Die Wunder der Sprache

Eine Volontärin lässt sich neben der Sotschi-Arena fotografieren. Foto:  Michail Mordasow

Eine Volontärin lässt sich neben der Sotschi-Arena fotografieren. Foto: Michail Mordasow

Mit Teamarbeit und sprachlicher Flexibilität lassen sich auch die unangenehmsten Situationen und Probleme meistern. Nina Orlowa berichtet aus dem Freiwilligendorf in Sotschi.

Probleme sind bei einer großen Veranstaltung nie auszuschließen. So ist es auch in Sotschi. Aber man gewöhnt sich allmählich an sie und betrachtet sie als Bestandteil des Alltags. Interessanterweise teilen unsere ausländischen Gäste diese Einstellung. Am Anfang machte man sich noch lustig über die unfertigen Hotels, über die Versiegelung der Busse, um unnötige Untersuchungen während der Fahrten in den sogenannten gesicherten Bereichen zu vermeiden, und vieles andere. Aber jetzt sind alle in ihre Arbeit vertieft und haben sich an das gewöhnt, was am Anfang für Erstaunen gesorgt hatte. Es hat sich viel geändert. 

Es ist ein komisches Gefühl des Zusammenhalts, das man bekommt, wenn man um halb vier Uhr morgens mit einer Gruppe internationaler Journalisten an der Haltestelle hängenbleibt, weil der letzte Bus vor fünf Minuten losfuhr und der nächste erst in einer Stunde kommt. Wir sind keine Gegner, keine Gegenpole: die Vertreter der Veranstalter und die Journalisten, die über unsere Arbeit und unsere Fehler berichten – wir alle sind müde Menschen, die möglichst schnell ins Bett fallen möchten.

Und ein gemeinsames Ziel schafft Raum für Teamarbeit: Alle haben Spaß und das versüßt die Wartezeit. Wir belagern gemeinsam den Stab der Freiwilligen, die für den Transport verantwortlich sind, um zu erzwingen, dass sie einen Bus schicken. Jeder gibt sein Bestes: Ein Fotograf nimmt sein Zoom-Objektiv heraus, geht auf die Straße und hält Ausschau nach der sehnlichst erwarteten Busnummer, indem er das Objektiv als Fernglas benutzt. Er möchte als erster die frohe Botschaft überbringen. In solchen Situationen begreift man, dass die Werte der Olympischen Spiele wie Zusammenhalt und Freundschaft keine leeren Phrasen sind.  

Sogar die Sprachbarriere ist kein großes Problem. Die Russen sind natürlich dafür bekannt, dass sie nicht sehr gut Englisch sprechen. In diesem Zusammenhang erzählen Ausländer einander Gruselgeschichten: „Heute morgen habe ich mich in Krasnaja Poljana verlaufen. Stell dir bloß vor, du bist in einer russischen Stadt und niemand versteht Englisch.“ Doch die Mitarbeiter und Freiwilligen, die Fremdsprachen schlecht beherrschen, haben ihre eigene Herangehensweise für die Arbeit mit Ausländern entwickelt. Aus irgendeinem Grund sind sie sich absolut

sicher, dass bestimmte Informationen für ein Delegationsmitglied oder einen Medienvertreter nur sehr deutlich, langsam, laut und mit großer Gestik, aber auf Russisch aussprechen braucht, um die Sprachbarriere zu überwinden. Ab und zu kommt dann so was vor: Die Kollegen versuchen einem Schweden oder einem Norweger zu erklären, dass „der B-u-s Nu-mm-er Zehn (hier zeigt man zehn Finger) in fünf Mi-nu-ten (man sieht auf die Uhr und zeigt fünf Finger) ko-mmt (an dieser Stelle zeigt man auf den Boden)“. Tatsächlich funktioniert diese Art von Gebärdensprache oft. Aber aus der Distanz betrachtet erinnert es eher an eine verbale Attacke. Es ist ein Wunder der Sprache. Anders kann man das nicht bezeichnen.

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