Einfach kann jeder!

Foto: ITAR-TASS

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"Während die Deutschen lieber frieren oder sich zu Hause dick einmummeln, um Heizkosten zu sparen, werden die Russen langsam gegart und laufen in Shorts und Tshirt zu Hause herum".

Das trifft hier auf beinahe alles zu, was uns umgibt oder was zu erledigen ist. Als ob die großen bürokratischen Schwierigkeiten nicht genug wären! Jeder hat hier etwas in petto, um seinen Mitmenschen das Leben schwer zu machen.

Nehmen wir doch einfach mal die Wasseruhren. Immerhin kommt man jetzt hier drauf, dass Wasseruhren eingebaut werden müssen. Die energiebewussten Deutschen wundern sich sicher sehr, dass es so etwas nicht schon immer hier gibt. Bisher wurde der Wasserverbrauch pauschal berechnet und verschaffte so den Wohnungsverwaltern goldene und diamantene Nasen. Die Bürger wurden arg zur Kasse gebeten, denn man berechnete ihnen Wassermengen, die nicht zu verbrauchen waren, selbst bei permanent laufenden Wasserhähnen und mehreren Wannenbädern pro Tag. Grünes Denken sieht wahrlich anders aus.

Nun will man also alle dazu verdonnern, Wasseruhren einzubauen, auf eigene Kosten natürlich. Da freuen sich alle korrupten Beamtenseelen und Wohnungsverwalter, denn sie haben verschiedene Fallen eingebaut, die ihre Bereicherung garantieren. In manchen Landstrichen dürfen nur Wasserzähler von bestimmten Herstellern eingebaut werden. Diese Herren und Damen Hersteller zählen zum engeren Kreis der Beamten, sind Schwiegereltern oder andere Verwandte. Schließlich soll die Kohle ja in der Familie bleiben.

Aber der Spaß geht noch weiter. Nach einer bestimmten Zeit, das wird willkürlich festgelegt und kann zwischen einem und fünf Jahren dauern, muss der Zähler von einem Fachmann oder was man dafür hält ausgebaut und zur Wartung gebracht werden. Da ist nicht immer klar, wohin man das Gerät bringen soll. Die Wartung, bitte festhalten, dauert ungefähr einen Monat, eher länger. In dieser Zeit müssen wieder die astronomischen Tarife, die aus der Berechnung der Wohnungsverwalter stammen, gezahlt werden. Die Ärmsten wollen doch keine Hungerödeme bekommen, wenn der Goldregen so plötzlich aufhört.

Einen Quelle haben sie ja noch, die Heizkosten. Während die Deutschen lieber frieren oder sich zu Hause dick einmummeln, um Heizkosten zu sparen, werden die Russen langsam gegart und laufen in Shorts und Tshirt zu Hause herum. In den meisten Wohnungen gibt es nicht mal ein Ventil, um die Heizung abzustellen geschweige denn ein Messgerät an den Heizkörpern. Die Wohnraumtemperatur wird über das Fenster geregelt. Wird es zu heftig und die Außentemperaturen liegen im normalen Minusbereich, werden die Fenster weit geöffnet und die Umwelt ein wenig mit beheizt. Das tun wir hier auch so, denn die Wärmeisolierung der Wohnhäuser älteren Datums ist eher dürftig. Dafür streben alle nach Verbundfenstern, die relativ dicht halten und den natürlichen Wärmeabfluss wie in früheren Zeiten verhindern.

Wer noch die guten alten Holzfenster mit dem kleinen Fensterchen in der oberen Ecke, der so genannten Fortochka in der Wohnung hat, kommt hier seltener ins Schwitzen, denn diese Fenster sorgen auch im geschlossenen Zustand für Frischluftzufuhr.

Um die Kaltluft draußen zu lassen, muss man findig sein. Aus Mehl wird ein Kleister angerührt, mit dem Papierstreifen auf Fensterrahmen und Ritzen geklebt werden. In den frühen 90gern kamen dann selbst klebende Streifen

in Mode. Aber die Omis halten an ihren alten Prozeduren fest und rühren den Kleister an. Dann ist das Fenster den ganzen Winter lang zu und kann nicht geöffnet werden. Nur die kleine Fortochka geht zu öffnen, um nicht an einem Duftschock zugrunde zu gehen. Aber erfroren ist schon mancher, erstunken hat noch keinen. Im Frühjahr, meist zu Ostern, am Gründonnerstag, der hier der saubere Donnerstag heißt, werden die Klebebänder entfernt und die Fenster vom Winterdreck sauber geschrubbt.

Mit der zunehmenden behördlich angeordneter Jagd auf die Raucher, wo diese eigentlich nur noch zu Hause ungestört und ohne keifende Angriffe rauchen können, erweisen sich plötzlich dicht schließende Fenster als ein Minus, denn der Rauch kann nicht abziehen. Und wer will schon bei Temperaturen um die minus 20 im Hausanzug auf dem Balkon festfrieren.

Im Zuge der hermetischen Abriegelung des Winterspielortes Sotschi setzt man noch einen drauf im Erschweren des Lebens. Keinerlei Flüssigkeit darf im Handgepäck der Fluggäste sein, auch keine Augentropfen oder Babynahrung. Terrorismusgefahr allüberall! Vorauseilend gehorsame Beamte konfiszierten sogar Lippenstifte, weil die ja ihrer Meinung nach auch Wasser enthalten. Ja was machen wir denn da mit den Passagieren selbst? Die bestehen doch auch zum größten Teil aus Wasser. Lassen wir sie doch einfach daheim. Die stören ja eh nur!

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