese Wintermodetrends hielten unvermindert an, bis das große Sowjetreich auseinanderbrach. In den wirren und wirtschaftlich schweren Jahren trug man alles auf, was der Kleiderschrank oder die Truhen in den dörflichen Häuschen hergaben. Den Wintereinbruch konnte man übrigens in den öffentlichen Verkehrsmitteln geradezu riechen. Wenn die warmen Sachen hervor geholt wurden, roch es auffallend nach Naphtalin. Dieses bewährte Mittel gegen gefräßige Motten wurde in Kugeln zwischen die Kleidung gelegt, während sie auf den Winter wartete.

Jetzt lassen es die Mode bewussten Städter, allen voran die Moskowiter, im Winter richtig krachen. Nerze in allen Schattierungen und Formen und mit natürlichem Fell gefütterte Mäntel schmücken die Trägerinnen, Stiefel mit

Highheels unterstreichen das märchenhafte Bild. Unbemerkt eroberten sich die Walenki und die Schapki das Terrain zurück. Besonders junge Frauen, vor allem Studentinnen, schwören wieder auf die Walenki, die es heute in allen Farben und mit Ornamenten bestickt gibt. Die Gummigaloschen braucht es nicht mehr, denn die Stiefel haben eine wasserdichte Sohle. Dazu gibt es die passenden Taschen aus gewalkter Schafwolle und fertig ist das modische Ensemble. Besonders schön finde ich die Miniwalenki für Kleinkinder, die aus den Kinderwagen hervorgucken. Diese Kinder haben garantiert keine kalten Füße!

Die traditionellen Schapki, also die Pelzmützen, feiern dank pfiffiger Designer ebenfalls fröhliche Urständ. Die Suche nach den Wurzeln und nach einer nationalen Idee kann durchaus auf diesem interessanten Wege beginnen! Es muss nur noch eine Weile richtiger Winter bleiben.