Wirbel der Medaillentage

Foto: Michail Mordasow

Foto: Michail Mordasow

Für die Freiwilligen in Sotschi gibt es Tage der Entspannung. Sobald aber eine Medaillenentscheidung ansteht, muss jeder funktionieren.

Unsere Zeit in Sotschi wird durch eine einzige Überlegung bestimmt: Die erste Frage, die man sich jeden Morgen stellt, ist, ob heute ein Medaillentag ist, oder nicht.

Die Tage, an denen es in unserer Sportstätte nicht um Medaillen geht, sind sehr entspannt. Man kann langsam und gemächlich zu seiner Schicht spazieren, getrost ein paar Busse verpassen oder dem Nebel dabei zuschauen, wie er allmählich über den Bergrücken gleitet. Eine Verspätung zur Schicht ist nicht schön, aber an einem Nicht-Medaillentag kann man es sich erlauben. Denn an einem solchen Tag gibt es nur wenig Arbeit. Die Freiwilligen rennen dann nicht direkt nach der Ankunft auf ihre Positionen und man kann zu einer gemütlichen Uhrzeit essen gehen, mit einem Tässchen Tee an der Küste sitzen und sich einfach ein bisschen entspannen.

An den Tagen, an denen die Aufmerksamkeit der gesamten Weltpresse nicht darauf gerichtet ist, was an deinem Arbeitsplatz passiert, sind alle viel freundlicher und offener. Die Kommunikation unter den Kollegen, Organisatoren und Sportlern verläuft viel leichter. Denn niemand hat heute die schwere Bürde der großen Verantwortung zu tragen, und so machen alle einfach nur ihre Arbeit, die der Sportstätte ein normales Funktionieren ermöglicht.

Die wenigen Journalisten und Mitarbeiter des olympischen Nachrichtendienstes, die wie zufällig in die Mixed Zone hineingekommen sind, rascheln mit Bonbonpapier und bieten den vorbeigehenden Sportlern Bonbons statt Interviews an. Diese lehnen die Süßigkeiten meist mit komischen Grimassen und theatralischen Gesten ab. Man erzählt sich einander die neuesten Nachrichten und Gerüchte: „Haben Sie gehört, dass sich Kowaltschuk verletzt hat?“ – „Kann ich nicht glauben!“; „Man hat versprochen, einen Olympiasieger in unser Haus zu bringen!“ – „Ihr habt ja Glück!“; „Ich habe gehört, dass wir morgen endlich eine Vorhanghalterung angebracht bekommen“ – „Blödes Gerede!“.

Wenn aber ein Medaillentag ansteht, hat man zur Erholung fast gar keine Zeit. Schon ab der ersten Minute nach der Sicherheitskontrolle beginnt man, den Ernst der Dinge um sich herum zu spüren. Man wird direkt am Ellenbogen abgeführt, um zu helfen, irgendeinem Ausländer zu erklären, dass er nicht in diese oder jene Zone hineindarf. Wenn man die erste Hürde des Tages überwunden hat, eilt man überstürzt zu seiner Position. Doch man verspätet sich, weil auf dem Weg noch irgendein Fotograf wissen will, wo die Plätze für die Presse sind.

Schließlich beginnen die schier endlosen Versammlungen und Briefings vor dem Start der Wettkämpfe, das Rascheln der Startlisten, das nervöse Warten, Chaos und Durcheinander. Am Rande des Bewusstseins schafft man es dennoch, zu verstehen, dass gerade das Schicksal der olympischen Medaillen beschlossen wird und dass es der wichtigste Moment im Leben all der Sportler ist, die du während der gemeinsamen Arbeit so gut kennengelernt hast, und dass die ganze Welt dabei zuschaut.

Aber das ist nur der verschwommene Hintergrund für die Aufgaben, die du in dem riesigen Mechanismus mit dem Namen „Olympische Spiele“ erfüllst. An einem solchen Tag hat man keine freie Minute, um einfach für ein paar Momente zu sich zu kommen. Der Wirbel der Ereignisse dreht sich und zieht einen hinab in seine Tiefen, bis man sich ganz am Boden befindet: um halb fünf Uhr morgens auf einer Bushaltestelle in einem gottvergessenen Teil des olympischen Parks, wo der nächste Bus erst in 55 Minuten kommt.

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