Wolf Messing: Hellseher in Stalins Diensten

Der Magier Wolf Messing lehrte die Mächtigen seiner Zeit das Fürchten. Foto: RIA Novosti

Der Magier Wolf Messing lehrte die Mächtigen seiner Zeit das Fürchten. Foto: RIA Novosti

Wolf Messing war Magier, Hypnotiseur, Prophet und Telepath. Für seine treffsicheren Voraussagungen wurde er von Hitler gejagt und von Stalin bewundert. Was das Geheimnis seiner Gabe war, ist bis heute nicht geklärt.

Geboren wurde Wolf Messing 1899 in einem jüdischen Städtchen in Polen, damals auf russischem Staatsgebiet. Seine Eltern wollten, dass er Rabbiner wird, und schickten ihn auf eine Talmudschule. Doch das lag dem jungen Wolf ganz und gar nicht. Er hatte etwas ganz anderes mit seinem Leben vor und lief davon. Ohne Fahrkarte bestieg er den nächstbesten Zug. Er versteckte sich unter einer Sitzbank vor dem Schaffner, der ihn dort entdeckte. Der Schaffner packte den jungen Messing am Schlafittchen, zog ihn unter der Bank hervor und wollte die Fahrkarte sehen. Wolf zeigte ihm selbstbewusst ein Stück altes Zeitungspapier. Der Schaffner lochte es und sagte: „Du Narr, da hast du eine Fahrkarte und versteckst dich." Messing erkannte zum ersten Mal, dass er die Gabe hatte, Menschen zu manipulieren.

 

Ein Meister seiner Zunft

Messing strandete in Berlin. Aus Geldmangel und im Kampf gegen den Hunger wusch er Geschirr und putzte Schuhe. Schließlich gelang es ihm, eine Anstellung in einem Zirkus zu bekommen. Er zeigte spektakuläre Nummern und wurde schnell berühmt. Wie kein anderer konnte er versteckte Dinge wiederfinden, Gedanken lesen, die Zukunft vorhersagen und andere durch bloße Willenskraft beeinflussen. Da er scheinbar echte Wundertaten vollbrachte, schrieb man ihm hellseherische Fähigkeiten zu.

Eines Tages kam der Zirkus zu einem Gastspiel nach Wien. Dort bekundeten zwei große Gelehrte Interesse am Phänomen Messing – Sigmund Freud und Albert Einstein. Und so trafen sie sich zu dritt zu einem Experiment. Messing sagte zu Freud: „Denken Sie sich einen Wunsch aus und ich werde ihn erfüllen." Daraufhin trat er an Einstein heran und riss ihm drei Barthaare aus. „Das war's doch, was Sie wollten, oder?", fragte er. Und tatsächlich, Freud bejahte.

Messing reiste fortan viel und zog die Aufmerksamkeit prominenter Zeitgenossen auf sich. Auch später noch, nach dem Zweiten Weltkrieg, suchten so bekannte Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, Marilyn Monroe und der polnische Staatschef Piłsudski seinen Rat.

Als Hitler an die Macht kam, kehrte Messing nach Polen zurück. Dort, in einem der Warschauer Theater, machte er seine wohl bekannteste Prophezeiung: „Wenn Hitler in den Krieg gen Osten zieht, wird das sein Untergang." Diese Worte gelangten bis zum Führer, der außer sich vor Wut

gewesen sein soll. Er setzte ein Kopfgeld von 200 000 Reichsmark auf Messing aus. Nachdem die Faschisten Warschau erobert hatten, begann die Jagd auf Messing und schließlich wurde er von der Gestapo verhaftet.

Eine Patrouille hielt ihn auf der Straße an und fragte: „Wer bist du?" Und Messing antwortete: „Ein Künstler." Doch Hitlers Schergen hatten ihn erkannt: „Du lügst. Du bist Messing. Na dann guten Tag, jüdischer Hexer! In Berlin erwartet man dich schon sehnlichst." Sie schlugen ihn ins Gesicht, woraufhin er das Bewusstsein verlor und erst wieder auf der Polizeiwache zu sich kam. Um seine Flucht vor den Nazis rankt sich eine abenteuerliche Geschichte. In Gedanken soll er den Gestapo-Leuten befohlen haben, in seine Zelle zu kommen, was diese gehorsam befolgten. Messing soll sie dann eingesperrt und sich in Richtung der sowjetischen Grenze abgesetzt haben.

 

Zuflucht in der Sowjetunion

In der Sowjetunion hatte man bereits von ihm gehört. Stalin ließ Messing mit seinem Privatflugzeug in den Kreml bringen. Begleitet wurde er von Männern, die die Uniform der Geheimpolizei NKWD trugen.

Stalin stellte ihn auf die Probe. „Zeigen Sie, was Sie können", sagte er. „Kommen Sie morgen früh zu mir auf die Datscha, einfach so. Sie werden ja wohl keinen Passierschein brauchen?", forderte er den Magier heraus.

Messing erreichte Stalins Datscha am nächsten Tag ohne Probleme. Die Wachen ließen ihn passieren: Er hatte ihnen vorgemacht, er sei Lawrenti Beria, der oberste Volkskommissar für Staatssicherheit.

Die nächste Prüfung war schwieriger. Stalin gab Messing den Auftrag, in der Staatsbank 100 000 Rubel abzuheben, ohne dafür eine Berechtigung zu haben. Am vereinbarten Tag fuhr Messing bei der Zentralbank vor, betrat das Gebäude, zeigte dem Kassierer ein leeres Blatt Papier und verlangte die Herausgabe der 100 000 Rubel. Und wieder war er erfolgreich. Mit einer Aktentasche voller Rubel fuhr er zurück in den Kreml.

Messing war auch in Russland für seine Prophezeiungen berühmt und berüchtigt. So sagte er den Kriegsbeginn fast auf den Tag genau voraus: „In den letzten zehn Junitagen des Jahres 1941 wird der Krieg beginnen." Noch vor Kriegsbeginn hatte er die Vorahnung, dass sowjetische Panzer in Berlin einrollen würden.

 

Stalin traute ihm nicht

Das Verhältnis Stalins zu Messing galt als kompliziert. Stalin fürchtete einen Menschen mit scheinbar übersinnlichen Fähigkeiten, mit der scheinbar tatsächlichen Gabe des Gedankenlesens. Er soll deshalb sogar ein wenig Angst vor Messing gehabt haben. Tatsächlich sollen sich beide auch nur ein paar Mal begegnet sein.

Dennoch war Stalin von Messings Fähigkeiten sehr beeindruckt. Der Legende nach soll Stalin den Magier im März 1953 heimlich auf seine Datscha eingeladen haben. Dort soll er ihn gefragt haben: „Du kannst doch die Zukunft voraussagen. Aber weißt du auch, wann du selbst stirbst?" – „Nach Ihnen, Genosse Stalin", soll Messing entgegnet haben. Daraus schloss Stalin: „Du weißt also, wann ich sterbe?" Messing wusste es, und sagte: „Sehr bald." Stalin sollen daraufhin vor Angst die Augen hervorgetreten sein. Er öffnete den Mund, die Augenlider wurden ihm schwer und er fiel tot auf den Teppich.

Sich selbst konnte Messing mit seiner Zauberkunst nicht helfen. Die letzten Jahre seines Lebens war er schwer krank und hatte schreckliche Angst vor

dem Tod. Als man ihn daheim zu einer Operation abholte, machte er eine letzte Prophezeiung. Auf sein Porträt blickend sagte er: „Es ist aus, Wolf. Du wirst nie mehr hierher zurückkehren." Messing starb 1974.

Bis heute ist das Geheimnis von Messings Zauberkunst nicht aufgedeckt. In den Archiven des Geheimdienstes KGB lagern angeblich Dokumente über Messing, die bis heute geheime Verschlusssache sind. Vielleicht bleibt seine Begabung für immer unerklärlich.

In der Literatur aber lebt Messing weiter. Es ist zwar nicht bekannt, ob der russische Schriftsteller Michail Bulgakow Messing überhaupt kannte. Aber man könnte vermuten, dass Messing das Vorbild für die Figur des Volands in seinem Klassiker „Der Meister und Margarita" war.

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