Abkürzungen in Russland, Teil 2: WUS, GUM, MChAT, NTW

Bild: Nijas Karim

Bild: Nijas Karim

Das gesamte Leben des Russen besteht aus Akronymen. Ob in Schule, beim Studium, im Beruf, beim Einkauf oder in der Freizeit, man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Eine Reise durch den russischen Abkürzungsdschungel.

Der Lebensweg eines Russen beginnt im „roddom“, im „rodilnyj domdem“ („Geburtshaus“) kommt er zur Welt. Anschließend geht es in den Kindergarten, den „djetsad“, („djetskij sad“). Zu Sowjetzeiten wurde man dann in der Oberschule Mitglied des WLKSM, des „Wsjesojusny leninskij kommunistitscheskij sojus molodjoschi“ („Gesamtsowjetischer Leninscher Kommunistischer Jugendverband“ beziehungsweise „Komsomol“). Das erleichterte die Zulassung zum Studium an einer WUS, der „wysscheje utschjebnoje sawedenije“ („Hochschuleinrichtung“) oder PTU, der „professionalno-technitscheskoje utschilischtsche“ („Technische Berufsschule“).

Die beste WUS des Landes war und ist die MGU, die „Moskowskij gosudarstwennyj universitet“ („Staatliche Universität Moskau“). Andere bei den russischen Schulabgängern beliebte Hochschulen sind das MGIMO, das „Moskowskij Gosudarstwennyj institut meschdunarodnych otnoschenij“ („Moskauer Staatliches Institut für internationale Beziehungen“) und das MIFI, das „Moskowskij inschenerno-fisitscheskij institut“ („Moskauer ingenieur-physikalisches Institut“).

Nach erfolgreichem Abschluss der WUS fanden die sowjetischen Absolventen häufig eine Arbeitsstelle an einem der vielen NII, den „nautschno-isledowatelskije instituty“ („Forschungsinstituten“), oder KB, den „konstruktorskije bjuro“ („Konstruktionsbüros“).



Freizeit im DK bei Musik von DDT

Ein beliebter Freizeitort war das DK, das „dom kultury“ („Kulturhaus“), in dem die eine oder andere VIA, kurz für „wokalno-instrumentalnyj ansambl“ („Gesangs- und Instrumentalgruppe“) auftrat. Eine der seit dem Ende der Achtzigerjahre in Russland äußerst beliebten Bands heißt DDT: Diese Bezeichnung war die Abkürzung für „Dom djetskowo twortschestwa“ („Haus des jungen Künstlers“), in dem sich offiziell der Proberaum der Gruppe befand. Aber auch ein populäres chemisches Insektenvertilgungsmittel heißt so.

Aus den beiden russischen Großstädten Moskau und Sankt Petersburg, wobei letztere früher Leningrad hieß, kommen sehr bekannte Abkürzungen wie die vom Moskauer staatlichen Kaufhaus GUM, „Gosudarstwennyj universalnyj magasin“, und dem zentralen Kaufhaus ZUM, „Zentralnyj universalnyj magasin“. Der größte Sankt Petersburger Einkaufstempel ist das DLT, das „Dom Leningradskoj torgowly“ („Haus des Leningrader Handels“).

Das führende Schauspieltheater in Moskau heißt MСhT, kurz für „Moskowskij chudoschestvennyj teatr“ („Moskauer Künstlertheater“), das in Sowjetzeiten MchAT für „Moskowskij chudoschestvennyj akademitscheskij teatr“ („Moskauer künstlerisches Akademietheater“) genannt wurde. In Sankt Petersburg ist dies das BDT, das „Bolschoj dramatitscheskij teatr“ („Großes Schauspieltheater“). Interessant ist, dass die Bezeichnung des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters nie auf das Akronym „BT“ verkürzt wurde und wohl auch nie verkürzt werden wird. Vielleicht, weil dies zu Sowjetzeiten für die beliebte bulgarische Zigarettensorte BT („Bulgartabak“) stand. Und heutzutage fällt den Menschen in Russland bei der Buchstabenkombination „BT“ wohl als erstes das international bekannte Akronym „LGBT“ ein, das für „Lesbian, Gay, Bisexual, Trans“ steht.

Den Bewohnern von Mehrfamilienhäusern dürfte das Akronym SchEK für „Schilischtschno-eksplutazionnoja kontora“ bekannt sein. So hieß früher die Wohnungsverwaltungsgesellschaft, heute nennt sie sich UK, kurz für „uprawljajuschaja kompanija“. „UK“ bedeutet aber auch „ugolownyj kodeks“ („Strafgesetzbuch“).

Autofahrer in Russland begegnen häufig den Ordnungshütern der Verkehrswacht GIBDD, der „Gosudarstwennaja inspekzija besopasnosti doroschnowo dwischenija“.

Die heutigen Fernsehsender haben in der Regel eine Abkürzung aus drei Buchstaben als Namen: RTR für „Radio i telewideije Rossii“ („Radio und Fernsehen Russlands“), STS für „Setj telewisionnych stanzij“ („Netz der Sendeanstalten“) und TNT für „Twojo Nowoje Telewideije“ („Dein neues Fernsehen“). Hinter der Abkürzung des beliebten Fernsehsenders NTW steckt laut seiner Betreiber allerdings keine konkrete Bedeutung. Manch einer vermutet dennoch hinter dem „N“ ein „nasche“ für „unser“ oder ein „nesawisimoje“ für „unabhängiges“.

Im heutigen Russland existieren immer noch Bezeichnungen aus der Sowjetzeit, gerade im Medienbereich. So wurde das Akronym „TASS“, kurz für „Telegrafnoje agenstwo Sowjetskowo sojusa“ („Nachrichtenagentur der Sowjetunion“), ein Bestandteil der Bezeichnung des neuen Nachrichtenbüros ITAR-TASS, wobei der erste Teil für „Informazionnoje telegrafnoje agenstwo Rossii“ („Informationsnachrichtenagentur Russlands“) steht. Die beliebte sowjetische Zeitung „Moskowskij Komsomoljez“ heißt mittlerweile aus verständlichen Gründen nur noch „МК“ und das „Moskowskij teatr imeni Leninskowo Komsomola“ („Moskauer Theater des Leninschen Komsomols“) „Lenkom“.


Als IP über die MKAD

Vor über einem halben Jahrhundert wurde um Moskau herum die „Moskowskaja

kolzewaja awtomobilnaja doroga“ („Moskauer Ringautobahn“) gebaut, die von der Bevölkerung seit Anbeginn nur „MKAD“ genannt wird. Das Territorium innerhalb der MKAD gliedert sich in neun Bezirke: In der Mitte befindet sich der ZAO, der „Zentralnyj adminastriwnyj okrug“ („Zentraler Verwaltungsbezirk“), der von acht Segmenten umgeben wird, die nach der entsprechenden Himmelsrichtung benannt sind: Beispielsweise SAO für „Sewernyj adminastriwnyj okrug“ („Nördlicher Verwaltungsbezirk“), SSAO für „Sewerno-sapadnyj adminastriwnyj okrug“ („Nordwestlicher Verwaltungsbezirk“) und SAO für „Sapadnyj adminastriwnyj okrug“ („Westlicher Verwaltungsbezirk“).

SAO ist ein weiteres Beispiel für die Mehrdeutigkeit von Akronymen – so wird nämlich auch im Geschäftsleben eine der Gesellschaftsformen bezeichnet, die „Sakrytoje akzionernoje obschtschestwo“ („Geschlossene Aktiengesellschaft“). Es existieren daneben noch andere Gesellschaftsformen wie die ОАО, die „Otkrytoje akzionernoje obschtschestwo“ („Offene Aktiengesellschaft“) oder die ООО, die „Obschtschestwo s ogranitschennoj otwetswennostju“ („Gesellschaft mit beschränkter Haftung“).

Wirtschaftliche Tätigkeit ist jedoch nicht immer an eine „Gesellschaft“ gebunden – es reicht aus, dass Sie sich als IP, als „Individualnyj Predprinimatejel“ („Einzelunternehmer“) registrieren oder sich die kaum aussprechbare Bezeichnung PBOJuL für „Predprinimatejel bes obrasowanija juriditscheskowo liza“ („Unternehmer ohne Bildung einer juristischen Person“) verleihen.


Englische Akronyme im Russischen

Erfolg können Sie allerdings auch auf andere Weise erzielen: indem Sie zum Beispiel eine Dissertation verteidigen. Der akademische Grad wird Ihnen dann von der WAK, der „Wysschaja attestazionnaja komissija“ („Oberste Prüfungskommission“) verliehen.

Im Falle einer erfolgreichen Karriere haben Sie dann die Chance, es bis zu einem WIP zu bringen – so, nämlich ohne Übersetzung, fand das englischsprachige Akronym „VIP“ Einzug in die russische Sprache. Sonst wären Sie wohl eine OWP, eine „Ochen waschnaja persona“ („sehr wichtige Person“).

Und noch eine weitere englischsprachige Abkürzung findet heutzutage in Russland Anwendung, ohne über eine entsprechende Übersetzung zu verfügen: „piar“, vom englischen „PR“ für „public relations“. Deren Bedeutung ist jedoch in der russischen Umgangssprache viel umfassender geworden als im Original. „Piar“ nennt man jede, meist übermäßig eindringliche Werbetätigkeit – und sei es auch nur in eigener Sache. Weshalb der Begriff auch einen etwas anrüchigen Klang hat.

Ein Beispiel für ein international bekanntes Akronym, das es in die russische Sprache nur in übersetzter Form geschafft hat, ist „AIDS“: Auf Russisch heißt diese Krankheit SPID, ausgeschrieben „Sindrom priobretjonnowo imunodefizita“ („erworbenes Immundefektsyndrom“).

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland