Frühling in Sotschi

Auch wenn man es im Fernsehen nicht sieht: Es liegt kein natürlicher Schnee auf den Bergen bei Sotschi. Foto: Michail Mordassow

Auch wenn man es im Fernsehen nicht sieht: Es liegt kein natürlicher Schnee auf den Bergen bei Sotschi. Foto: Michail Mordassow

Der milde Winter macht den Veranstaltern und damit den Freiwilligen das Ausrichten der Olympischen Spiele schwer. Natürlichen Schnee gibt es nicht.

Was uns besonders erfreut, ist das Wetter. Es scheint, als habe die Natur beschlossen, die Olympischen Spiele zu einer besonders schönen Veranstaltung zu machen – ganz ohne Regen und mit angenehmen Temperaturen.

Wenn man frühmorgens unten im sogenannten Ufercluster das Haus verlässt und feuchte Meeresluft einatmet, bekommt man das Gefühl, heute sei ein kühler Morgen im Mai. Sogar die Gerüche erinnern an den Spätfrühling. Mittags kann man problemlos ohne Jacke herumlaufen, ohne dass man friert oder Angst haben müsste, sich eine Erkältung einzufangen.

Dadurch entsteht ein seltsames Gefühl: Der Organismus versteht nicht, was für eine Jahreszeit wir jetzt haben. Es ist Februar, aber es fühlt sich an wie Mai. Allerdings machen sich die müden und schlecht ausgeschlafenen Freiwilligen ohnehin keine Gedanken über kalendarische oder faktische Monatsangaben. Sie gehen zuversichtlich in die Mensa, gekleidet allein in leichten Pyjamas und Hausschuhen ohne Socken.

Auch in den Bergen ist es warm und angenehm. Nur gegen Abend beginnt man wegen der Kühle in den Bergen zu frieren, aber während des Tages liegen die Temperaturen im Tal bei etwa zehn Grad Celsius. In den Stadien ist dieses bewundernswert milde Wetter ein netter Zusatz zu einem eigenartigen Flair, aber in den Bergen sorgt es für Probleme für die Veranstalter der Olympischen Spiele: Es ist schwer, die erforderliche Schneekonsistenz im Stadion fürs Skilaufen und in den Bergen für den Biathlon beizubehalten. Meine Kollegen, die im Bergcluster arbeiten, erzählen seufzend, dass man sich bis zur letzten Sekunde vor Beginn des Rennens Sorgen um den Bahnzustand mache. Und während der Pressekonferenz drücke man die Daumen und bete dafür, dass es möglichst wenige Beschwerden über breiartigen Schnee gibt. So ganz ohne Beschwerden geht es natürlich nicht, man kann es unmöglich allen recht machen, aber unsere Techniker und Chemiker arbeiten Tag und Nacht am Schnee.

Die Sprungschanze fürs Skispringen und die Nordische Kombination liegt nicht so tief in den Bergen, deswegen trifft man auch hier auf eine schwere Wetterlage. Um die Sprungschanze herum gibt es keinen Schnee. Man sieht so etwas im Fernsehen nicht, aber die schneelose Landschaft sieht wirklich seltsam aus.

Dort wird meistens Kunstschnee verwendet, der im Voraus aufbereitet wurde, schon im letzten Winter, damit alle eventuellen Probleme gelöst werden können. Der Schnee an dieser Sportstätte ist daher ein echtes Heiligtum. Neben dem Eintritt zur Bahn für die Nordische Kombination steht

ein buntes Schild, das darauf aufmerksam macht: „Achtung! Olympischer Schnee! Er ist unser Schatz, bitte pflegen Sie ihn!" Diese Botschaft wird zig Mal während der Trainings für die Freiwilligen, die an den Sprungschanzen arbeiten, wiederholt und man hofft, dass sich alle daran halten.

Aber dieses nicht besonders winterliche Wetter stellt einen wunderschönen Hintergrund für ein originelles Erinnerungsfoto der Olympischen Spiele dar. Es ist ein atemberaubender Anblick: der von Sonne durchflutete Olympische Park mit den Stadien, die die Sonnenstrahlen widerspiegeln.

Und in den Bergen geht man mit diesem Frühlingswetter humorvoll um. So war es auch gestern: Zum ersten Mal fand ein olympischer Wettkampf im Skispringen der Damen statt, und die Mannschaft, die die Bahn präparierte, hatte eine Palme aus Fichtenzweigen im Schnee gebaut. Wo sonst kann man eine Palme auf der Sprungschanze sehen? Richtig: Nirgendwo – nur hier, in Sotschi.