Im Olympiadorf sind meine Nachbarn aus der ganzen Welt

Foto: Michail Mokruschin/RIA Novosti

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Nina Orlowa ist eine der russischen Freiwilligen der Spiele in Sotschi. Unter einem geänderten Namen wird sie einen exklusiven Blog für Russland HEUTE schreiben. Mit ihr werden Sie Olympia aus nächster Nähe erleben.

Viele erzählen, dass sie nach Sotschi gekommen sind, weil das Schicksal es so gewollt hat. Meine Geschichte beginnt auf ähnliche Weise. Die Olympischen Spiele waren schon immer etwas Großartiges für mich und ich klebte im Zweijahresabstand, mal im Winter, mal im Sommer wochenlang vor dem Fernseher fest. Gleichzeitig erschienen mir die Spiele als etwas vollkommen Unerreichbares, deshalb hatte ich auch nicht wirklich etwas erwartet, als ich den Freiwilligenantrag für Sotschi stellte.

Doch die erste Auswahletappe überstand ich, ihr folgten Sprachprüfungen, IQ-Tests und weitere unzählige Prüfungen, Live-Trainings und Lehrkurse im Internet. Schließlich kam der ersehnte Brief, in dem stand, dass Sotschi mir sein Jawort gibt. Zeit, die Koffer zu packen und sich auf den Weg zu machen.

Ich saß im Flugzeug als mir auffiel, dass ich erst jetzt, wo die ersten Bergspitzen im Fenster sichtbar wurden, richtig an die Realität dessen glaubte, was mit mir passierte. Die Olympischen Spiele sind vermutlich eines der wenigen Ereignisse, die wahrhaftig alle Völker der Welt vereinen. Und ich werde Teil dieses Riesenereignisses sein. Ich könnte mich selbst beneiden.

Aus dem einen Flugzeugfenster sieht man die weißen Kaukasusgipfel und unter dem anderen erstreckt sich das azurblaue Meer. Ein Anblick, mit dem die Poster für Sotschi 2014 werben. Diese Landschaft empfängt alle, die am Flughafen der Olympiastadt ankommen. Die warme und sanfte Sonne, freundliche Gesichter, die bereits bekannte, farbenfrohe Olympia-Symbolik und eine fröhliche Aufregung um dich herum – du verstehst sofort, dass du inmitten des Geschehens bist.

Im Freiwilligendorf am Meeresufer ist das Leben am Brodeln. Alles ist in Bewegung und diese hört, wie es aussieht, nicht für eine Minute auf. Das ist eine wahre Stadt, die sich wie Efeu am Ufer entlang vom Olympiapark in Richtung Osten, zur Grenze mit Abchasien, erstreckt.

Laute Grüppchen von jungen Leuten in farbenfroher Uniform laufen hin und her. Auf den Balkonen der bequemen, niedrigen Häuschen kann man mal hier, mal da Fahnen verschiedener Länder wehen sehen, hier die deutsche, dort die englische, da die französische: In diesen Wohnungen leben ausländische Freiwillige. Von überallher hört man Gespräche in verschiedenen Sprachen schallen. In den Eingangshallen der Häuser hängen Anschlagbretter, wo man auf bunten Zetteln Partner für Brettspiele

sucht, zu Versammlungen einlädt, Interessensgesellschaften bildet oder einfach nur seine Emotionen mit lustigen Bildern aus Einsatzschichten oder Mußestunden teilt.

Von der Haltestelle fahren ununterbrochen Busse ab, die die laute Menge der Freiwilligen in alle Ecken des Urlaubsortes bringen. Dort eilt jemand von seiner Schicht zurück und bespricht die letzten Nachrichten und Emotionen mit seinen neuen Freunden, ein anderer fährt gerade erst zu seinem Objekt los und manche fahren zum ersten Mal in den Olympiapark und die Umgebung.

Die erste Aufgabe der Neuankömmlinge nach ihrer Einquartierung ist der Erhalt der Akkreditierung und der Uniform. Ein wenig Geduld bei den in unserem Land so typischen unendlichen Schlangen, ein bisschen Ruhe und Freundlichkeit und die Aufgabe ist schnell erledigt. Vor uns liegt ein neuer Tag, eine neue Chance, den Olympiapark mit anderen Augen zu betrachten, um seine Schönheit angemessen zu würdigen, nicht nur vom Ende einer Warteschlange aus oder auf dem Weg in die nächste. Neue Emotionen und neue Freunde erwarten uns. Auf uns warten die Olympischen Spiele.

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