Weißwurstfrühstück in Moskau

Foto: Wikipedia.org

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Klingt kurios, ist es aber nicht! An einem Samstagmorgen im zeitigen April lud ein umtriebiger Bayer mich in die deutsche Siedlung am Prospekt Wernadskogo 103, die in den 90ern respektlos "Deutsch Südwest" genannt wurde, weil sich das Wohngebiet eben im Südwesten Moskaus befindet, zum Weißwurstfrühstück ein. Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Wohnsiedlung von Grund auf saniert. Nun sieht sie schmuck aus. Und alles ist typisch deutsch und ordentlich, natürlich mit einer „Dorfkneipe", einem nachempfundenen Fachwerkhaus.

Obwohl etwas abgelegen, ist die Lebensqualität gut. Wer Kinder hat, weiß die nahe Schule und den Kindergarten zu schätzen. Hier können die Kinder ohne die übliche Eskorte zur Schule gehen. Für die Sicherheit ist gesorgt. Ein Zaun umschließt das gesamte Gebiet. Um nicht immer das gesamte Gebiet umrunden zu müssen, hat es mehrere Ein- und Ausgänge. Nur für Außerirdische gibt es einen einzigen Eingang, wo der Pass kontrolliert und das Ziel des Besuches erfragt wird. Seit viele Botschaftsangehörige dort wohnen, gilt ein anderer Sicherheitsstandard als früher.

Als die Häuser nicht oder nur teilweise saniert waren, herrschten wilde und verrückte Zeiten in Südwest. Da gab es zum Beispiel den legendären Klub 103, wo mittwochs und freitags Abends rosarote Kühe flogen. Da trafen sich die Leute aus der Wohnsiedlung, damals noch vorrangig Firmenvertreter und die Lehrerschaft, mit den in der Stadt Verstreuten.

Kümmerlinge und Feiglinge wurden in großer Stückzahl konsumiert. Laute deutsche Musik animierte zum Schreien, um sich verständlich zu machen. Ein Brodeln hing in der Luft. Ein kleiner Hund mauserte sich zur Attraktion. Er bekam einen Napf mit Bier, den er mit großem Vergnügen ausschleckte. Danach klapperte er alle Tische ab, weil er knutschen wollte. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

"Ihr Name war Natascha" von Westernhagen war der absolute Hit. Bei jeder Reise nach Nowosibirsk habe ich dieses Lied im Ohr.

Aber zurück zum Weißwurstfrühstück. Ein für die Bayern ganz normales Ereignis wird in Moskau zum Event. Ich wohne nicht im deutschen Dorf, erhielt aber auch eine Einladung zum besagten Frühstück. In Erwartung von Freibier und echter bayerischer Weißwurst ließ ich sogar das Freitagabendritual in meiner Lieblingsbierkneipe "Schwarzwald" weg und haute mich relativ zeitig aufs Ohr. Um 8 Uhr klingelte der Wecker, eine ungewöhnliche Zeit für einen Samstagmorgen.

Das Wetter sah zumindest durchs Fenster einladend aus, der Blick auf das Außenthermometer relativierte den Eindruck. Es zeigte leichte Minusgrade und es wehte ein strammer Wind. Also im Zwiebelstil angezogen, viele dünne Schichten übereinander, um nicht noch einmal den dicken Wintermantel bemühen zu müssen. Eine leichte Mütze steckte ich mir auch noch ein, sicher ist sicher. Also in aller Herrgottsfrühe losgezogen, um Freibier zu trinken. Ganz schön kurios, oder? Ich mußte vom Nordwesten in den äußersten Südwesten. Mit der geliebten Marschrutka bis zur Metrostation Sokolniki, dann Metrofahren mit Umsteigen und der lange Marsch auf den Berg ins deutsche Dorf. Dabei erwischte mich der eiskalte Wind von allen Seiten. Nicht umsonst brüstet sich der Südwesten mit seiner Windrose und der angeblich besten Luft in Moskau, was ich für ein Gerücht halte, sich aber pfiffige Immobilienhändler zunutze machen, um noch höhere Preise heraus zu schlagen.

Endlich mit hängender Zunge und ordentlich zerzaust vom eisigen Wind angelangt, kamen mir erste Zweifel, ob ich allen Ernstes kaltes Freibier haben möchte. Der nette Bayer hatte angesichts des sich mächtig verspätenden Frühlings ein Zelt versprochen. Außerdem wollte ich gute

alte Bekannte, die es schon viele Jahre in Moskau hält, wieder sehen und die berühmten Weißwürste probieren. Mich plagte das schlechte Gewissen, weil ich nicht pünktlich um zehn, wie es in der Einladung hieß, zur Stelle war. Die ungewöhnliche Zeit hatte aber offensichtlich der berühmten deutschen Pünktlichkeit ein Schnippchen geschlagen, denn es hatten sich erst wenige eingefunden. So konnte ich in Ruhe die Weißwürste mit dem dazu gehörigen Senf probieren. Obendrauf bekam ich noch eine Kurzlektion über die Geschichte des Weißwurstfrühstücks. Der bayerische Gastgeber mit einem ostpreußischen Familiennamen hat nicht nur Talent, schmackhafte Würste zu stopfen, er ist auch ein begabter Entertainer. Als er sah, wie einige die Weißwürste malträtierten, was seiner Meinung an Körperverletzung grenze, gab er eine Lehrvorführung im Weißwurstessen. Nur das echt süffige bayerische Bier vom Fass rutschte nicht so recht. Das lag eindeutig an den Temperaturen und nicht am Bier.

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