Katerstimmung

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Schlittern wir nach einer sehr kurzen Verschnaufpause wieder in die Schützengräben des kalten Krieges?

Fasching und Maslenniza, also die kalorienreiche Butterwoche, sind vorbei, Schluss mit lustig. Theoretisch beginnt jetzt die lange zermürbende Fastenzeit bis Ostern. Und mit der Fastenzeit einher gehen Ereignisse, die mich nicht ruhig schlafen lassen. Da hilft auch die jährlich wieder kehrende Euphorie wegen des Frauentages nichts. Man kauft inzwischen übrigens weniger Alibigeschenke und überteuerte Blumen, das Geld wird knapp.

Schlittern wir nach einer sehr kurzen Verschnaufpause wieder in die Schützengräben des kalten Krieges, dürfen nicht sehen, hören, sagen, was wir denken und wollen? Ob sich die Großkopfeten mal beruhigen? Offensichtlich brauchen die großen Spieler der Geopolitik Feinde. Die abgestempelten Schurkenstaaten sind zu wenige, als dass sie märchenhafte Militärhauhalte rechtfertigten. Bei aller Gehirnwäsche und Wahrheitsverdrehung gibt es in der westlichen Hemisphäre noch Journalisten, die der Sache auf den Grund gehen wollen. In der Östlichen vermisse ich das immer mehr. Vielleicht weil es zu gefährlich ist.

Jetzt erhitzen sich die Gemüter an der Krim, am umstrittenen Eingreifen Russlands in der Ukraine. Ein bisher noch nie da gewesener Informationskrieg ist im Gange. Alle Seiten lügen, dass sich die Balken biegen. Russland sieht seine geopolitischen Felle wegschwimmen, der Westen wittert Morgenluft und mischt im ukrainischen Umbruch fleißig mit. Sieger wird es keine geben. Was jetzt beginnt, trifft Otto Normalverbraucher

oder wie er hier heißt Iwan Pupkin mit voller Härte. Die Inflation hat hohes Fieber.

Das, was wie ein zartes Pflänzchen wuchs und die Menschen, die hinterm eisernen Vorhang lebten und hofften, in die Welt hinaus reisen ließ, wird brutal zertrampelt. Man hat es ja trotz vieler Versuche, die ich als halbherzig bezeichne, nicht geschafft, den Visumszwang zwischen Europa und Russland abzuschaffen. Beide Seiten nicht! Nun rasseln schon wieder die Lamellen des eisernen Vorhangs. Fürs Erste dürfen Staatsbeamte aus Russland nicht in die USA einreisen, im Gegenzug bekommen Amerikaner Probleme. Das ist leider nur der Anfang. Bald werden russische Staatsbürger, die ein Schengenvisum haben wollen, mit abschlägigen Bescheiden rechnen müssen, ohne oder mit fadenscheinigen Erklärungen.

Beide Seiten versuchen sich zu erpressen, die einen wollen den Gashahn zudrehen, die anderen Embargopolitik betreiben. Wem nützt das? Keinem. Das menschliche Leben ist einfach zu kurz, um auszuharren, bis die Mächtigen den Hals voll haben oder zur Vernunft kommen. Zu unserem Unglück machen die gesteuerten Medien weltweit die Menschen entweder

zu dummen Schafen oder willfährigen Instrumenten. Wer nicht in diese Kategorie fällt, muss mit Schwierigkeiten rechnen oder in die selbst gewählte Isolation gehen.

Offensichtlich fehlt einigen Machthabern die Fantasie, denn viele Parolen und Reden kommen uns bekannt vor, stammen aus dunklen und unrühmlichen Zeiten. Die Sache mit Brot und Spielen ist fast ausgereizt, so richtig lassen sich die Untertanen nicht mehr aus der Hütte locken, von ein paar unverbesserlichen Fanatikern oder krankhaften Karrieristen mal abgesehen. Zuckerbrot und Peitsche? Auch schwierig, denn das ersehnte Zuckerbrot hat schalen Beigeschmack, für die meisten jedenfalls.

Was tut das Volk? Es erinnert sich an die Titanic, lauscht den Klängen des versinkenden Schiffes oder legt sich selbst auf Grund. Wird schon schief gehen.

Leider spült nichts auf der Welt so viel Geld in die Kassen wie der Verkauf und der Einsatz von Waffen. Das haben vor allem die USA über Jahrzehnte praktiziert und weltweit Unruheherde geschaffen, um sie dann waffenstarrend zu bekämpfen, Leid und Tod für die betroffenen Völker bringend. Und nicht die prophezeite Freiheit oder gar Demokratie. Auf diese Weise zwangen sie ihre Gegner, gnadenlos aufzurüsten, was manche an den Rand des Zusammenbruchs führte. Wer Anfang der 90er so naiv war

und geglaubt hat, dass sich die Mächtigen besonnen hätten und damit Schluss ist, erlag einem schweren Irrtum.

Selbst im Freudentaumel nach dem angeblichen Fall des eisernen Vorhangs zog man den Osten gnadenlos über den Tisch und betrieb fieberhaft die Osterweiterung von EU und NATO. Nun haben wir den Salat. Bleibt nur zu hoffen, dass die nach Veränderung Strebenden nicht dem alten Irrtum aufsitzen und ihr Heil in den halbseidenen Versprechungen Amerikas suchen. Da sind sie schlecht beraten, denn hinter diesen süßen Worten stehen knallharte wirtschaftliche Interessen, die keineswegs dem Wohle dienen. Ein bisschen mehr Vertrauen und solide Bildung wären schon ein Schritt in die richtige Richtung. Dann könnten alle hier auch in diesem Jahr den Frühling und alle Feiertage genießen.

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