Die Ohnmacht des Geldes

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Wer gibt in Deutschland den Ton in Sachen Russland an?

Nicht nur eine Mehrheit der Deutschen wünscht sich ein stabiles Verhältnis zu Russland, auch die deutsche Wirtschaft tut alles, um die Wogen zu glätten. Das hat Tradition.

Der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft ist seit seiner Gründung im Jahr 1952 um ein entspanntes Verhältnis zur UdSSR beziehungsweise zu Russland bemüht. Gute Beziehungen bedeuten nun mal gute Gewinne. Otto Wolff von Amerongen war langjähriger Vorsitzender des Ausschusses. Er fädelte in den 1960er Jahren das damals von den USA misstrauisch beäugte, aber höchst erfolgreiche „Erdgas-Röhren-Geschäft" zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion ein. Für den Ansatz, Politik und Emotionen zurückzustellen, wenn es um das Geschäft geht, wird die deutsche Wirtschaft heute wie damals scharf kritisiert.

Interessante Frage: Wer gibt denn bei uns eigentlich den Ton an in Sachen Russland? Die Wirtschaft jedenfalls konnte ihre Sicht lange Zeit nicht populär machen, obwohl ja nach allgemeiner Anschauung die mächtigen Großunternehmen den Medien und der Politik ihren Willen diktieren. In der Politik, von der Union bis zu den Grünen, in den Medien, von der Welt bis zur Zeit, finden sich jedoch wesentlich mehr Scharfmacher als Unterstützer Russlands. Die große Koalition der Russland-Belehrer besteht aus kalten Kriegern und strammen Atlantikern sowie aus eher links oder liberal einzuordnenden Menschenrechtlern und Fortschrittsaposteln.

Das ist keine neue Erscheinung. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es in Deutschland zwei Traditionsstränge der Russland-Feindschaft. Der wesentlich stärkere davon ist der links-liberale. Diese Richtung sieht Russland seit jeher als ein Hort der Unterdrückung, des Unrechts und der Gewalt und unterstützt alle Versuche, den „Koloss auf tönernen Füßen" zu stürzen. Prominentester Vertreter: Der Slawenverächter Karl Marx.

Deutsche Konservative hatten eigentlich traditionell ein entspanntes Verhältnis zur östlichen Großmacht. Der bekannteste Exponent dieser Richtung ist Bismarck. Er konnte Deutschland vereinen, weil Russland ihm den Rücken freihielt, ähnlich wie später Helmut Kohl.

Die Situation veränderte sich erst nach dem Abgang des eisernen Kanzlers. Durch die Oktoberrevolution wurde Russland schließlich zum Schreckgespenst aller Konservativen, die Nazis gaben dann noch ihren rassistischen Ballast mit dazu. Nach dem zweiten Weltkrieg vermischten sich im Westen die Traditionen. Rechte und linke Russophobie paarten sich mit

Beflissenheit gegenüber dem neuen großen Bruder USA, sowie Schuld- und Rachegefühlen aus der Kriegszeit. Nach der Wiedervereinigung brachten ostdeutsche Politiker noch ihre Aversion gegen ihren ehemaligen großen Bruder Sowjetunion mit ein.

Gegen dieses Gemenge aus Ressentiments und Weltverbesserungsphantasien kam auch die großmächtige Wirtschaft bislang nicht an. Zumal sie in diesem Falle so großmächtig nicht ist. Von den USA über England und Frankreich bis hin zu Polen und den baltischen Staaten gibt es eine ganze Reihe von Ländern, die jede Annäherung zwischen Deutschland und Russland suspekt ist und die das ihre tun, damit es nicht dazu kommt.

Aber die Zeiten ändern sich. Nicht, weil Russland in den Augen der Menschen im Westen so attraktiv ist, sondern weil sie ihren eigenen Eliten immer weniger glauben. Wenn „die da oben" auf Russland schimpfen, dann kann es ja so schlecht nicht sein. Diejenigen, die so Lange den Diskurs über Russland dominiert haben, sind heute unfreiwillig Putins beste Propagandisten.

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