Pelmeni und Sauerkraut passen offensichtlich doch zusammen

Foto: Adele Sauer

Foto: Adele Sauer

Adele stellt in Moskau Ihr Buch „Pelmeni und Sauerkraut. Kein Kochbuch" vor.

Vor jeder Livesendung jeden Freitag plagt mich natürlich das Lampenfieber. Und nicht zu knapp. Aber vor meinen Studiogästen versuche ich das gekonnt zu verbergen, um ihre Aufregung nicht noch schlimmer zu machen. Wenn die rote Lampe am Mikro aufleuchtet, gibt es keine Gnade. Und auf der Stelle ist das Lampenfieber wie weg geblasen.

Vergangene Woche suchte mich aber ein viel größeres Lampenfieber heim. Ich hatte zugestimmt, im Moskauer deutsch-russischen Haus, das vor kurzem übrigens seinen 15. Geburtstag nach allen Regeln der Feierkunst beging, mein Buch, welches im Herbst erschienen ist, der geneigten Leserschaft vorzustellen. Na, dachte ich mir so, wer soll denn da kommen. Das Buch ist in Deutsch, wen juckt es also.

Zu meiner großen Freude waren Landsleute und Russlanddeutsche der Einladung gefolgt. Als ich sah, wie die Hörer in den Saal kamen, wäre ich am liebsten geflitzt. Aufgeregt tigerte ich in der Küche hin und her. Ich hatte mir nämlich gedacht, dass der Buchtitel dargestellt werden müsse. Das Buch heißt „Pelmeni und Sauerkraut. Kein Kochbuch" Untertitel: Russischer Alltag mit Humor gefiltert.

Pelmeni selbst anzufertigen hätte unseren zeitlichen Rahmen gesprengt, also kauften wir sie auf dem Markt da, wo sie am besten aussahen. Einen Teil des Plans hätten wir also schon. Blieb nur noch richtiges Sauerkraut zuzubereiten. Gewürze, Speck und schon konnte es losgehen. Der Duft zog durchs ganze Haus. Einen Tag blieb die Köstlichkeit stehen, denn Kraut ist ja bekannt schmackhafter, wenn es wieder aufgewärmt wird. Ich war mir nicht sicher, ob die Wachleute, die nächtens alleine bleiben mit dem großen Topfe voller Kraut, der Versuchung widerstehen können. Sie hatten so verschiedene Andeutungen gemacht.

Zum Aufwärmen stellten die Gäste Fragen quer Beet, hießen mich ins Nähkästchen greifen und wollten meine Meinung zu politischen und kulturellen Ereignissen wissen. Da musste ich erstens genau hin hören und zweitens meine Gedanken zusammen nehmen.

Ich habe mich über die jungen Besucher gefreut, die zu einer Veranstaltung der Russlanddeutschen in Moskau zusammen gekommen waren und trotz Kälte und vom Zentrum entfernter Unterbringung den Weg ins DRH gefunden hatten. Ihre Fragen haben mir besonders gut gefallen.

In der Pause gab es dann die Kostproben der anerkannten kulinarischen Highlights Pelmeni und Sauerkraut. Sie koexistierten dann am Ende sogar zusammen auf einem Teller, wurden munter miteinander vermischt, nachdem sie anfänglich jeder für sich einen Teller beansprucht hatten. Ich erkläre den ungewöhnlichen Buchtitel stets so, dass beide Gerichte in ihren Heimatländern anerkannte Spezialitäten sind, aber zusammen nicht so recht harmonieren. Damit will ich mit einem Augenzwinkern auf die unterschiedliche Denke von Deutschen und Russen hinweisen, die meinen Alltag nun schon viele Jahre begleitet, zu kuriosen Zwischenfällen führt und manchmal unüberwindliche Hindernisse aufbaut.

Zu meiner großen Verwunderung putzten die lieben Zuhörer alles ratzekahl leer und fanden, so abwegig ist diese kulinarische Verbindung gar nicht. Wollten sie etwa meinen Buchtitel widerlegen?

Dazu reichten wir Tee, was natürlich von den Männern auf der Stelle beanstandet wurde. Wodka wollten wir aber lieber nicht ins Spiel bringen, weil er möglicherweise das Bild verzerrt hätte. Und außerdem kauft man ja

nie genug vom guten Wässerchen, es muss immer welcher nachgekauft werden. Den Genuss eines echten russischen Wodkas konnten sie ja zu Hause nachholen.

Ich las ein paar von den über achtzig Kurzgeschichten und war sehr berührt , wie sie aufgenommen wurde, Danach forderten einige aktive Gäste sofort die umgehende Übersetzung ins Russische und schicken mir Kontakte von Übersetzern und Verlagen. Das war so nicht geplant, aber ich werde darüber nachdenken. Ist doch sicher interessant, meine Pelmeni-und-Sauerkraut-Theorie in dem Lande zu testen, über das ich geschrieben habe.

Bei allen Problemen und dem Unwetter, was sich zusammenbraut, ist es doch ein schönes Gefühl, Vermittler zwischen den Welten, Botschafter und Multiplikator zu sein. Wo denn mein Zuhause sei, wurde ich gefragt. Bin ich in Russland und reise gern Deutschland, fahre ich selbstverständlich nach Hause. Packe ich dann dort wieder meine Koffer für die Rückreise, geht es für mich auch wieder nach Hause. Ist doch logisch, oder?