Die zweideutige Weiblichkeit des Russischen

Bild: Nijas Karim

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Eine Bewohnerin Englands nennt man im Russischen „anglitschanka“, eine Bewohnerin Frankreichs „franzuschenka“. Viele Bezeichnungen für die Vertreterinnen anderer Nationen haben in der russischen Sprache noch eine zweite Bedeutung – manchmal eine vollkommen verständliche, aber manchmal auch eine absolut unerwartete.

Ich habe bereits darüber geschrieben, dass man in der modernen russischen Umgangssprache mit „japonki" (Japanerin) ein japanisches Auto und mit „njemka" (Deutsche) einen deutschen PKW bezeichnet, denn im Russischen ist der Begriff für Auto – "awtomaschina" – weiblichen Geschlechts. Dahingegen ist „amerikanka" (Amerikanerin) zum Beispiel kein Ford oder Chevrolet, sondern steht für eine Partie russischen Billards, das nach besonderen Regeln gespielt wird. Als „gollandka" (Holländerin) war in der Vergangenheit ein besonders, oft mit Delfter Fliesen, gekachelter Ofen bekannt. Heutzutage, wo kaum jemand mehr seine Wohnung mit einem Kachelofen beheizt, ist der Begriff nahezu in Vergessenheit geraten. Ebenso aus dem heutigen Sprachgebrauch verschwunden ist die Bedeutung des Wortes „ispanka" (Spanierin); noch vor hundert Jahren bezeichnete man damit die Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 mindesten 25 Millionen Menschen in Europa das Leben kostete.

 

Von einer Finnin erstochen, von einer Ungarin erwärmt

Das Wort „finka" (Finnin) war besonders während und nach dem Zweiten Weltkrieg populär (1940 -1950) als die Kriminalitätsrate rapide anstieg. Das Wort bezeichnete ein Messer mit kurzer, dicker Klinge („Finnenmesser"). Eigenartigerweise wird die weibliche Form verwendet, obwohl das Wort „nosch" (Messer) im Russischen männlichen Geschlechts ist. Nach der Bewohnerin eines anderen baltischen Landes ist eine Sense mit langem Griff benannt – die „litowka" (Littauerin). Ein anderes, etwas moderneres und komplizierteres Werkzeug erhielt den Namen „bolgarka" (Bulgarin): der Winkelschleifer, der den Deutschen eher unter dem Namen „Flex" bekannt ist. Der Grund für diese eigenartige Bezeichnung ist ganz einfach – die ersten Winkelschleifer, die in den Siebzigerjahren in der Sowjetunion zu kaufen waren, stammten aus dem bulgarischen Werk Eltos-Bolgarka.

Die „schotlantka" (Schottin) ist ein farbiger, großkarierter Wollstoff, wie er eben in Schottland populär ist und sich auch weltweit großer Beliebtheit erfreut. Im Deutschen wird dieser als „Plaid" bezeichnet, wohingegen im Russischen mit „pled" eine Kuscheldecke gemeint ist. Eine der Bedeutungen des Wortes „wengerka" (Ungarin) stammt ebenso aus der

Modebranche – so nennt man eine kurze („ungarische") Jacke mit aufgenähten horizontalen Kordeln; häufiger jedoch wird mit „wengerka" eine Pflaumensorte bezeichnet, aus der vorwiegend Dörrpflaumen hergestellt werden. Und noch zwei weitere Nationalitäten sind in der Mode anzutreffen und bezeichnen leichtes Schuhwerk: Ballett- oder Gymnastikschuhe, die man „tscheschki" (Tschechinnen) nennt, sowie Flip-Flops, die in Russland als „vijetnamki" (Vietnamesinnen) bekannt sind.

Der Begriff „polka" (Polin) bedarf wohl keiner Erläuterung, auch wenn Deutschland nur wenige Menschen wissen, was dieses Wort bedeutet. Interessant hierbei ist, dass es gar nicht aus Polen, sondern aus Tschechien stammt, wo es zu Beginn des 20. Jahrhunderts auftauchte. Und wo wir schon über Musik sprechen, sei auch ein passendes Musikinstrument erwähnt – die „taljanka" (eine leicht verkürzte Form des Wortes „italjanka" – Italienerin), eine Abwandlung der russischen Ziehharmonika, die unter dieser Bezeichnung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannt war. Allerdings ist auch dieser Begriff heutzutage kaum jemandem noch geläufig, was wohl auch daran liegen mag, dass das Instrument inzwischen weit weniger verbreitet ist als noch vor hundert Jahren.

 

Auch in der Geografie gibt es mehrdeutige Bezeichnungen

Kommen wir nun zu geografischen Bezeichnungen: Während der Name eines Stadtbezirkes in Odessa – „moldawanka" (Moldauerin) – sich noch ganz logisch durch die Nähe der Stadt zu Moldawien erklären lässt, hat doch die Stadt „Kubinka" (Kubanerin) in der Nähe von Moskau mit dem Land Kuba rein gar nichts zu tun. Nun, vielleicht nur die Tatsache, dass man auf dem Weg von Moskau in Richtung Westen – wo ja schließlich auch Kuba liegt – zwangsläufig an der Stadt Kubinka vorbeifährt.

Weitere Worte, die streng genommen keine Nationalitäten bezeichnen, aber etymologisch gesehen eine enge Beziehung zu diesen aufweisen, unterscheiden sich lediglich durch ihre Endung („-nka"). Eine Bewohnerin der Türkei nennt man „turtschanka" (Türkin), eine Griechin heißt im Russischen „gretschanka". Dahingegen ist eine „turka" in der russischen Sprache ein Kocher für die Zubereitung des „türkischen" Kaffees. Die

Herkunft des Wortes liegt also auf der Hand. „Gretschka" ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Buchweizen, der im Russischen offiziell „gretschnewaja krupa" genannt wird und aus dem ein im Lande äußerst beliebter Brei zubereitet wird. Weiß man, dass der Buchweizen ursprünglich aus Griechenland kam, ist auch diese Namensgebung kein Rätsel mehr. Zum Schluss seien noch die Bezeichnungen „indejka" und „korejka" erwähnt, die sehr stark an „indianka" (Inderin) und „korejanka" (Koreanerin) erinnern, wobei „indejka" eine Pute und „korejka" ein Stück aus dem Schweinerücken inklusive Knochen, also einen Schweinekamm, bezeichnet.

Der Begriff „inostranka" (Ausländerin) selbst hat ebenfalls mehrere Bedeutungen, die meist mit Literatur zu tun haben. Am Anfang war das Wort die umgangssprachliche Bezeichnung für die im Jahre 1924 in Moskau eröffnete „Biblioteka inostrannoj literatury" (Bibliothek für ausländische Literatur). Seit 1955 erscheint die Wochenzeitschrift „Inostrannaja literatura" (Ausländische Literatur), die vom Volk ebenso mit diesem verkürzten Namen bedacht wurde. 2000 gründeten die Mitarbeiter dieser Zeitschrift schließlich einen eigenen Verlag, der eben die Bezeichnung „Inostranka" erhielt, womit der umgangssprachliche Name in den offiziellen Sprachgebrauch aufgenommen wurde.

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