Die Kehrseite der Medaille

Die meisten Unfälle passieren während der Alpinski-, Freestyle-, Snowboard- und Spezialsprungtrainings und -wettkämpfe. Foto: RIA-Novosti

Die meisten Unfälle passieren während der Alpinski-, Freestyle-, Snowboard- und Spezialsprungtrainings und -wettkämpfe. Foto: RIA-Novosti

Als Freiwillige erlebt man täglich Unfälle und Verletzungen von Olympiateilnehmern. Den ersten größeren Unfall, den man live miterlebt, vergisst man so schnell nicht.

Die Freude des Sieges und die Bitterkeit der Niederlage: das beobachten die Zuschauer und wir, die Helfer bei der Durchführung der Wettkämpfe, jeden Tag. Bei all dem Glamour der Spiele gibt es auch die nicht so angenehme Kehrseite der Medaille, die ebenfalls Bestandteil des Hochleistungssports ist. Jeden Tag kann man sich bei den Olympischen Spielen, wie auch bei anderen Wettkämpfen, eine Verletzung zuziehen. Der olympische Traum ist dann im Bruchteil einer Sekunde zerbrochen.

Die Ärzte sind für die medizinische Versorgung verantwortlich, aber es gibt auch viele Freiwillige, die auf ihre Art Hilfe leisten. Man übersetzt, hilft beim dringenden Transport, berichtet über die Unfälle, macht also alles, was die Arbeit der Ärzte nicht belastet. Man muss entsprechende Bedingungen für operative und qualitative Hilfe schaffen, und diese Verantwortung übernehmen meine Kolleginnen und Kollegen. Diese Hilfe, die ein eingespieltes Freiwilligenteam leistet, ist leider oft gefragt.

Die Wettkämpfe, die in den überdachten Stadien und im Ufercluster ausgetragen werden, sind nicht besonders gefährlich, aber es gibt trotzdem Quetschungen und Zerrungen. Was aber die Wettkämpfe im Bergcluster angeht, so ist die Situation viel schlimmer: Unfälle, die die weitere Teilnahme an den Spielen gefährden, gehören dort zum Alltag.

Die meisten Unfälle passieren während der Alpinski-, Freestyle-, Snowboard- und Spezialsprungtrainings und -wettkämpfe. Die Freiwilligen, die bei diesen Veranstaltungen tätig sind, erzählen, dass man sich schon nach einigen Tagen daran gewöhne. 

Ich kann aber solche Situationen kaum mit Ruhe ertragen. Wenn dem ganzen Stadion der Atem stockt und die Stille entsetzlich laut wird, kann man die eigene Arbeit nicht weiter in Ruhe ausführen. Man muss sich richtig zusammenreißen und zwingen, weiterzumachen, und jedes Mal hofft man, dass alles gut wird.

Jede Verletzung verursacht einen großen Aufruhr im Pressezentrum. Man erfährt die Details nicht sofort, deswegen ist dieser Aufruhr immer von großer Anspannung und akutem Informationsmangel geprägt. Die Journalisten laufen hin und her, rufen ihre Redakteure hastig an und berichten: „Ist gefallen… war sein Fehler… griff sich an den Ellbogen… stand selbst auf, geht ohne Hilfe, scheint so… nein, keine weiteren Informationen…“

Sogar für die Sportler ist es nicht leicht, sich mit dem Thema abzufinden, obwohl die Verletzungen zu ihrem Alltag gehören. Ich habe einen berühmten Sportler gesehen, der sich erst vor Kurzem von einer schweren Verletzung erholt hat. Der drehte sich auf einmal verängstigt um und erstarrte: Er hatte jemanden stürzen gehört. Sein Antlitz war schmerzverzerrt. Dieser Klang des Sturzes ist leicht von anderen Klängen zu unterscheiden. Er ist zugleich dumpf, laut und deutlich. Im Fernsehen hört man so was nicht, aber hier kündigt er Probleme an. Später folgt die Aufregung unter den Ärzten, man läuft hin und her, die Handys klingeln, Schreie. Aber in dieser Situation ist es nicht der Wettkampf selbst, sondern der Klang des Sturzes, der alles in Bewegung setzt.

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