Lomonossow: Einzelkämpfer für die russische Wissenschaft

Bild: Natalja Michajlenko

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Michail Lomonossow war Physiker, Chemiker, Astronom, Philosoph und Literat, um nur einige seiner Talente zu nennen. Auf allen Gebieten war er ein Pionier seiner Zeit. Mit seinem Namen sind die Anfänge von Wissenschaft und Forschung in Russland untrennbar verbunden.

Einer Legende zufolge soll Michail Lomonossow, Russlands bekanntester Universalgelehrter, ein unehelicher Sohn von Zar Peter dem Großen gewesen sein. Zur fraglichen Zeit hielt sich Peter der Große wohl tatsächlich an Lomonossows späterem Geburtsort auf.

Heute geht man davon aus, dass Michail Lomonossow im Jahr 1711 als Sohn eines Fischers in einem Dorf bei Cholmogory geboren wurde. Er lernte sehr früh lesen und schreiben und war sehr wissbegierig. Im Alter von vierzehn Jahren zog er mit einem Fischhändlertross nach Moskau. Die über 1 000 Kilometer zwischen seinem Heimatdorf und der Stadt soll er dabei zu Fuß bewältigt haben. In Moskau wollte Lomonossow Latein lernen, die damalige Gelehrtensprache.

Er wurde bei der Slawisch-Griechisch-Lateinischen Akademie angenommen und ging später an der Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. Von dort schickte man den begabten Studenten ins Ausland. Seine erste Station war das hessische Marburg, wo er Philosophie und Naturwissenschaften studierte. Zwischenzeitlich führten in Bergbau- und Gesteinstudien auch ins sächsische Freiberg.

Lomonossow soll Deutschland aus Protest verlassen haben, als sich die Auszahlung seines Stipendiums verzögerte. Er reiste ein ganzes Jahr lang durch Europa und erlebte eine Zeit voller Abenteuer. So soll die preußische Armee versucht haben, ihn zu rekrutieren, er soll in einer Festung gefangen gehalten worden sein, aus der er floh wie der Graf von Monte Christo, dessen Geschichte damals freilich noch niemand kannte.

Schließlich kehrte er gemeinsam mit seiner deutschen Frau Elisabeth-Christina zurück nach Sankt Petersburg. Elisabeth-Christina gehörte dem evangelischen Glauben an, ein Umstand, den der orthodoxe Lomonossow zeitlebens geheim hielt. Er fürchtete, in Russland auf Unverständnis zu treffen.

 

Lomonossow – ein Alleskönner

Lomonossow interessierte sich buchstäblich für alles und veränderte im Alleingang die russische Wissenschaft. Außerhalb Europas ignorierte man seine Entdeckungen zunächst und erfand das Rad dort gleichsam neu. In der Physik entdeckte er den Massenerhaltungssatz, das Lomonossow-Lavoisier-Gesetz: „Was von einem Körper genommen wird, wird einem anderen hinzugefügt". Für seine astronomischen Studien baute er ein Teleskop und beobachtete beim Planeten Venus einen Lichtring (Lomonossow-Effekt). Darauf gründete die Annahme, dass die Venus eine Atmosphäre habe.

Lomonossow hatte darüber hinaus einen großen Einfluss auf die russische Literatur. Er schrieb Gedichte und Tragödien. Zugegeben, darunter waren keine literarischen Meisterwerke, sein Stil war eher holprig. Dafür aber war Lomonossow der erste, der sich bei der Niederschrift seiner Werke des Russischen, nicht mehr des Kirchen-Slawischen bediente. Mit seinen Oden setzte er in Russland den Anfang der weltlichen Literatur, die von nun an eine eigene Berechtigung neben der geistlichen Literatur hatte. Lomonossows literarisches Schaffen ist nicht als reine Kunst zu verstehen. Seine Werke sind durchweg von einer Idee durchzogen: Russland braucht Wissenschaft, Bildung und Fortschritt.

Und Michail Lomonossow hinterließ in allen Bereichen als einer der ersten seine Spuren. Vieles erdachte er vor allen anderen. Im Russland des 18. Jahrhunderts kannte man keine interdisziplinäre Zusammenarbeit, wie sie in Europa sonst schon üblich war. In Frankreich zum Beispiel arbeitete ein ganzes Team von Enzyklopädisten, Philosophen, Wirtschaftsexperten und aufgeklärten Wissenschaftlern an interdisziplinären Aufgaben. In Russland gab es allein Michail Lomonossow.

Er war wie ein Besessener. Wenn er forschte oder schrieb, vergaß er zu essen, trank wochenlang Wasser und ernährte sich von ein bisschen Brot. Zeit für Muße gönnte er sich nicht. Er erfand die Wettervorhersage, rüstete Schiffe für Expeditionen ins Eismeer aus und beschäftigte sich sogar mit Demografie. Er entwickelte verschiedene Vorschläge zur Förderung des Bevölkerungswachstums. Unter anderem trat er dafür ein, ein Gesetz abzuschaffen, nach dem es verboten war, häufiger als drei Mal zu heiraten. Er sprach sich auch dafür aus, mehr Ausländer nach Russland zu holen, heute würde man Gastarbeiter sagen. Er wollte den Alkoholismus bekämpfen und die Dienstzeit in der Armee verkürzen, weil viele Soldaten aus der Armee ins Ausland flüchteten.

 

Kein typischer Gelehrter

Zu Lomonossows Zeit war die Beschäftigung mit Wissenschaft alles andere als selbstverständlich. Gelehrte galten als Nichtsnutze, die sich vom Staat durchfüttern ließen. Daher kostete es Lomonossow auch eine so immense Anstrengung, das Projekt der Moskauer Universität durchzusetzen. Die Amtsträger reagierten nämlich mit Unverständnis. Doch er stritt, schimpfte, brachte gute Argumente, flehte. Zum Glück war er erfolgreich, denn was wäre aus Russland geworden ohne seine bekannte Moskauer Lomonossow-Universität.

Hinter dem kräftigen und sehr selbstsicheren Mann würde dabei zunächst kaum jemand einen Gelehrten vermutet haben. Lomonossow hatte ein schroffes Wesen und ein rasendes Temperament und er selber hielt nicht viel von seinen Kollegen. So soll er gesagt haben: „Ich möchte nicht nur mit gelehrten Herren als Idiot am Tisch zusammensitzen, sondern mit dem Herrgott selbst". Nach seiner Rückkehr aus Deutschland an die Sankt Petersburger Akademie der Wissenschaften kam es dort zu einem Skandal. In einem Bericht wurde vermerkt: „Er belegte die Professoren mit ausgewählten Schimpfworten, bezeichnete sie als Diebe und ähnliches mehr, machte die vulgärsten Handgesten gegen sie."

Ganz so Unrecht hatte Lomonossow damals mit seinen Vorwürfen nicht. Der Diebstahl war in der Akademie der Wissenschaften ein verbreitetes Phänomen. Es ärgerte Lomonossow außerdem, dass alle Professoren Deutsche waren. Besonders empfindlich reagierte er auf den Historiker Gerhard Friedrich Müller. Müller vertrat eine objektivistische Geschichtsauffassung. Man müsse demnach einfach nur aufschreiben, was gewesen ist. Lomonossow hielt dagegen, dass zur Geschichtsforschung nur zugelassen werden dürfe, wer geschworen habe, nur Ruhmvolles über sein Vaterland zu schreiben. Dunkle Kapitel sollte es nicht geben. Und überhaupt: Die Erforschung der russischen Geschichte sollte Russen überlassen werden.

So wie er sich als Einzelkämpfer in den Wissenschaften behauptete, konnte er sich auch außerhalb der Gelehrtenwelt durchsetzen, denn er kannte die russische Wirklichkeit. Als er einmal von drei Räubern überfallen wurde, soll Lomonossow zwei von ihnen gepackt haben und sie derart mit den Köpfen aneinander gestoßen haben, dass sie bewusstlos zu Boden fielen. Der dritte wollte fliehen, aber Lomonossow holte ihn ein und fragte: „Was hattet Ihr mit mir vor?" „Ausziehen". „Was Du nicht sagst! Dann werde ich Dich mal ausziehen. Runter mit allen Sachen!" Der Räuber zog sich aus. Lomonossow griff dessen Sachen, ging zum Fluss und warf sie ins Wasser. Eine Szene wie aus einem Actionfilm und nicht aus einem Gelehrtendrama.

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