Winter mal so, mal so!

Foto: AP

Foto: AP

Adele betrachtet den russischen Winter aus verschiedenen Perspektiven und an verschiedenen Orten.

In den ersten Wochen des neuen Jahres konnte ich Gott sei Dank den Winter aus verschiedenen Perspektiven und an verschiedenen Orten betrachten. Moskau hat er zwar auch beehrt, aber da kommt er ja nicht zum Zuge, denn er wird mit ätzenden Chemikalien mundtot gemacht und seiner weißen Schönheit beraubt. Auf des Hechtes Geheiß, wie es so schön im Märchen heißt, oder auf Anordnung übereifriger kommunaler Beamter, wird die Stadt regelrecht zugeschüttet mit Chemikalien, um dem Winter zu Leibe zu rücken.

Bevor der erste Schnee fiel, hauten freundlich lächelnde Gastarbeiter körnige Chemie auf die Gehwege. Auch als der Schnee gefallen war und sich in eine eklige schwarze Brühe verwandelt hatte, die Schuhwerk und Atemwege gleichermaßen attackiert, gab man keine Ruhe. Eine Woche ohne Schneefall war kein hinreichender Grund, die Chemiebehälter geschlossen zu halten.

In den Innenhöfen schippen die in exotischer Sprache vor sich hin zwitschernden Gastarbeiter den mit Chemie getränkten Schnee auf die Grünflächen und Kinderspielplätze, der Vegetation im kommenden Frühling gnadenlos den Kampf ansagend und die zarte Haut und die Atemwege der Kleinen nicht schonend.

Sogar im nahe gelegenen Park, der mit seinen Quellen und Teichen ganzjährig zum Bummeln und Sporttreiben einlädt, wird der weißen Pracht der dicke kommunale Daumen gezeigt. Von kleinen wendigen Streufahrzeugen aus knallen Parkwächter grobkörnigen Sand auf die Hauptwege, von unseren lautstarken Protesten unangefochten. Langläufer, die den modernen Schlittschuhstil bevorzugen, machen lange Gesichter. Ihnen sind die breiteren Wege vorbehalten. Auch die Mütter und Großmütter, die dem Nachwuchs zu roten Bäckchen verhelfen, indem sie sie gut eingemummelt auf Schlitten durch den Park ziehen, müssen wohl oder übel über den Sand schmirgeln. Selbst die auf althergebrachte Weise Langlaufenden verfluchen das sinnlose Gestreue, weil sie die Schneisen hin und wieder überqueren müssen. Um die Bretter nicht zu zerkratzen, steigen sie wie schwangere Elstern über den Sand.

Wie schön weiß erlebte ich den Winter in Togliatti an der Wolga und in Kirow, rund 800 Kilometer östlich von Moskau. Gehwege und Straßen sind geräumt, ohne sie mit Chemikalien hinzurichten. Die Autos fuhren in aller

Ruhe und die Passanten gingen ohne reihenweise zu fallen über Gehwege und Pfade. Trotz grimmiger Kälte ging das Leben seinen gewohnten Gang. Ich wurde in beiden Städten von jungen Frauen umsichtig und ruhig über die schneebedeckten Pisten gefahren. Können das etwa die Moskauer nicht? Brauchen sie für die deutlich zu hörenden teuren Spikesreifen schneelosen Asphalt? Das wage ich zu bezweifeln!

Fast ein Jahr war vergangen, seit ich das letzte Mal in Togliatti und Kirow weilte. Obwohl alle im persönlichen Gespräch jammern und klagen, hat sich das Business der Mittelständler, die ich besuchte, gut entwickelt. Bei allen Versuchen, den Klein- und Mittelstand zu melken und zu würgen, halten sie sich tapfer und begegnen den ausgelegten Fallen mit List und Findigkeit. Der Mitarbeiterbestand ist auch recht stabil geblieben, die Fluktuation hält sich in Grenzen. Und trotzdem scheint es, als ob die Ruhe trügerisch ist. Mit einem unguten Gefühl verfolgen die Unternehmer und Finanzbuchhalter den Rubelverfall der letzten Tage. Sie kaufen europäische Markenartikel und müssen sich am Eurokurs orientieren. Sie haben auch alle noch den schwarzen August 1998 vor Augen, als an einem Tag im August der Dollar am Morgen sechs Rubel kostete und am Abend zwanzig. Damals redete man noch von Schocktherapie, von der sich einige Unternehmen nie, andere erst nach einigen Jahren erholt haben. Jetzt haut man in eine andere Kerbe, die nicht weniger verwerflich ist. Der Rubel verfällt nicht, der Dollar wächst eben gerade mal. Und die Lebenshaltungskosten steigen,

ebenfalls aus fadenscheinigen Gründen. Fieberhaft wird an Ablenkungsmanövern gebastelt. Da ist alles Recht. Sei es die Krebserkrankung einer gut betuchten Schlagerdame, für deren Behandlung der erste Fernsehkanal flugs Geld sammelte, was zynisch gegenüber den namenlosen Krebs kranken Kindern ist. Hilfsfonds kämpfen gegen Windmühlen. Aber es gibt genug, die im Unterschichtenfernsehen das Schlagergehupfe anschauen und in den sozialen Netzen vor Mitleid um die erkrankte Diva zerfließen.

Ein weiteres Thema ist das Drehen an der Uhr, Sommer- und Winterzeit, ja oder nein. Ein Dauerbrenner unter den Ablenkungsthemen. Klammheimlich zieht man den Zeitgürtel landesweit enger, verringert künstlich die Zeitzonen, dabei Unwohlsein und Erkrankung der gebeutelten Bewohner locker in Kauf nehmend. Jetzt kommt erst einmal die Olympiade in Sotschi, auf die Zeit danach darf man mehr als gespannt sein.