UdSSR, KPdSU, KGB: Abkürzungen in Russland

Staatliche Institutionen und Einrichtungen in Russland waren immer abkürzungsreich. Bild: Nijas Karim

Staatliche Institutionen und Einrichtungen in Russland waren immer abkürzungsreich. Bild: Nijas Karim

Im Russischen erfreuen sich Abkürzungen großer Beliebtheit. Besonders viele Beispiele dafür lassen sich vor allem im ideologischen Kontext finden und natürlich in der Politik, denn die Beschreibung der Politlandschaft eines Landes ist ohne Akronyme schier unmöglich.

Russland erlebte seine erste Abkürzung kurz nach der Oktoberrevolution im Jahre 1917, als Russland zur „RSFSR“ wurde, was die Abkürzung für „Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik“ ist. Viele russische Emigranten erkannten den neuen Staatsnamen jedoch nicht an und verliehen ihrem Heimatland daher den etwas abschätzigen Namen „Sowdepia“, von „sowjetische Deputierte“ – so nannte man damals die Regierungsabgeordneten der RSFSR. Als sich die sowjetische Regierung schließlich gefestigt hatte, wurden der RSFSR einige kaukasische und zentralasiatische Republiken angeschlossen, sodass das Land 1924 in „UdSSR“ – „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ – umbenannt wurde. Dieser Ländername blieb bis zu jenem Zeitpunkt, als die Sowjetunion in 15 unabhängige Republiken zerfiel, erhalten.

Ende 1991 erhielt Russland seinen historischen Namen wieder zurück, wobei es juristisch gesehen noch zusätzlich als „Russische Föderation“, abgekürzt „RF“, bezeichnet werden kann. Auf den Trümmern der UdSSR entstehen darüber hinaus regelmäßig neue Versuche, die ehemaligen Mitgliedsstaaten der Sowjetunion wieder zu vereinigen. So bildete sich beispielsweise die „GUS“ („Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“) oder die zu Beginn des 21. Jahrhunderts gegründete „EAWG“ („Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft“).

Neben Abkürzungen aus der Politik finden sich im Russischen auch internationale Akronyme, die ohne Übersetzung in transliterierter Form übernommen wurden. So nennt man beispielsweise die „Nato“ in Russland ebenfalls „Nato“ und die Rundfunkanstalt „BBC“ genauso „BBC“ und nicht etwa „BRK“, was sich von „Britanskaja Radioweschtschatelnaja Korporazija“ (zu Deutsch: „Britische Rundfunkgesellschaft“) ableiten würde. Interessant zu erwähnen ist hier, dass es die Abkürzung „BBC“ im Russischen ebenfalls gibt. Diese bedeutet, wenn man sie nicht mit lateinischen, sondern mit kyrillischen Buchstaben ausschreibt, „Woenno-Wosduschnje Sily“ – „Luftstreitkräfte“.

Auch die Namen politischer Parteien werden traditionellerweise abgekürzt. So existierte in der UdSSR lediglich die Partei „KPdSU“ („Kommunistische Partei der Sowjetunion“). Diese hatte übrigens in den 1950er-Jahren einen anderen Namen: „WKP (b)“ – die „Kommunistische Allunions-Partei (der Bolschewiki)“.

Die erste „alternative“ Partei zur Zeit der Perestroika war die „LDPR“, die „Liberal-Demokratische Partei Russlands“. Heutzutage trifft man in der russischen Politlandschaft mitunter auf Abkürzungen wie beispielsweise „PARNAS“, die ein Wortspiel enthält und für „Partei der Volksfreiheit“ steht.



Staatliche Institutionen und Einrichtungen

Ebenso abkürzungsreich waren auch gewisse staatliche Institutionen und Einrichtungen, wie beispielsweise die 1917 gegründete „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Kontrarevolution, Spekulation und Sabotage“. Diese wurde abgekürzt als „WeTscheKa“ und ihre Mitarbeiter bezeichnete man als „Tschekisten“. Diesen repressiven Apparat hat man dann in den vielen Jahren seiner Existenz mehrmals umbenannt, sodass er einmal als „NKWD“ („Volkskommissariat für innere Angelegenheiten“), dann als „MGB“ („Ministerium für Staatssicherheit“) und schließlich als „KGB“ („Komitee für Staatssicherheit“), was wahrscheinlich die auf der ganzen Welt bekannteste Abkürzung ist, bezeichnet wurde. Heute heißt die staatliche Institution, die für die Sicherheit des Landes zuständig ist, „Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Föderation“, abgekürzt „FSB“. Ironischerweise werden die Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes selbst nach knapp hundert Jahren immer noch abwertend als „Tschekisten“ bezeichnet.

In den 1970er-Jahren erlangte dann eine andere Abkürzung einen hohen Bekanntheitsgrad: „Gulag“ – im damaligen offiziellen Gebrauch auch als „GULag“ bekannt – ist die Abkürzung für die Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und setzt sich im Russischen aus drei Wörtern zusammen: „Glawnoe Upravlenie Lagerej“. Die Popularisierung dieser Abkürzung ist vor allem auf Aleksandr Solschenizyns Werk „Der Archipel Gulag“ zurückzuführen. Eine weitere Abkürzung, die zur Zeit der Sowjetunion mit Straflagern in Verbindung gebracht wurde, war „seka“ – das Kurzwort für Sträflinge, die in Lagern ihre Haftstrafe abbüßen mussten. Ebenso bekannt war auch das Akronym „Smersch“, das zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zur Bezeichnung der sowjetischen Spionageabwehr verwendet wurde und wörtlich „Tod den Spionen!“ bedeutet.

Im Russland von heute hat die Abkürzung „GB“ („Staatssicherheit“) ihre gefürchtete und repressive Konnotation, die sie zu Sowjetzeiten mit sich trug, abgeworfen. So wird heute beispielsweise mit „RGB“ die neben dem Kreml gelegene größte Bibliothek Russlands, die „Russische Staatsbibliothek“, abgekürzt. Interessanterweise durfte die in der Nähe der Bibliothek gelegene Metrostation, die ursprünglich in den 1930ern die

Bezeichnung „Biblioteka imeni W. I. Lenina“ erhielt, ihren Namen beibehalten. Die Benennung einer anderen U-Bahn-Station der Moskauer Metro durchlief hingegen eine durchaus paradoxe Metamorphose: Ende der 1950er-Jahre wurde nämlich im Norden von Moskau die „Allunions-Landwirtschaftsausstellung“ eröffnet, die mit „WSHW“ abgekürzt und neben der eine neue Metro-Linie gebaut wurde. Auf dieser Linie wurde schließlich auch die U-Bahn-Station „WSHW“ eröffnet, die man nach dem Ausstellungszentrum benannte.

Doch das Zentrum wurde bald in „WDNH“ („Allrussische Ausstellung der wirtschaftlichen Leistungen des Volkes“) umbenannt, wobei auch die Metrostation die neue Bezeichnung erhielt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 verlor das Ausstellungszentrum jedoch seine ideologische Funktion und wurde fortan als ein Handelszentrum verwendet, wodurch es wieder eine neue Bezeichnung erhielt: „WWZ“ („Allrussisches Ausstellungszentrum“). Allerdings blieb der Metrostation eine erneute Namensänderung erspart, sodass die Bezeichnung der Einrichtung zu einem Toponym wurde, genauer zur Bezeichnung eines Moskauer Bezirks. Wenn man also zum WWZ möchte, dann nimmt man einfach die Metro und steigt bei der Station „WDNH“ aus.

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