Malzeit

Foto: RIA Novosti

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Wenn auch zögerlich, so wird er doch immer mächtiger, der ersehnte Frühling. Mit all seinen traditionellen und mit schöner Regelmäßigkeit wieder kehrenden Ritualen.

Eines davon beeindruckt mich jedes Jahr wieder. Alles, was sich nicht wehren kann, wird nach dem langen dunklen Winter angepinselt. Viele Tonnen Farbe kommen zum Einsatz. Die ollen Eingangstüren hält manchmal nur noch die Farbe zusammen. Parkbänke sind auch ein beliebtes Objekt der manischen Anstreicher. Zum Glück pappen sie noch einen Zettel dran mit der Warnung, dass das Sitzmöbel frisch gestrichen wurde.

Bei meinem Waldlauf in meinem Lieblingspark sah ich sie auch, die Maler. Papierkörbe wurden zum Beispiel aufgehübscht. Auch die neuen, im Herbst noch bunten, erfuhren Erneuerung. Ich meine die mit der Mülltrennung. Da gibt es vier Abteilungen, für Glas, Papier, Plaste und anderen nicht definierten Müll. Da sind die Benutzer etwas überfordert, es wird alles nach Gutdünken entsorgt. Aber es ist ein hoffnungsvoller Anfang. So etwas könnte dann ja in naher Zukunft auch in den Höfen stehen und getrennten Müll aufnehmen. An den Papierkörben im Park kann man schon mal üben.

Obwohl es heute noch recht frisch war, bewegten sich unheimlich viele Menschen durch den Park. Die gestählten Naturen, die auch im Winter auf den Bänken sitzen und Zeitung lesen, belegten viele Bänke und trotzten den immer noch frischern Temperaturen. Kleine Hunde flitzten noch angezogen umher, eingehüllt in fantasievolle Westen und Körperwärmer.

Da es relativ trocken war in den letzten Tagen, sausten Innliner, Radfahrer und Skateboarder über die eben asphaltierten Wege. Dabei mussten sie schwer aufpassen, denn es waren auch viele Kinderwagen unterwegs.

Aus manchen stillen Ecken roch es nach frischem Schaschlyk. Dafür gibt es zwar extra Plätze, aber zur Saisoneröffnung lässt man sich nieder, wo man will. Heute waren besonders viele Familien mit ihren Kindern unterwegs. Sie flitzten einfach nur so herum, bevölkerten die ebenfalls frisch gestrichenen, aber schon trockenen Sportgeräte, die auf Lichtungen stehen oder gaben ihrem Affen auf Fahrrädern oder Innlinern Zucker.

Es haben sich doch also noch nicht alle die Unsitte angewöhnt, am Wochenende in die Einkaufszentren zu fahren, die hier noch den Zusatz Vergnügungszentrum tragen. Da strömen am Wochenende viele hin, die Kinder werden bei Animatoren abgegeben, die hüpfen nach lauter Popmusik mit den Kleinen herum und bemalen ihnen die Gesichter. Fastfood ohne Ende und bunte Spielautomaten und brummende Autos, die sich rhythmisch hin und her bewegen. Das ist ja eigentlich öde, denn die Eltern pilgern inzwischen durch die Geschäfte, nur um zu gucken oder lassen sich in Cafes nieder. Kommunikation und gemeinsame Erlebnisse kommen da zu kurz.

Es kommt jetzt zu der eingangs beschriebenen Malzeit eine weitere hinzu. Um dem Volke den Patriotismus hoch zu fönen, sollen an den Moskauer Häuserwänden Graffities erscheinen, so im Stile der Fünfziger und in Anlehnung an den sozialistischen Realismus, wie ich befürchte. Mit den Häuserwänden wurde und wird ja viel experimentiert. Klar, etwas Farbe schadet natürlich nicht und belebt die grauen Plattenbauten etwas. In den 90ern ließen die Neureichen große Fotos ihrer aktuellen Liebsten anbringen, um ihr auf diese Weise zum Geburtstag oder zum Frauentag zu gratulieren. Besonders Verwegene machten dort der Angebeteten einen Heiratsantrag. Das war sozusagen der Vorläufer der öffentlichen Liebeserklärungen im Internet.

Aber ob mit den geplanten eindeutigen Bildern die patriotische Idee befördert wird bleibt zu bezweifeln. Erinnern wir uns an die Losungen aus überdimensionalen Buchstaben auf den Häusern, wie zum Beispiel „Ruhm

der Partei!", „Es lebe der Kommunismus!" usw. Das gab eher Stoff für viele nette Witze, als dass es pathetische Ehrfurcht hervor gerufen hätte. In nicht allzu fernen Sowjetzeiten hatte man Leonid Breschnew mit all seinen vielen Orden an ein Haus gemalt. Als er sich einen weiteren Heldenstern an die Brust heften ließ, waren die bestellten Maler ratlos. Dazu hätte man anbauen müssen.

Die Maler in den Fußgängerzonen bauen verstärkt ihre Staffeleien auf, um Passanten zu portraitieren und ein Schwätzchen zu halten. In den Außenbezirken und sogar in meinem Park hängen wieder Bilder zum Verkauf. Alles deutet darauf hin, dass es nun doch richtig Frühling werden soll und die kurze Zeit bis zur nächsten Eiszeit in vollen Zügen genossen werden will.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland